»Die ganze Dämlichkeit bloßzustellen«
Exklusiv: Die Bronx Boys über Crossover
14.09.2011, 15:20, Text:
linus volkmann
»Leichenzähler sind im Haus!« - mit ihrer Version der Crossover-Erkennungsmelodie (im Original von Ice T's Band Body Count) zogen die Hamburger Bronx Boys Mitte der Neunziger einen großen Coup ab. Die Auflösung der Allstar-Band nach zwei Platten zur Jahrtausendwende verlief dagegen eher ohne großen Knall. Wir haben ihren »Leichenzähler« für unser 20-Jahre-Intro-Projekt wieder rausgekramt, zu finden auf der auf hundert Stück limitierten Crossover-Ausgabe unserer Picture-Vinyl-Reihe. Zudem haben wir Gale Ol Al Anderson und Monster Dick Darm von der Band einige Quotes zur alten Zeit abgerungen.
Wie habt ihr persönlich »Kuhmörder« und »Leichenzähler« verstanden - war es für euch eher eine Hommage an Bodycount oder eine Persiflage auf Crossover?
Gale Ol Al Anderson: Bei »Leichenzähler« war ich noch nicht dabei. Ich stieß erst zur »Kuhmörder«-Session dazu. Ging bei den Sachen natürlich auch darum, die ganze Dämlichkeit mal bloßzustellen. Unsere erste Scheibe hieß »Mutterficker - Fick deine Mutter«. Die Druckereien in Deutschland weigerten sich, die Hülle für die Vinylausgabe zu drucken, so dass wir das in London machen ließen. Zudem hatten wir extremen Ärger mit allmöglichen Frauenvereinen, die uns Frauenfeindlichkeit vorwarfen. Bei den englischen oder amerikanischen Originalen hat das nie einen gestört.
Crossover als solches - Wenn du an das Genre denkst, was fällt dir zuerst ein?
Gale Ol Al Anderson: Crossover war so ein Endachtziger Ding. Living Color, 24-Spyz ,Red Hot Chili Peppers. Viele Trendkacke war dabei, wenig hat den Test der Zeit bestanden. Genau wie der Nu-Metal-Kram. Wir kamen eher aus dem Punk und Metal, was eine viel längere lange Historie aufzuweisen hatte. Für die Zeit war das Genre aber schon in Ordnung.
Was ist die prägnanteste Anekdote, die dir in Erinnerung ist bezüglich Bronx Boys?
Gale Ol Al Anderson: Ganz groß war natürlich unsre Fotosesion für unsere zweite CD »Zurück in die Bronx«. Bereits bei der Session für die »Leichenzähler«-Single waren ja die Bullen aufgetaucht - mit scharfen Knarren um die Herausgabe unserer Plastikwaffen bittend. Bei der anderen Session machten wir Bilder dann auf einem verlassenen Banhgelände in Altona. Irgendwelche Anrufer haben aber wieder die Polizei auf den Plan gerufen, so dass die mit zwei Wannen und alle in schusssicheren Westen ankamen. Zum Glück mußten wir den Einsatz nicht bezahlen! Monster Dick Darm: Ich erinnere mich, dass seinerzeit Hamburger Bullen in gepanzerten Wannen saßen und den »Leichenzähler« hörten, um sich für die bevorstehende Demo heiß zu machen. Außerdem durchsuchte der Staatsschutz die Räumlichkeiten des Labels und beschlagnahmte Tonträger, auf denen der »Kuhmörder« war. Aus Angst vor einem Aufruf zu ähnlichen Ausschreitungen wie seinerzeit in South Central in L.A.
Könntet ihr euch eine Reunion, oder sonst irgendwas vorstellen, was noch mal mit der Band passieren könnte - oder ist sie wirklich endgültig erledigt?
Gale Ol Al Anderson: Reunion hätte ich schon Bock drauf. Problem ist, dass unser Basser seit einem Schußwechsel bisschen Stress mit seinen Ohren hat. Er ist da sehr sensibel, und wird leicht zur Bestie, wenn die Geräusche um ihn zu laut sind.
Die Picture-Vinyl-Single zum Spezial:
Der vornehme Jens Friebe aus dem Hier und Jetzt am Klavier vs. die Untiere der Hamburger Geheimband der Neunziger a.k.a. Bronx Boys. Die Mischung ist so attraktiv wie grell. Das hält doch nur Crossover aus. Jens Friebe (with a little help of Andreas Spechtl von Ja, Panik) covert und übersetzt dabei »Routine« von der Früh-Crossover-Legende Urban Dance Squad. Die Bronx Boys haben aus »Body Count« in ihrer Version und Übersetzung gleich ein Stück namens »Leichenzähler« gemacht. Zu haben ist die Platte im Intro-Shop.
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