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Ein Abend mit Adam Yauch (MCA)

Ein Abschied

05.05.2012, 10:07, Text: linus volkmann

Vierter Mai 2012, Adam Yauch ist tot, gestorben an einem Parotistumor. Die Beastie Boys sind nun Geschichte. Nicht nur ihre eigene, sondern die Geschichte von vielen, denen die Band etwas bedeutet hat. Eine dieser Geschichten steht hier. Von Linus Volkmann

Zu Recht wird bei Nachrufen auf Adam Yauch nun das ganz große Fass Popkultur-Geschichte aufgemacht. Die Band der jüdischen Boys (die sie bis in ihre Vierziger geblieben sind) hat HipHop erweitert, verändert, Teile davon sogar selbst erfunden. An dieser Stelle soll aber nicht die Historie und Bedeutung der Band rezitiert, sondern von einer Begegnung mit der Band erzählt werden. Nicht mehr, nicht weniger.
 
Hotelboys

Thomas Venker und ich konnten die Beastie Boys treffen, es war Frühjahr 2009, Promo-Tag zum Album „Hot Sauce Committee Part Two“ (featuring unter anderem Santigold).

Eigentlich hätten wir die Styler gern für unser Format „Kochen mit“ gehabt, schließlich war es Ende der Nuller eine absolute Seltenheit, dass große amerikanische Künstler sich zu Pressezwecken nach Köln verirrten - wenn es nicht gerade einen Stefan-Raab-Auftritt zu absolvieren galt.

Doch mit den drei Pionieren des schlauen, rotzigen, grenzsprengenden HipHops am Herd stehen? No way, beschieden uns sowohl Band-Management als auch ihre ansässige Plattenfirma EMI. Und wir wollten nicht undankbar sein, ein Date mit den Beastie Boys, auch nur im Separee einer Hotel-Lobby, war immerhin noch ein Date mit den Beastie Boys.
 
Sabotage

Adam Yauch, Mike D, Ad Rock schüttelten uns die Hände, lümmelten sich dabei in Hotelsesseln. Ihr Desinteresse an Promoaktivitäten war geweckt. Fragen aller möglicher Facon ließen sie teilweise genussvoll an der professionellen Gag-Wand zerschellen, die sie um sich herum hochgezogen hatten. Nicht dass sie keine Auskunft gaben, doch dieses Interview als Highlight zu bezeichnen, wäre ganz schön geprahlt.

Endlich, so empfand ich es zumindest, durften wir gehen. Zäh war die knappe halbe Stunde verstrichen. Doch da bemerkten Adam und Ad Rock Thomas‘ Turnschuhe, irgendwas mit Neon, die ich bis dahin nur für eine arge Geschmacklosigkeit gehalten hatte. Doch nun war ich bereit, meine Meinung zu ändern. Immerhin diggten zwei Drittel der Beastie Boys diese Sneakers. Als Thomas dann noch anfing von gutem Wein zu erzählen, warum auch immer er darauf kam, wachte sogar Mike D auf.

Der Plattenfirmenverantwortliche komplementierte uns bereits raus, da hörte ich meinen Kollegen noch das Konzept von „Kochen mit“ den drei New Yorkern zurufen, er schwärmte von Schwäbischer Küche und speziellen lokalen Gerichten vor - auf englisch gar nicht mal leicht. Was dann geschah, war ziemlich unglaublich, die Band ließ uns nochmal kommen – und sich die Adresse unseres Koch-Studios in Köln-Raderberg geben.
 
„Habt ihr da wirklich diese Weine, von denen du eben gesprochen hast?“
„Ja.“
„Okay, see you tonight!“
 
In Rainers Boutique

Die Beastie Boys hatten sich quasi zu uns eingeladen. Wie krass war das denn?
Abends im Studio von Fotograf Rainer Holz hatten wir noch Redakteur Felix Scharlau an der Seite. Ich glaube, auch er war vor allem erstmal gespannt, nicht wie die Band privat so sei, sondern ob sie wirklich kommen würde. Wir hegten ehrlich gesagt arge Zweifel. Vielleicht war das nur so amerikanisch dahergesagt: Yeah, we should meet. Definitely!

Doch die Beastie Boys kamen. Es gab Maultaschen. (Das ganze „Kochen mit“ findet sich hier:

www.intro.de/kuenstler/interviews/23056655/beastie-boys-kochen-mit)

Und vor allem Wein. Die drei erzählten von der Kunst des Sobanudel-Machens, dem Pendeln zwischen L.A. und New York, interessierten sich für krude Geschichten über Deutschpunk.

Zuletzt war die Band in Asien gewesen. Mmh, da war doch noch was... Denn da Adam Yauch stets als Vorzeige-Aktivist für die Bewegung „Free Tibet“ galt und die Olympischen Spiele in Peking erst im letzten Jahr gewesen waren, fürchteten wir, er könne genervt sein – von diesem, seinem Thema, auf dass sich gerade jeder Feelgood-Trottel im Showbiz stürzte. Doch das Gegenteil war der Fall. Engagiert erzählte er von Reisen dorthin, von Plänen, mit befreundeten Künstlern weitere Projekte hierfür aufzustellen.

Es fiel dabei auf bei Adam Yauch, dass er sich bei dem leicht römisch-dekadenten Gelage zurücknahm. Er trank keinen Tropfen Alkohol, obwohl Wein als so ein immenses Thema des Abends fungierte. Mit seinen grauen Haaren, entspannter Krawatte, Sneakers und vor allem dem Anzug wirkte er allerdings ohnehin distinguierter als seine zwei Kollegen, die leichte Introvertheit entsprach seiner Figur. Es war schon mitten in der Nacht, als die Band in den bestellten Wagen stieg. „Kneift mich mal!“, war das, was wir danach einander am meisten zu sagen hatten.
 
License To Ill

Kurz nach dieser unfassbaren Heimsuchung (wir waren uns übrigens auch nicht zu blöd, uns die aus dem Drucker kommenden Fotos der Band gleich signieren zu lassen) flogen die Beastie Boys zurück in die USA, wo sich ihre Wege (sie wohnten teilweise Küsten voneinander entfernt) bis zum Release der Platte wieder trennen sollten.

Umso überraschender, dass wenige Tage darauf ein aktuelles Video Verbreitung fand, in dem man Adam und Ad Rock im Studio sah. Nüchtern, lapidar aber sichtlich angespannt plauderten sie über die Verschiebung der Platte, weil sich Adam einer Krebstherapie unterziehen müsse.
Scheiße.

Auch der Name des Krebs‘ fiel, Ohrspeicheldrüsenkrebs. Aha? Nie vorher gehört.
Für den „Kochen mit“-Text entschieden wir uns, das Faktum der ominösen Krankheit mit reinzunehmen. Eine befreundete Medizinerin bekam den Auftrag, ein paar erklärende Sätze zu der Krebsart zu liefern.

Sie schrieb, dass er zu einer hohen Prozentzahl tödlich sei. Das wollten wir allerdings weder drucken noch glauben. Immerhin wirkte Adam in dem Video so gefasst und an dem Abend erzählte er von all jenen Sachen, auf die er sich beim Touren freute. Wir milderten das Todesurteil in dem Erklärungs-Kästchen ab, beziehungsweise handelten die Medizinerin auf die günstigst denkbare Prognose runter. So steht in Intro #175:
 
„Krebse der Speicheldrüse werden Parotistumore genannt. Männer sind davon häufiger betroffen. Bei frühzeitiger Diagnose sind sie meist gut therapierbar.“
 
Mehr Wunsch als Wirklichkeit, wie sich rausgestellt hat.
 
Don’t Play No Game That I Can’t Win

Und dann. Dann geschah erstmal nichts. Tour, Platte – alles blieb verschoben. Bis knapp ein Jahr nach dem Treffen recht plötzlich die Ansage der EMI kam, das Album „Hot Sauce Committee Part Two“ (in einer neuen Version) erschiene nun doch - am 29. April 2011. Ob dies auch als eine Entwarnung bezüglich Adams Erkrankung zu interpretieren sei, wollten wir beim Management wissen – denn schließlich wünschte man sich eine Krankheits-Heldengeschichte genauso. Und tatsächlich wurde verlautbart, die Chemotherapie nach der Operation habe gut angeschlagen. Ach, diese Information sollte reichen. Platte kommt, alles wird gut!
 
Am 4.Mai nun erfuhren wir vom Tode Adam Yauchs. Wir bedanken uns für einen Abend voller Glück - und für Musik, die uns genau wie Millionen anderer gekickt, inspiriert und begleitet hat. 



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