Jahresrückblick: Der Chef meines Landes
Pop im arabischen Frühling
11.11.2011, 14:13, Text:
Christian Steinbrink, Foto: Gian Gisiger
Die Selbstverbrennung des tunesischen Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi löste im Dezember 2010 eine Protestwelle in ganz Arabien aus. Sie sollte das Jahr 2011 bestimmen und in Tunesien, Ägypten und Libyen sogar zur Revolution führen. Pop spielte während der Massenkundgebungen nur vereinzelt eine Rolle...
Gerne glauben Fans von Popmusik an das subversive Potenzial von Songs und die Intention von Popstars, politischem Protest ein Gesicht zu geben. Allerdings sind aktuellere Beispiele für politische Einflussnahme durch Pop rar, die meisten überprüfbaren Ereignisse liegen Dekaden zurück. Auch in den Umtrieben der arabischen Revolutionen des Jahres 2011 in Staaten, in denen freie Meinungsäußerung sowieso nur eingeschränkt möglich war, hatte sein Beitrag nur in Einzelfällen eine Bedeutung. So gab es in den meisten Ländern, wie aktuell in Syrien, maximal Stellungnahmen von etablierten Musikern, wenige engagierten sich tatsächlich oder waren im Rahmen von Kundgebungen präsent. Während die meisten arabischen Popstars sowieso in den sicheren Golfstaaten leben und arbeiten, war es in Tunesien immerhin die Rap-Szene, die sich gegen den Machthaber Zine el-Abidine Ben Ali in Stellung brachte.
Prominentester Vertreter ist ein junger Rapper namens Hamada Ben Amor alias El Général, der kurz vor den Unruhen in seinem Land mit dem Stück »Rais Lebled« (zu Deutsch: Der Chef meines Landes) einen Underground-Hit landete, in dem es um die hoffnungslose Situation der Jugend in Nordafrika geht. Der 21-Jährige, der die Musik bis zu diesem Zeitpunkt nur nebenbei betrieben hatte, entwickelte sich zur Galionsfigur des tunesischen Protestes und zu ihrem öffentlichkeitswirksamen Opfer: Er wurde Anfang Januar aufgrund der regierungskritischen Inhalte seiner Songs verhaftet und erst nach drei Tagen auf Druck der internationalen Öffentlichkeit wieder freigelassen.
Im Gegensatz zu den jungen Rappern machten etablierte Popstars den Eindruck, sich möglicherweise nur aus populistischen Motiven positiv über die gesellschaftlichen Veränderungen zu äußern. Viele Musiker, die schon zu Zeiten der alten Regimes erfolgreich gewesen sind, scheinen darum bemüht, ein Image als Revolutionsbefürworter zu etablieren. Es hilft ihnen wenig: Die neue Administration unterstützt lieber junge Künstler wie El Général, dessen kommendes Debütalbum »La Voix Du Peuple« (Die Stimme des Volkes) nicht mehr nur online erscheint und sogar staatliche Fördermittel erhält.
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