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»Ich wein einen Fluss«

Nils Koppruch ist tot

11.10.2012, 17:52, Text: Tino Hanekamp
[21 Kommentare]

Nils Koppruch ist am Mittwoch im Alter von 46 Jahren verstorben. Tino Hanekamp erinnert an den großen Hamburger Songwriter.

Nils Koppruch ist tot. Er ist am Dienstagabend friedlich zuhause eingeschlafen und am nächsten Morgen nicht mehr aufgewacht. Er hinterlässt seine Frau, seinen vierjährigen Sohn und unzählige Freunde und Bewunderer seiner Musik, seiner Bilder und Texte. Seit Stunden telefoniere ich mit Menschen, die ihn liebten, weil ich nicht weiß, was ich machen soll. Alle sprechen mit tonloser Stimme, viele weinen, jedes Mal hoffe ich, dass einer sagt, es stimmt nicht, war ein Irrtum, Nils ist gar nicht tot.

Warum stirbt der uns einfach so weg? Bedeutet das, dass er endgültig bis in alle Ewigkeit nicht mehr da ist? Und was machen wir jetzt?


Und ich denk an all die Ecken, wenn's zu Ende geht
An all die Ecken, wo ich schon mal stand
Und ich denk an all die Straßen, die ich runterging
Und an all die Ecken, die ich dann noch fand
Und jetzt wart ich auf meinen letzten Atemzug
Und dass ich noch zum letzten Mal sag
Lass mal noch ne Ecke weitergehen
Irgendwann kommen die Anderen nach

Nils Koppruch – »Eckensteher«

 
Es ist so merkwürdig, über ihn zu schreiben, als sei er nicht mehr da, denn bis gerade eben war er ja noch da, und die Entertaste geht nicht mehr, weil ich draufgeheult habe, und überhaupt ist alles eine riesengroße Scheiße.
 
Ich bin ihm 1999 zum ersten Mal begegnet, da war ich 20 und stand vor der Batschkapp in Frankfurt, weil Element Of Crime dort ein Konzert geben sollten, aber ich kam nicht rein, weil's ausverkauft war, und aus dem Fenster guckten ein paar Typen, und ich sagte, helft mir, ich muss da rein, und sie lachten, und wir redeten ein bisschen, und irgendwann kam einer runter und gab mir einen Backstagepass, und dann war ich drin. Eine Stunde später standen die Typen aus dem Fenster auf der Bühne, sie waren die Vorband, Fink, und Nils war ihr Sänger und Frontmann. Sie waren mit ihrem Album »Mondscheiner« auf Tour, und ich dachte nur: Was ist DAS denn! Sie spielten angeschrägten, extrem lässigen Americana, sahen irre cool aus, und dann noch diese Texte – voller Lakonie, Witz und Weisheit. Den Rest des Abends habe ich am Merch-Stand verbracht und mit Nils geredet, ich weiß nicht mehr worüber, aber seitdem bin ich Fan, irgendwann wurden wir Freunde.

Zwei Jahre nach Frankfurt zog ich nach Hamburg, und zwar nicht wegen Tocotronic oder Blumfeld, sondern wegen Fink. Erste Amtshandlung: Interview mit Nils im alten Lado-Büro zur neuen Platte. Er erkannte mich wieder, weil ich immer auf seinen Konzerten rumlungerte, und überhaupt war er ein überaus liebevoller, neugieriger und hilfsbereiter Mensch, ich habe ihm viel zu verdanken. In Hamburg geboren, hatte er diese typisch hanseatische, leicht distanzierte Höflichkeit, war aber gleichzeitig sehr herzlich. Er trug meistens zerbeulte Jeans, Hemd und Workingboots, war  unrasiert, rauchte Marlboro, und eines seiner Lieblingsalben war Ry Cooders »Paris, Texas«. Er war ein Eckensteher, Leutebeobachter, Großstadtcowboy; ein echtes Original, wie man in Hamburg sagen würde. So einen hatte es noch nicht gegeben, und so einen gibt’s auch nie wieder.
 
Nach einer Ausbildung zum Koch studierte er ein bisschen, brach ab und beschloss mit Mitte zwanzig, nur noch Künstler zu sein, Maler und Musiker. Bald machte er Musik, die es hierzulande noch nicht gab; so eine Art Alternative-Country mit DIY-Background und deutschen, wunderbar poetischen und eigenartig einzigartigen Texten, die man sich am liebsten übers Bett pinseln würde. Fink waren immer ein bisschen zu spröde für die breite Masse, entwickelten sich in wechselnder Besetzung beständig weiter, die Texte wurden tiefer, die Musik reicher, da war jetzt auch Bluegrass drin, Folk, Rhythm & Blues, und als sie am Besten waren, lösten sie sich auf. Seit 2007 war Nils solo unterwegs, veröffentlichte die Alben »Den Teufel tun« und »Caruso«.


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Fink, Nils Koppruch, Tino Hanekamp, Kid Kopphausen
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  • User: Nicholas Müller
  • Nicholas Müller 11.10.2012 | 19:58:34

    Grundgütiger. Traurigeres las ich selten. Und weil man so etwas nur sagt, wenn man es so meint, sage ich: Es tut mir leid.

  • User: Gandalf
  • Gandalf 11.10.2012 | 20:28:19
    Graue Eminenz
    verdammt. das darf doch nicht sein




    irgendwann wird's regen geben
    das ist sicher, soweit ich weiss
    irgendwann wird's regen geben
    nur mir wär's lieber es wär nicht gleich

  • User: Sara Sari
  • Sara Sari 11.10.2012 | 22:29:14

    DANKE für diesen sehr persönlichen, emotionalen und unfassbar menschenlichen Nachruf!

  • User: Maria Hülsmann
  • Maria Hülsmann 12.10.2012 | 01:47:56

    Danke. Solche wahrhaftigen und aufrichtigen Texte schreibt man nur mitten im Leben, mitten in der Erfahrung der Zerbrechlichkeit dieses Lebens. Danke, denn wenn man ihn gelesen hat, kann man weiterleben...

  • User: Rune_Bratseth
  • Rune_Bratseth 12.10.2012 | 06:50:34

    Danke, denn wenn man ihn gelesen hat, kann man weiterleben...


    bleib mal auf dem teppich...

  • moogy 12.10.2012 | 21:04:05

  • mxh 13.10.2012 | 13:42:24

    Er wurde nur 46. Leider. Nicht 47.

  • User: Tamarko
  • Tamarko 13.10.2012 | 23:11:30

    danke. mehr kann man nicht sagen. es ist so unsagbar traurig.

  • User: kafkaktus
  • kafkaktus 22.12.2012 | 19:06:59

    heute um 23.05 uhr auf br2 und morgen um 20.15 uhr auf ndr info erinnern zwei radiosendungen an nils koppruch.

  • User: kafkaktus
  • kafkaktus 22.12.2012 | 19:48:57

    hab's programmiert, mal sehen, obs klappt.

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