Dry The River
Und das soll Folk sein?
03.02.2012, 17:50, Text:
Mario Lasar, Foto: Jonnie Craig
Die Londoner Band Dry The River hat mit »Shallow Bed« ein atmosphärisches Winteralbum aufgenommen. Mario Lasar fühlt sich verleitet, in eine entlegene Holzhütte zu ziehen, wo der Kamin wohlige Wärme verbreitet, während draußen der Schnee fällt.
Im Folk hat es Tradition, sich mit den Jahreszeiten auseinanderzusetzen. Man denke etwa an »The January Man« von Bert Jansch, dessen Protagonist durch alle Monate schreitet, oder an »Turn! Turn! Turn!« von Pete Seeger, in dem er davon singt, dass es für jedes Anliegen den richtigen Zeitpunkt im Kalender gebe. Auch Dry The River singen gern über Jahreszeiten, beispielsweise in »Animal Skins« oder »Bible Belt«. Meistens im Hinblick auf den Wechsel von den warmen zu den kalten Monaten. Nicht nur das lässt einen ihre Musik im Folk verorten, auch die markante Geige und der Gebrauch von akustischen Gitarren legen die Genrezuschreibung nahe. Sänger Pete Liddle zeigt zwar Verständnis für eine solche Annäherung an seine Band, dennoch betont er gleich zu Beginn unseres Gesprächs, Dry The River seien eher im Umfeld von Punk, Progrock und Metal zu sehen, und steht dem Folk-Begriff ein wenig verwundert gegenüber: »Wir haben uns eigentlich nie als Folkband gesehen, aber nach unseren ersten Konzerten fing sowohl unser Publikum als auch die Presse damit an, uns unter diesem Aspekt wahrzunehmen.«
Dieser Umstand mag auch in Zusammenhang damit stehen, dass die Band ihre erste Tour als Vorband von Johnny Flynn bestritten hat, der seinerseits im Kontext der Folk-Szene um Mumford & Sons und Laura Marling gesehen wird. Außerdem erschien die erste Dry-The-River-Single »New Ceremony« auf dem Label Transgressive, bei dem auch ebendieser Johnny Flynn seine (übrigens sehr zu empfehlenden) Platten veröffentlicht. »Johnny ist wirklich ein super Typ. Lustigerweise hat die Mutter unseres Violinisten ihm Geigenunterricht gegeben. Was die Musik angeht, sehe ich nicht so viele Gemeinsamkeiten, da wir doch mit offensiveren Rock-Bezügen arbeiten als Johnny mit seinem traditionellen Folksound«, erläutert Liddle. Tatsächlich demonstriert das Debüt von Dry The River, dass die Band daran arbeitet, die Grenzen des Folk-Genres zu erweitern, indem sie sich auch auf elektrifizierte, vor Bombast nicht zurückschreckende Spielweisen einlässt. Während des Interviews ist Pete Liddle nach Kräften darum bemüht, sich zwar solidarisch zur neueren britischen Folkszene seiner Heimatstadt London zu verhalten, aber dennoch ausreichend Distanz zu wahren, um nicht eingemeindet zu werden. Teil einer Szene zu sein verschafft Aufmerksamkeit, blendet aber zu häufig den Umstand aus, dass zwischen den einzelnen Bands und Musikern teils große Unterschiede bestehen. So hält Pete Mumford & Sons zugute, Anteil daran zu haben, dass »die Leute wieder traditionelles Songwriting zu schätzen gelernt haben«, beeilt sich aber im nächsten Atemzug, darauf hinzuweisen, dass diese zunächst noch ohne Drummer spielten und mit ihren Dubliners-Westen ein sehr puristisches Bild einer britischen Folkband vermittelten. Da gilt es, sich abzugrenzen, auch auf der Styling-Ebene: »Wenn die Leute zu unseren Konzerten kommen, sind sie stets darüber verwundert, dass wir tätowiert sind und eher lässige Klamotten tragen. Als wir anfingen, wollten einige Leute uns davon überzeugen, unseren Kleidungsstil zu ändern, aber wir sind einfach eine Jeans-und-T-Shirt-Band«, so der Sänger.
Folk mit den Mitteln des Punk
Scheint der Versuch von Dry The River, die Intimität von Folk mit der Brachialität von härterem Rock auszusöhnen, zunächst widersprüchlich, stellt sich das Album nach häufigerem Hören als konsistente Einheit dar, deren Reiz gerade in der Reibung zwischen scheinbar unvereinbaren Klängen liegt. Zumal der Begriff Folk nicht automatisch bedeutet, dass Musik auf Härte verzichten muss. In den 80ern gab es bereits Bands wie Mekons oder Blyth Power, die die Energie und Elektrizität von Punk auf traditionelle Folkmuster übertrugen. Wobei diese im Resultat anders – simpler – klingen als Dry The River, deren Neigung zu interessanten Brüchen sie strukturell eher in die Nähe von Progrock rückt. Doch die Musik vermeidet den Fehler, martialisch zu erscheinen. Großen Anteil daran hat Pete Liddles engelsgleiche Stimme, die daraus resultiert, dass »ich als Kind in der Kirche gesungen habe. Meine Familie ist ohnehin sehr religiös. Ich war auch auf einer katholischen Schule, und im Chor zu singen hat mich schon sehr geprägt«, erklärt er.
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