Maxïmo Park
Von der Unfähigkeit, Nein zu sagen
16.02.2012, 10:15, Text:
Peter Flore, Foto: Kieran Dodds
[2 Kommentare]
Vor knapp acht Jahren besuchte uns eine junge Gruppe von gut aussehenden Herren mit einem fulminanten Debüt in der Tasche in unserer Kölner Redaktion. Am Ende des Besuchs wollten Maxïmo Park kurz noch E-Mails checken – und blieben die ganze Nacht. Seitdem ist viel passiert. Peter Flore reiste nach England für ein Status-Update.
Der südenglische Kurort Bath hat mit Rock’n’Roll auf den ersten Blick so viel gemein wie »Wetten, dass ...!?« mit Hochkultur. Die von der UNESCO als Weltkulturerbe eingestufte, knapp 90.000 Einwohner zählende Stadt ist für ihre römischen Bäder und bestenfalls noch für ihre Universität bekannt, gilt als Shoppingparadies und beeindruckt den Besucher vor allem mit ihrer georgianischen Architektur. Ein Ort, an dem alles etwas langsamer vonstattengeht als im knapp anderthalb Zugstunden entfernten London. Und wo wohlhabende Menschen sich zur Ruhe setzen und auf ihr Leben zurückblicken. File under: schön und herrlich spießig. »Das ist genau der Ort, wo ich meine Rente verprassen möchte«, sagt Paul Smith mit einem verschmitzen Lächeln auf den Lippen. Er schlendert mit dem Rest seiner Band Maxïmo Park an einem vergleichsweise milden Donnerstagabend Mitte Januar durch die engen Gassen der Stadt. Der Spaziergang gilt der Suche nach einem nicht hoffnungslos überfüllten Pub, in dem man den Abend ausklingen lassen will. »Am liebsten würde ich mich genau jetzt zur Ruhe setzen«, fügt er hinzu. Ob er das ernst meint?
Paul Smith trägt neuerdings einen formschönen Vollbart und nicht mehr so gern Melone. Das ist vielleicht die wichtigste Neuerung, die einem sofort auffällt. Man hatte zwischenzeitlich ja schon fast vergessen, wie Maxïmo Park eigentlich aussehen. Im Pop sind drei Jahre eine halbe Ewigkeit – so lange ist es her, dass die Band aus dem nordenglischen Newcastle ihr bis dato letztes Studioalbum »Quicken The Heart« veröffentlicht hat. Drei Jahre freilich, in denen zumindest das Gesicht der Band künstlerisch nicht untätig war: Sänger Paul brachte zwischenzeitlich sein erstes Soloalbum »Margins« (2010) raus, neben Gitarrist Duncan Lloyd (mit »Seeing Double« von 2008) das bisher einzige Mitglied mit Soloambitionen. Vom Rest der Band – Schlagzeuger Tom English, Keyboarder Lucas Wooller und Bassist Archis Tiku – sind derlei kreative Nebenschauplätze nicht überliefert. Ein bisschen was hier, ein paar Fingerübungen dort. Ansonsten aber: Privatleben, Familie, Entschleunigung. Jetzt aber, in den ersten Januarwochen 2012, ist man wieder ganz Maxïmo Park, ganz jene Band, die die Öffentlichkeit für Alben wie das furiose Debüt »A Certain Trigger« und Songs wie »Books From Boxes« schätzt. Dass das so ist und man nun am noch unbetitelten vierten Album arbeitet, ist allerdings alles andere als eine Selbstverständlichkeit.
Fotostrecke:Maxïmo Park
Famous Last Words
»Dieses Album würde ein gutes letztes Album abgeben«, greift Lucas Wooller Pauls subtilen Gedanken von Frührente und Schlussstrich wenig später in trauter Runde bei Whisky und Ale noch einmal unbewusst auf. »Wenn man den Gedanken, dass das Letzte, womit du in Erinnerung bleiben möchtest, deine beste Arbeit sein sollte, aufnimmt, macht es tatsächlich Sinn. Wir glauben, dass wir mit diesem Album eine Art ›Greatest Hits‹ abgeliefert haben – obwohl niemand außer uns die Songs bis jetzt kennt. Es ist ein Maxïmo-Park-Album in Formvollendung – und nein, wir glauben nicht, dass es unser letztes ist. Vielmehr ist jetzt der Weg frei, um schon ans nächste Album zu denken«, führt Paul Smith aus. Ja, es habe eine derartige Diskussion zwischen ihm und Lucas gegeben, dass man sich nicht sicher sei, ob es überhaupt ein viertes Album geben werde. Weil sich der Schreibprozess lange hinzog, weil es, wie Paul erklärt, »anstrengend und schwierig gewesen sei, Songs zu schreiben«. Und wo genau läge der Sinn, weiterhin eine Band sein zu wollen, wenn die Haupttätigkeit – das Songschreiben – nicht mehr leicht von der Hand gehe und sogar zur Belastung werde?
Die soundtechnischen Experimente, die man zwischenzeitlich aufgenommen hatte, waren letzten Endes in den Mülleimer gewandert: »Wir haben uns irgendwann darauf verständigt, dass wir eine Popband sind und nur Popsongs schreiben wollen und können – Strophe, Bridge, Refrain – ein toller Refrain, eine tolle Melodie – that’s it.« Erschwerend kam hinzu, dass man sich nach drei erfolgreichen Alben einvernehmlich vom Label Warp getrennt hatte und momentan quasi heimatlos ist. Album Nummer 4 inklusive Produzent hat die Band komplett aus eigener Tasche bezahlt und dahingehend fast ihr gesamtes Erspartes auf eine Karte gesetzt. Wie beim Roulette, alles auf die Vier. »Ja, aber es ist eine todsichere Wette«, lacht Paul, wohl wissend, dass man nicht lange ohne neues Label bleiben wird. In der Tat gibt es bereits fortgeschrittene Gespräche und mit den neuen Songs offenbar, um im Bilde zu bleiben, ein Ass im Ärmel. Und natürlich ist dieser Umstand auch ein Ausdruck von Selbstbewusstsein, dass man es noch mal ernst meint. Seit Dezember wohnt die Band im unscheinbaren Moles Studio, in den hinteren Räumen eines gleichnamigen Clubs. Abends mischt man sich unter die Ausgehgesellschaft und hängt quasi mit der Basis an der Bar ab – das Gute an einer überschaubaren Stadt wie Bath. Man ist ungestört, hat im Zweifel aber immer noch mehr Ablenkung und Zerstreuung, als den Schafen beim Blöken zuzuhören wie zuvor in den Rockfield Studios in der walisischen Einöde, wo man die Arbeiten am neuen Album begonnen hatte. Die Band schläft in Feldbetten in einem großen Vierbettzimmer, wie in der Jugendherberge. Nur Sänger Paul hat sein eigenes Zimmer, dessen Wände er notdürftig mit Zeitungsartikeln und den Covern von gerade erworbenem Secondhand-Vinyl von Ride, Japan, Shoes und »The Idiot« von Iggy Pop dekoriert hat. Moles ist ein Ort mit Geschichte, die man hier nicht vermutet: Portishead haben in dem Studio »Dummy« aufgenommen, Spiritualized »Ladies & Gentlemen«. Im Moles aufzunehmen war die Idee von Produzent Gil Norton (Foo Fighters, Blondie), der unweit von hier aufwuchs. Am heutigen Abend beendet die Band offiziell ihre Aufnahmen und bespricht zusammen mit ihrem Mentor noch mal jede einzelne Version jedes Songs – fünf gibt es vorab für mich zu hören. Genauer: Auszüge daraus. Alle noch unbetitelt und roh. Neben einer typischen Maxïmo-Park-Upbeat-Nummer ist es einer von drei ruhigen Songs mit extrem tiefen Vocals, der nachhaltig begeistert. So hypnotisch und düster hat man Paul Smith noch nie singen hören. »Ich hatte dieses Mal den Mut, etwas anderes zu probieren«, sagt er. Wann das Album erscheinen wird, wissen sie alle noch nicht. Es gibt keinen Plan – vielleicht auch einer der positiven Nebeneffekte, wenn man gerade kein Label im Rücken hat.
Stop Making Plans
Einen Plan gab es auch 2005 nicht, als sich »A Certain Trigger« fast über Nacht in wohl jede Playlist der wichtigsten Alben der Nullerjahre einreihte. Jenes Relevant-Set, jenen Kanon, den nachfolgende Generationen entdecken werden, genauso, wie Spätgeborene vor ihnen The Cure, Joy Division oder The Smiths kennengelernt haben. Man habe zwar schon im Studio gedacht, dass man da etwas schaffe, was die Pop-Nachwelt überdauern würde, dass es einen solchen Aufschlag schaffen würde, aber nicht. Das Nachfolgealbum »Our Earthly Pleasures« ist bis heute das bestverkaufte Album auf dem Warp-Label. Doch schon auf der Tour zu »Quicken The Heart« musste die Band in Deutschland ihre Konzerte in kleinere Hallen verlegen. Das war 2009, vier Jahre nach dem epochalen Debüt. Im Pop, wie gesagt, eine Ewigkeit.
»Wenn du in einer Band bist, die mehr als ein Album aufnehmen darf, erfährst du die positiven und negativen Aspekte des Zeitgeistes«, erklärt Lucas. »Plötzlich waren wir aus der Mode. Aber auch unabhängig von Publikumszuspruch oder Verkaufszahlen ist unser neues Album genau das, was wir machen wollen. Und gleichzeitig der Grund, warum wir überhaupt noch Musik machen. Weil wir alles, was uns ausmacht, da reingesteckt haben ...« Es klingt nach dem üblichen Marketingsprech, aber Lucas meint es offensichtlich ernst. Und es wird der einzige Moment an diesem Abend sein, an dem sich der hünenhafte und immer etwas wie ein tapsiger Bär erscheinende Bassist Archis zu Wort meldet: »Definitely, mate!« – genau so und nicht anders, Kumpel. Dann geht er wieder raus rauchen, eine der zwei Möglichkeiten, wo er nach Meinung seiner Bandkollegen ist, wenn er nicht mit am Tisch sitzt: rauchen oder schlafen.
Die Runde am Tisch wirkt alles andere, als sei sie bloß eine Zweckgemeinschaft, dabei ist es mittlerweile wirklich schwer geworden, Maxïmo Park zu sein. Paul, Archis und Duncan wohnen weiter in Newcastle, Lucas und Tom in London und Liverpool. Trotzdem waren sie bis zuletzt im normalen Bandbetrieb mindestens drei Tage die Woche in der Heimat Newcastle. »Wir wollen sehen, dass wir zukünftig wirklich nur zusammenkommen, wenn wir konkret an Songs arbeiten oder für Touren und Festivals proben«, sagt Paul, und alle nicken. Als Facebook-Beziehungsstatus ausgedrückt: Es ist kompliziert.
Being Maxïmo Park
Die Band musste sich, bevor die Arbeit an dem Album richtig losgehen konnte, erst wieder darüber im Klaren werden, was es heißt, Maxïmo Park zu sein. Eine Frage, die sich auch aus der Historie der Band ergibt. »Es war und ist eine verdammt spannende Zeit, um dabei zu sein«, so Paul. Damit meint er die Zeit um »A Certain Trigger«, aber auch die Gegenwart. »Wir haben mit unserem Debütalbum sicherlich etwas hinterlassen, was man in zehn, fünfzehn Jahren zumindest pophistorisch immer dieser Zeit zuordnen wird. Das macht uns stolz, und es ist mehr, als wir anfangs jemals erwartet hätten.« Seine Mutter frage immer noch nach jedem Konzert, wie es gewesen sei, nach den Zuschauerzahlen. Bei einer stattlichen Welttour kommen da viele Telefonate mit Zuhause zustande. Drummer Tom English berichtet, dass seine Eltern nach wie vor auf jedes Konzert auf der Insel kämen. Dann erinnert er sich an einen kurzfristig abgesagten Auftritt in Aberdeen: »Meine Eltern saßen im Hotel und fragten: ›Und dafür sind wir nun hergekommen?‹« Paul erzählt sogar, dass seine Mutter Radio- und Fernsehinterviews aufnehme und archiviere, manchmal spreche sie auch mit ihrem Zögling über seinen Auftritt. Ob ihn das nerve? Nein, er wisse das zu schätzen, entgegnet er. Es ist wahrscheinlich wie bei jedem anderen Lebensentwurf auch: Die Eltern müssen es nicht verstehen, aber man ist doch dankbar, wenn sie es tun.
Ob es im Jahre 2012 noch zeitgemäß sei, am Albumformat festzuhalten, gerade jetzt, wo die Band frei von Labelinteressen entscheiden könne? »Wir sind da altmodisch«, erklärt Duncan. »Wir wissen genau, was wir den Leuten präsentieren wollen: eine Auswahl an Songs. Es ist für uns keine Option, nur einzelne Songs im Netz zu veröffentlichen oder, wie es die Kaiser Chiefs gemacht haben, einen bestimmten Pool an Songs bereitzustellen und dann die Fans über eine persönliche Reihenfolge entscheiden zu lassen. Wir funktionieren nicht so, wir mögen das Album als Konzept. Wir schreiben auch keine B-Seiten, wir schreiben Songs. Wenn manche davon nicht aufs Album kommen, liegt das nicht an der Qualität des Songs, sondern daran, dass er nicht zum Gesamtbild des Albums passt. Letztlich gilt doch bei jeder Art der Veröffentlichung: Die Musik ist essenziell, nicht die Form.« Es scheint, als wüssten die fünf genau, wovon sie reden.
Zurück auf Anfang. Auf dem Weg nach Bath gerate ich in London an einen kommunikativen Taxifahrer. Als ich ihm erzähle, dass ich unterwegs bin, um die Band Maxïmo Park zu treffen, entgegnet er: »Maxïmo Park? Gibt’s die noch? Meine Frau mag sie sehr. Ihr wievieltes Album ist das jetzt?« – »Ihr viertes«, entgegne ich. »Man sagt ja, das dritte entscheide darüber, ob man es packt oder nicht – make it or break it! Also haben sie es geschafft, oder?« Es ist eine erschreckend einfache Rechnung.
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Kathrin Kempf 29.02.2012 | 06:12:49
Schön von dieser tollen Band mal wieder was zu lesen!
Danke für's Nachhaken!
Und ja, ich glaube sie haben's geschafft.
DerIgelanderOrgel 02.03.2012 | 11:32:43
Your Mama's pudgy. Face it.
Bien joué, Monsieur Fleuré!
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