Popkomm-Absage - Konzertveranstalter: Artikelbild (groß)

Popkomm-Absage

Konzertveranstalter:

07.07.2009, 12:53, Text: Raphael Schmidt
[17 Kommentare]

Berthold Seliger von der Berthold Seliger Konzertagentur in Berlin gab nun einen Kommentar anlässlich der nicht stattfindenden Popkomm ab. Sein Fazit:  "Die Popkomm war überflüssig, und sie wird immer überflüssig sein."

In der Berliner Zeitung fuhr der Konzertveranstalter fort: "Egal, ob sie in Köln oder Berlin stattfindet, egal, welcher Regierungschef die Tonträgerindustrie unterstützt, egal, wer jetzt Krokodilstränen weint. Die Sachlage ist einfach: die Tourneeveranstalter, Agenten und Festivalbetreiber gehen nach London zur ILMC, die Tonträgerfirmen und Verlage gehen, solange das Geld reicht, noch zur Midem nach Cannes, und wer Neues entdecken will, geht zur Womex oder nach Austin/Texas zur SXSW".


So sei die Absage der Popkomm für ihn nur "logisch". Seiner Meinung nach sei die Popkomm eine "teure Bauchnabelschau mit Dauerparty", die man nun auf Grund der aktuellen Entwicklung der Tonträgerindustrie einfach nicht mehr zahlen könne. Auch den eigentlichen Grund für die Popkomm-Absage von Dieter Gorny hält er schlichtweg für Schwachsinn: "Keine Rede davon, dass die Branche bei der Entwicklung digitaler Tonträger alles verschlafen hat - von der Erweiterung der Vertriebswege bis zur Erneuerung des Urheberrechts. Außerdem weist selbst der Bundesverband Musikindustrie in seinem Jahreswirtschaftsbericht darauf hin, dass illegale Downloads und der Absatz von CD-Rohlingen stark rückläufig sind: Von 2003 bis 2007 hat sich die Zahl illegaler Downloads von 602 auf 312 Millionen fast halbiert, obwohl es drei mal so viele DSL-Zugänge gibt, heißt es dort. Die Tonträgerkonzerne erwirtschaften längst mehr als jeden fünften Euro im Internet, 2007 weltweit 3,7 Milliarden Dollar, wobei der Umsatz allein von 2007 auf 2008 um ein Drittel stieg".

Aber Gorny bekam auch weiterhin sein Fett weg. Angesprochen auf Raubkopiererei sagte Seliger weiter: "Gornys Konzept ist es, der Politik seine Forderungen stetig einzuhämmern: Der tausendfach verbreitete Unsinn wird schon irgendwann hängenbleiben. Unter diesem Motto unternahmen Gorny & Co. schon Kriminalisierungsversuche der Kunden durch ihre fragwürdige 'Copy kills music'-Kampagne und forderten scharfe Gesetze zur Diebstahl-Abwehr im Internet. Vorbild ist die Netzsperre für einzelne Musik-Piraten in Frankreich - ein Gesetz, das dort gerade vom Verfassungsgericht kassiert wurde, weil es gegen das Grundrecht auf Informationsfreiheit verstößt."

Laut Seliger hat die Musikindustrie inzwischen ihre Daseinsberechtigung verloren, da sie nie daran interessiert war, neue Vertriebswege zu entdecken, somit gehöre die Zukunft "den ehrenwerten Independent-Firmen, bei denen Musikliebhaber arbeiten, und die genau deshalb und wegen ihres Vertrauensverhältnisses zu ihren Künstlern auch überleben werden, wenn auch mit verändertem Geschäftsmodell." Dass inzwischen nur noch Raufereien wegen Urheberrechten liefen, sei auch logisch. "Die wenigsten Künstler haben etwas von der GEMA".

Weiter heißt es: "Musik aber gab es schon vor der Gründung von Plattenfirmen und der GEMA, und Musik wird es auch nach dem Untergang der Tonträgerindustrie geben", bekräftigt Bertold Seliger. "Es ist in der Menschheitsgeschichte eine anerkannte Kunstform, Werke nachzuahmen, zu kopieren und weiterzuentwickeln. Warum sollte die Politik ausgerechnet in Zeiten der Digitalisierung einer relativ kleinen Industriesparte die Legitimität eines anachronistischen Systems verschaffen?"



Artikel kommentieren
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 
  • User: Raphael Schmidt
  • Raphael Schmidt 07.07.2009 | 14:07:26

    Geile Ansage. Scheint ein super Typ zu sein!

  • User: MeckieMesser
  • MeckieMesser 07.07.2009 | 14:43:47

    na endlich...das sehe ich mal genauso.

  • User: x moore
  • x moore 07.07.2009 | 15:03:18

    raphael schmidt ist gewiss ein super schreiber. an dem originaltext von seliger gibt es eigentlich nichts wesentliches zu bemängeln.

  • hansmoleman 07.07.2009 | 15:30:00
    ...behaupte ich mal so.
    ist ja alles schön und gut, nur hab ich von seiten der konzertveranstalter nie vergleichbares hören dürfen, bevor vereine wie die gema auf die idee gekommen sind, ihre sinkenden einnahmen durch erhöhte gebühren für konzerttickets zu kompensieren. mit befriedigung stelle ich jedoch fest, dass gorny's versuch den ausfall der popkomm als drama zu inszenieren, voll nach hinten losgeht.

  • User: Der JO
  • Der JO 07.07.2009 | 18:13:52

    Gema und Gorny sind halt auch gefällige Opfer zum Draufhauen, da kann man nicht viel falsch machen.

  • User: Albert_Brettermeier
  • Albert_Brettermeier 08.07.2009 | 23:08:11
    generation brettermeier
    Für Wolfgang Niedecken hat der Seliger auch noch einen parat:

    "Ein gewisser Wolfgang Niedecken fragte an, ob er denn mit seinen beiden Söhnen in der Frankfurter Jahrhunderthalle Patti Smith angucken könne… und er meinte natürlich nicht, an welchen Vorverkaufsstellen Tickets zu erwerben sind, sondern er wollte die Tickets geschenkt.

    Unglaublich – mit schlechter Musik Millionär geworden, aber Geizkragen durch und durch, keinen Euro für gute Musik ausgeben, sondern sich mit seinen Söhnen aufs Konzert schnorren. Nun könnte man sagen, ein bißchen musikalische und lyrische Nachhilfe wäre für den Kölner Altrocker ja durchaus nötig (wenn er nicht so ein hoffnungsloser Fall wäre), aber andrerseits würde diese Nachhilfe allzu große Risiken beinhalten, am Ende macht Niedecken aus Patti Smith’s Songs noch kölsche Mundartversionen. Kölle Alaaf!"

    (Quelle: Monarchie und Alltag-Blog)

  • User: Silberrücken
  • Silberrücken 09.07.2009 | 07:03:12

    Berthold Seliger's Newsletter war neben der Bekanntgabe von Tourdaten schon immer einer der lesenswertesten Beiträge zur hiesigen Popkultur. Großartig, ihn hier mal poltern zu lassen.

  • User: Raphael Schmidt
  • Raphael Schmidt 09.07.2009 | 13:31:24

    wie geil ist der denn?
    ich mag den typ!

  • hansmoleman 09.07.2009 | 14:55:40
    ...behaupte ich mal so.
    ich bin da eher verhalten euphorisch. klingt doch alles sehr wohlfeil und ist in einigen ansätzen auch angreifbar, auch wenn's schön klingt und den eigenen indie-bauch so schön pinselt.

    Der Daseinszweck der Tonträgerindustrie war es, Musikaufnahmen zu finanzieren, zu kopieren und zu vertreiben. Alle drei Aufgaben sind mittlerweile obsolet: Mittlerweile beherrschen die Künstler die Produktionsmittel, und in Zeiten von Internet ist es leicht, direkten Kontakt zwischen Künstler und Publikum herzustellen. Nicht nur Radiohead verkaufen so ihre Musik.


    so einfach ist das eben doch nicht.

  • User: Der JO
  • Der JO 09.07.2009 | 18:06:11

    Fehlt nur noch die GEZ! Schwieriger macht er es sich mit Niedecken nicht. Und dieses Millionär- und Durchschnorren-Geblubber ist ohnehin Unsinn.

  • User: Silberrücken
  • Silberrücken 09.07.2009 | 19:54:20

    Klar muss bzw. kann man mit ihm nicht komplett einer Meinung sein, aber ich find's großartig, dass es in dieser Arschloch-Branche doch wenigstens mal einer wagt, das Maul etwas weiter aufzumachen.

    Editiert von Silberrücken am 09.07.2009 19:55:19

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • VERWANDTE ARTIKEL

  •  
Newsletter
Aktuell, übersichtlich und informativ: Der INTRO-Newsletter. Hier anschauen!
 
 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]

 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]