Die Schwimmenden Städte und andere Mikrostaaten
Mein Land in Sicht!
16.01.2012, 16:00, Text:
Paul Poet, Foto: Tod Seelie
Der österreichische Filmemacher Paul Poet gelangt vor acht Jahren auf die Spur kleinster, selbst verwalteter Staaten. Er findet eine ganze Reihe dieser unabhängigen Gegengesellschaften, die sich von der herrschenden Ordnung abgrenzen.
Exklusiv für Intro berichtet der Regisseur, der mit »Empire Me« aktuell einen Film zum Thema in die Kinos bringt, über eine Reise auf den von ausgeflippten Anarchos bevölkerten Schwimmenden Städten.
»Hast du zu Zeiten von Kriegen und Kriegsgerüchten niemals von einem Ort geträumt, an dem Frieden und Sicherheit herrschten und wo das Leben kein Kampf, sondern ein immerwährendes Vergnügen ist? Natürlich hast du das ...«
Wirtschaftskrise. Weltverseuchung. Jeder gegen jeden. 1937 in Frank Capras Kino-Klassiker »Lost Horizon« (deutscher Titel: »In den Fesseln von Shangri-La«) klangen der Fatalismus und das Bedürfnis nach Rettung, nach Utopia, nicht weniger dringlich als im bumsfidelen Armageddon-Jahr 2012. Aber damals hatte man ja noch die Kleinigkeit eines Weltkriegs vor sich. Was mag jetzt kommen – im eng vernetzten Globalisierungsdickicht unserer Hyper-Moderne? Der Zerfall in unendlich viele Kommunen, Fürstentümer, Mikronationen, Piratenwelten – unabhängig, selbst verwaltet und souverän?
Staat auf der Couch
Die Konvention von Montevideo vom 26. Dezember 1933 legte die Grundanforderungen eines jeden Staates fest, auf die sich fast alle Mikronationen berufen: Du brauchst deinen eigenen Grund, deine eigene Bevölkerung, eine eigene staatliche Ordnung und die Fähigkeit, Beziehungen mit anderen Staaten aufzunehmen. Eine Anerkennung von außen ist dezidiert nicht notwendig. Das heißt konkret: Jeder Mensch kann mit seinem Garten, seiner Couch, seinem Wohnzimmer einen unabhängigen Staat gründen.
In Australien sind es bereits gut hundert, die als Freistaaten ausscheren. Es sind meist einfache Farmer, Opfer von Grundstückspekulanten, die plötzlich ohne Habe, Bleibe, Recht und Sozialschutz dastehen. Und da ziehen sie nun vor Gericht, als Könige, als Erzbischöfe ihres eigenen Prinzentums, mit Fahnen und Talaren, ganz wie in dem »Enjoy The Silence«-Video von Depeche Mode. Wedeln mit Empfehlungsschreiben von Kofi Annan und ihrer Eintragung in der Staatenregistrierungsstelle beim CIA in Washington DC. Narzissmus? Nein. Eskapismus? Schon gar nicht. Kasperliade und Schildbürgerstreich? Stecken mit drin. Aber vor allem: die Idee vom eigenen Staat als Selbstverteidigungsmöglichkeit.
Aus meinem Interesse für diese sich immer deutlicher abzeichnende globale Subkultur entstand die Idee zu »Empire Me – Der Staat bin ich«. Nach für mich unfassbaren acht Jahren des Andockens, der Hardcore-Recherche und der Filmarbeit ist er nun fertig, der 100-minütige Doku-Abenteuer-Film über sechs solcher Gegenwelten: das neoliberale Hacker-Imperium des Fürstentums Sealand; die bauernschlau aufständischen Australier in der Provinz Hutt River; die esoterische Megalomanie der Föderation Damanhur, der auch Nena und Sting angehören; das ZeGG oder: der deutsche »Staat der freien Liebe«; der Freistaat Christiania, anarchistischer Stadtteil von Kopenhagen; die nomadischen Punk-Piraten der Schwimmenden Städte von Serenissima.
»Wer kennt schon die Freiheit, außer, man hat sie plötzlich nicht mehr, wenn ein totalitärer Staat die Kontrolle über dich übernimmt? Aber vielleicht blüht uns das ja bald mal wieder«, erklärt Prinz Michael Bates, der derzeitige Regent von Sealand, in »Empire Me« und blickt knurrig vom Gummiboot auf sein Königreich, eine verrostende Plattform auf offener Nordsee mit Lebensfläche bis zu dreißig Meter unter Wasser. Sealand ist nur über eine rote Kinderschaukel an einem Kran betretbar. Wenn die Menschheit keine rosige Zukunft mehr hat, muss man das Ruder selbst übernehmen. So ist Bates zu verstehen – und er steht damit exemplarisch für die Grundeinstellung der Menschen, die in solchen Kleinstaaten leben.
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