Glitterhouse
Wie der Grunge nach Beverungen kam
10.10.2011, 13:32, Text:
Intro
Zwischen 1988 und 1996 war Glitterhouse die offizielle Europa-Niederlassung von Sub Pop. Labelmitbetreiber Rembert Stiewe erinnert sich an aufregende Tage und einige wirtschaftliche Fehlentscheidungen.
»Ach damals. Das waren Zeiten. Mit Glitterhouse Records schlingerte man ständig zwischen größtmöglicher Selbstausbeutung, Begeisterung und Irrsinn hin und her. Einem Fanzine entsprungen, hielt sich das Kleinlabel mal wacker, mal wackelig. Bis Reinhard Holstein, Glitterhouse-Betreiber, angelockt von der Besprechung einer 7-Inch-Single von Green River in einem amerikanischen Fanzine, 1988 seinen Urlaub in Seattle verbrachte. Und mich anrief: ›Mensch, das glaubst du nicht, hier ist die Hölle los, überall Konzerte, Seattle explodiert gerade!‹ Er besuchte die Sub-Pop-Betreiber Jonathan Poneman und Bruce Pavitt in ihrer der unsrigen durchaus ähnlichen Plattenklitsche. Die freuten sich wie blöd, dass jemand aus Europa ihre Veröffentlichungen lizenzieren wollte. Gesagt, getan. Green River, Mudhoney, TAD, Blood Circus – fast wöchentlich ließen wir ab 1988 neue Grunge-Veröffentlichungen auf Europa los. Mit Mudhoneys Auftritt bei den Berlin Independence Days dann auch live – das erste Grunge-Konzert auf europäischem Boden. Plötzlich hatten wir Titelseiten in England: Melody Maker und NME überschlugen sich fast. Alle Welt trug Holzfällerhemden.
Wir sind allerdings die, die nie Soundgarden hatten: Der Typ sang uns viel zu hoch – und überhaupt, das klang doch eher wie kalifornisches Stretchhosen-Zeug. Und Nirvana hatten wir auch nicht. Leider. Irgendein Blödmann aus England, der sich in Kalifornien niedergelassen hatte, nach Seattle fuhr, dort auf dicke Fettleber machte und damit angab, in Großbritannien – bekanntermaßen für alle Amis der Nabel europäischen Musikschaffens – ganz doll im Geschäft zu sein, machte das Rennen. Angeblich soll er zu Zeiten, als Nirvana noch bei Blood Circus das Vorprogramm bestritten, auf dem Sims eines offenen Fensters im damaligen Sub-Pop-Headquarter kniend, damit gedroht haben, sich hinunterzustürzen, falls er nicht Nirvana für Europa lizenzieren dürfe. Das Label hieß Tupelo, und der Mann hatte einen guten Geschmack. Poneman und Pavitt wollten kein Menschenleben auf dem Gewissen haben. Knapp zwei Jahre später standen sie dem Typen erneut gegenüber, diesmal vor Gericht – Zahlungsmoral war seine Stärke nicht. Statt Nirvana hatten wir Cat Butt, statt Soundgarden Swallow. Kannte keine Sau. Egal. War ’ne fantastische Zeit.«
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