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Audiolith schauen in Limbach-Oberfrohna nach dem Rechten

Etwas Besseres als die Nation

06.02.2012, 11:29, Text: Artur Schock, Foto: Norbert Schwarz

Solidarität gegen Rechtsradikalismus ist heute leider mehr denn je gefragt. Egotronic und Supershirt vom Label Audiolith sowie Feine Sahne Fischfilet unterstützten jetzt die politische Arbeit mit einem Festival in einer Neonazi-Hochburg. Für Intro berichtet Artur Schock, bei Audiolith für das Booking zuständig, von einer Reise nach Limbach-Oberfrohna in Sachsen.

Wir schreiben den 7. Januar 2012. Es ist ein Samstagmorgen, und es pisst aus Kübeln. Wir sollten schon längst losgefahren sein, aber wie immer sind wir viel zu spät dran: Alle haben verpennt. Heute werden wir wie fast jeden Samstag eine Show spielen, allerdings keine gewöhnliche. Die heutige ist in Limbach-Oberfrohna. Und da kann einiges passieren. Zum Beispiel könnten Nazis das Konzert angreifen oder unsere Autos anzünden. Aus diesem Grund nehmen wir heute lieber nicht unser eigenes Fahrzeug, sondern mieten uns eins. Nach einem Brandanschlag auf das Tour-Auto von Egotronic vor zwei Jahren sind wir in dieser Angelegenheit etwas vorsichtiger geworden. Wir erreichen Limbach-Oberfrohna in der Dämmerung. Das Jugendhaus, in dem das Konzert stattfindet, liegt am Rande der Stadt. Die Konzertveranstalter sind Jugendliche aus dem Ort. Um uns kümmert sich Robert. Er ist 19 Jahre alt, arbeitet als Gießereimechaniker und trägt einen roten Iro, an seiner Hose sind Aufnäher skandinavischer Crustpunk-Bands. Wer hier in der Stadt so rumläuft, kriegt schnell Ärger. Eigentlich reichen aber auch schon geringere Gründe als Punkzugehörigkeit, um ins Visier der Nazis zu gelangen. »Mit den Faschos sollte man sich in der Stadt hier generell gut oder zumindest neutral stellen«, berichtet Robert aus seinem Alltag. »Wenn man zu ihren Freunden gehört oder zumindest mit Freunden von ihnen befreundet ist, kriegt man beim Stadtparkfest oder beim Weihnachtsmarkt keine aufs Maul.« Irgendwann wollte sich Robert aber nicht mehr mit ihnen arrangieren und beschloss, mit ein paar Freunden aktiv zu werden. Sie gründeten die »Soziale & Politische Bildungsvereinigung Limbach-Oberfrohna« und eröffneten einen alternativen, nazifreien Jugendtreff. Das bedeutet in Limbach eine Menge.


National Befreite Zone Limbach

Die E-Mail kam letztes Frühjahr:

»Hallo.
Wir, die Soziale & Politische Bildungsvereinigung Limbach-Oberfrohna, veranstalten auf dem Johannisplatz in Limbach-Oberfrohna unser mittlerweile zweites unkommerzielles Festival unter der Überschrift Stay Rebel.«


Limbach-Oberfrohna, das hatte ich doch schon mal irgendwo gehört. Das Kaff stand im Zentrum eines Beitrags des ARD-Magazins »Panorama«, der ein paar Wochen zuvor durch Facebook grassiert war. In diesem wurde die kleine winterliche Stadt in Sachsen vorgestellt, und zwar, weil sich in ihr seit Generationen Nazis ohne Widerstand von Staat und Stadt ausbreiten können. Auch der Bürgermeister kam in dem Beitrag zu Wort. Er bemühte sich mit umständlichen Formulierungen, das Offensichtliche wegzureden: Dass in seiner Stadt militante Neonazis den Ton angeben und alles und jeden plattmachen, der sich ihnen in den Weg stellt. Ein kleines Nazireich mitten im schönen Sachsen, in einem Städtchen mit sanierten Fassaden, einer neuen Stadthalle und einem Zoo mit Flamingos. Die Nazis sind keine Aliens hier. Sie können sich seit 20 Jahren festsetzen. Sie sind Teil der Gemeinde, betreiben Läden, engagieren sich in Vereinen oder saufen an der Tankstelle.



Zum Zeitpunkt des Beitrags musste die ARD-Moderatorin die Zuschauer noch vorsichtig an die Thematik »Rechtsradikalismus« heranführen. Denn das Thema sei »aus der Mode gekommen«, die Bedrohung von Rechts aber leider immer noch Alltag in Deutschland. Wie recht sie hatte, zeigte sich dann am 4. November, als sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach einem missglückten Banküberfall in ihrem Wohnwagen erschossen. Plötzlich rückte die rechte Szene wieder massiv ins Visier der Öffentlichkeit.

Party-Politik

Knapp zwei Monate später, am 7. Januar, findet nun unser kleines Festival mit Egotronic, Feine Sahne Fischfilet und Supershirt im Jugendhaus von Limbach-Oberfrohna statt. Das Line-up ist gezielt der Versuch, in die Breite zu gehen und möglichst viele anzusprechen. Mit dem gleichen Ansinnen ist der Eintrittspreis niedrig mit acht Euro angesetzt. Der Abend ist ein voller Erfolg, der Laden brechend voll. Schon beim ersten Song von Feine Sahne dreht die Menge komplett durch. Druckvoller Skapunk mit politischen Ansagen nennt man die Musik wohl – auf jeden Fall genau das Richtige für diesen Abend. Es wird gepogt und gestagedivt. Der Sänger Monchi springt das halbe Konzert über im Publikum rum. Als Nächstes stimmen Supershirt mit ihrem Indielectro wieder etwas versöhnlichere Töne an und bereiten so das Feld für Egotronic. Ein ausgelassenes Punkkonzert. Es sind viele Jugendliche aus dem Dorf zu der Show gekommen, aber auch zahlreiche Freunde und Bekannte der Veranstalter aus der Region. Robert freut sich merklich: »Es ist schon ein paar Jahre her, dass man in unserem örtlichen Jugendhaus ›Alerta Antifascista‹ gehört hat.« Das Jugendhaus ist zwar kein explizit rechter Treffpunkt, aber was bedeutet das schon in einer Stadt wie Limbach-Oberfrohna? Am Wochenende hängen die Nazis hier genauso rum wie überall anders im Dorf. In dieser Nacht trauen sie sich aber nicht raus. Und auch die nächsten Tage wird es ruhig bleiben.

Über das Warum lässt sich nur spekulieren. Dass sie Angst vor uns haben, lässt sich bezweifeln, schon eher spielt es eine Rolle, dass bei einigen der Rädelsführer gerade Verfahren wegen zurückliegender schwerer Gewaltdelikte oder Brandstiftung laufen. Und die wenigen, die doch Ambitionen haben, wie der NPD-Kader aus dem Nachbarort, der seine Kameraden per E-Mail-Verteiler dazu ermuntert, KonzertbesucherInnen »gegen Spritgeld« aufzulauern, laufen in ihren Ambitionen wirkungslos ins Leere. Die Polizei bleibt ebenfalls in der Defensive, nur der Staatsschutz hat im Vorfeld ein wenig mit Befragungen des Jugendhaus-Personals genervt.

Die Bilanz ist also wirklich gut im Vergleich zu vergangenen Veranstaltungen der Jugendlichen. Die Stadt hat nicht wie sonst versucht, Druck auf das Jugendhaus auszuüben oder einfach die Raumbuchung rückgängig zu machen. Sogar die Kaution gibt es wieder – die bei früheren Veranstaltungen aus fadenscheinigen Gründen wie beispielsweise nicht gemachten Vorher/Nacher-Bildern nicht wieder herausgegeben oder um 250 Euro gekürzt worden war, weil das Parkett angeblich nicht richtig gewischt gewesen sei. Die Lokalpolitiker sind anscheinend eingeschüchtert von der Heftigkeit der Reaktionen auf ihre dummen Interviews und von der Welle der Solidarität mit dem Bildungsverein. Denn auch wenn man vor Ort nicht wirklich Probleme mit den Gesinnungen hat, man will nicht Teil der schlechten Presse um die Nachbarstadt Zwickau, genauer: die Mitglieder der rechten Terrorgruppe NSU, zu der Böhnhardt und Mundlos gehörten, werden. Die Stadt ist plötzlich besorgt um ihr Image. Der Bürgermeister würde es sicherlich bevorzugen, wenn sich die Berichterstattung auf den frisch renovierten Zoo konzentrierte.

Im Sandkasten mit den Nazis

Mit den sich selbst eingebrockten peinlichen Interviews war es aber nicht getan. Die Presse setzte den Stadtvätern zuletzt weiter zu: Das MDR-Magazin »Exakt« veröffentlichte ein geheimes Protokoll aus dem »Kriminalpräventiven Rat« der Stadt. In diesem heißt es über ein Mitglied des Bildungsvereins, das oft zum Opfer rechter Gewalt wurde, es sei »ideologisch festgefahren und provoziere gezielt«. Es ist für die Stadt also klar, wer die Schuld an der sozialen Unruhe trägt: die Antifaschisten, die durch ihr Engagement die Nazis provozieren.

»In so einem Klima wird jede Kleinigkeit zur politischen Tat und somit zur Provokation«, erzählt Robert. »Selbst wenn du nur eben schnell im Edeka was einkaufen gehst, zeigst du damit gleich Präsenz in der Stadt.« Krass ist die Offenheit, mit der seine Freunde und er mit der Presse reden. Seinen Kumpel Daniel zum Beispiel sah man schon in zwei Fernsehbeiträgen, und er hat, wie alle anderen auch, kein Problem damit, seinen echten Namen in der Zeitung zu lesen. »Limbach hat nur 22.000 Einwohner. Hier weiß man schnell, wer auf welcher Seite steht«, verdeutlicht Daniel die lokalen Gegebenheiten. »Wir kennen die Nazis, die uns angreifen, zum Teil noch aus der Grundschule oder sogar aus dem Sandkasten. Verstecken hat hier keinen Sinn mehr.«

Absurde Zustände

Anfang 2011 wurde auf das alternative Jugendzentrum ein Brandanschlag verübt, bei dem das Haus vollständig ausbrannte. Der Täter ist ein stadtbekannter Neonazi. Er zog in dieser Nacht mit Kumpels aus dem städtischen Jugendzentrum Eastside los, um den Brandanschlag zu verüben. Die Stadt reagierte prompt mit der Schließung des Eastside: Ein neuer, nicht vorbelasteter Jugendclub solle für 200.000 Euro her – der Bildungsverein hingegen erhielt für den Wiederaufbau seines Treffpunkts mit 500 Euro kaum städtische Gelder. »Ein zweites Eastside sollte mit dem neuen städtischen Jugendclub Suspekt unbedingt vermieden werden«, erinnert sich Robert und berichtet weiter, wie kläglich der Plan gescheitert sei. »Der neue Laden machte schon vor der Eröffnung seinem Namen alle Ehre.« Anfang Januar dieses Jahres feierte der umtriebige Bürgermeister in seinem Podcast die Eröffnung des neuen Jugendzentrums ab: Während er eine kleine Ansprache an die interessierten Bürger hält, malen im Hintergrund zwei bekannte und vorbestrafte Nazis, einer davon in Thor-Steinar-Kleidung, ein schickes Wandbild. Ein Foto des grinsenden Bürgermeisters zwischen den beiden engagierten Nazis geht ein paar Tage vor unserer Show im zweiwöchig erscheinenden Limbacher Stadtspiegel an alle Haushalte. Keiner soll behaupten, in Limbach tue man nichts für die Jugend!

»In ebendiesem Stadtspiegel stand auch, dass in unserem neuen Treffpunkt Sprengstoff gefunden worden sei«, erinnert sich Robert. Nicht geschrieben wurde, dass die Polizei bald eingestand, dass der gefundene Sprengstoff in Wirklichkeit Düngemittel gewesen sei. »So was ist natürlich nicht gerade förderlich für das Image eines Vereins«, erzählt Robert weiter. »Das ganze Vorgehen der Stadt wirkt so, als wäre es ihnen wichtig, die Arbeit gegen die Nazis zu kriminalisieren und uns mundtot zu machen. Wir stören den schönen altbewährten Limbacher Frieden.« Daniel, ein anderes Vereinsmitglied, erlebte neben Dutzenden körperlichen Angriffen auch Morddrohungen von Mitgliedern einer verbotenen Nazi-Terrorgruppe. Als sich seine Eltern an die Stadt wandten, empfahl ihnen der Kulturamtsleiter, »ihre Kinder erst mal richtig zu erziehen« und »sie ordentlich zu kleiden«, erläutert Daniel. Wohin dieses Wegschauen seitens der staatlichen Institutionen führt, wurde am 4. November klar, als die Morde der NSU aufflogen. »Die gleiche Polizei und der gleiche Verfassungsschutz, der ein paar Kids wegen etwas Dünger die Hölle heißmacht, kriegen es über zehn Jahre lang nicht hin, drei bekannte Naziterroristen, die genau vor ihrer Nase in einem Haus wohnen und seelenruhig Menschen ermorden, zu schnappen«, regt sich ein weiteres Vereinsmitglied auf, das namentlich nicht genannt werden möchte. »Die Nazis fallen den Behörden gar nicht auf. Das ist wirklich unfassbar und sehr schockierend.«

Dass man sich in so einem Klima nicht auf die Staatsmacht verlassen darf, ist eine logische Konsequenz. Deswegen ist antifaschistische Gegenwehr so wichtig. Menschen, die sich gegen Nazis engagieren, verdienen Solidarität. Aus diesem Grund sind wir gerne nach Limbach-Oberfrohna gekommen, und es wird nicht das letzte Mal sein.

Ein Ort wie viele

Limbach-Oberfrohna ist sicher kein Einzelfall. Es gibt Dutzende Kleinstädte in Deutschland, in denen Geschichten passieren, die noch erschreckender sind. Feine Sahne Fischfilet kommen aus Güstrow bei Rostock. Monchi, der charismatische Sänger der Formation, der aussieht wie ein riesiges süßes Baby, hört sich die Storys der Kids vor Ort interessiert an. Seine Reaktion amüsiert uns: keine Betroffenheit. Stattdessen nur ein fast erleichtertes »Bei uns ist es noch schlimmer« – auf dem Land in Mecklenburg-Vorpommern ist man nämlich Härteres gewohnt. Weil er als Sänger einer antifaschistischen Band auch in Nazikreisen bekannt ist, stellt das Leben mit einer alltäglichen Bedrohung für ihn nichts Besonderes dar: »Einmal haben die Faschos mehrere Tausend Aufkleber mit meinem gespaltenen Kopf in ganz Mecklenburg-Vorpommern verklebt«, erinnert er sich. »Ein anderes Mal haben die Faschos mit 20 Leuten unser Bandauto in Stralsund angegriffen, oder den Konzertsaal in Tessin einen Abend vor der Show mit Buttersäure eingedeckt – gespielt haben wir trotzdem!«

Aber es greift zu kurz, das Problem nur in den östlichen Bundesländern zu sehen. Auch kleine Städte in Westdeutschland wie Wunstorf bei Hannover und Tostedt bei Hamburg waren in den letzten Jahren immer wieder Schauplatz von äußerst brutalen und systematischen Naziangriffen. In Tostedt gab es erst Anfang September einen Brandanschlag auf das Auto eines Antifaschisten, einem anderen wurden die Radmuttern am Fahrzeug gelockert. Die Dortmunder Stadtteile Brechten und Dorstfeld gelten bei den Nazis gar als »National Befreite Zone«. Als Nazis dort vergangenen Sommer eine Gruppe von Linken beim Kleben von antifaschistischen Plakaten überfielen, kam die Polizei zwar zu spät, um die Angreifer noch zu erwischen, für eine Anzeige wegen Sachbeschädigung gegen die Kleber war dann aber noch genug Zeit. Angesichts solcher Zustände muss man aktiv werden. Leider können wir bei Audiolith nur das wenigste davon machen und müssen Prioritäten setzen. So sind uns besonders die Flüchtlingshilfe, die Unterstützung von Antifas in der Provinz und die Stärkung von selbst verwalteten Strukturen wichtig. Ab und an sind wir aber auch gerne bei absurderen Anliegen dabei: So spielten Supershirt letztes Jahr beispielsweise ein Solikonzert für ein Pferd, damit der alte Gaul für ein paar Monate was zu essen bekommt. Auch das ist eine schöne Sache.

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