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Die ultimative Begegnungsstätte

Wir blicken zurück: Das große Crossover-Spezial

29.08.2011, 13:50, Text: Benjamin Walter

Kein Genre-Begriff scheint derartig beerdigt zu sein wie »Crossover«. Dabei ist konzeptionelles wie instinktives Grenzgängertum in Musik gefragter denn je. Nur nennen möchte es keiner mehr so, wie es in den Neunzigern hieß. Und das hat gute Gründe, wie Benjamin Walter auf seiner Zeitreise durch den Moshpit herausgefunden hat.

Anders als bei den anderen großen popkulturellen Phänomenen der 90er-Jahre wie Techno, Grunge, deutscher HipHop, auf die sich immer noch Künstler und Fans von heute voller Stolz, Anerkennung und oft auch Verklärung berufen, hat jene musikalische Strömung, die Anfang der 90er den Stempel »Crossover« aufgedrückt bekam, heute einen weitaus schwereren Stand: Crossover ist tot, abgemeldet, verschwunden und findet allerhöchstens noch bei Nachwuchsbandwettbewerben statt. Ein Revival unter diesem Label kündigt sich derzeit nicht mal am Horizont an. Andererseits gehen auf jeder Privatparty der Generation um die 30 die Mundwinkel bei den ersten Sirenentönen von »Body Count's In The House« kollektiv in die Höhe. Jede Textzeile von Rage Against The Machine vermag eine Kaskade von Jugenderinnerungen auszulösen, und wer den »Judgement Night«-Sampler sein Eigen nennt, hütet ihn wie Fotos und Briefe aus lang vergangenen Tagen.



Crossing All Over

So eindeutig die Genrezuschreibung »Crossover« zunächst erscheint und so klar die Vorstellung von Style und Sound auch ist: Basecap, kurze Cargohose, Ziegenbart, metallische Gitarren und Stakkato-Raps – die dazugehörigen Bands sind weitaus schwerer unter ein gemeinsames Dach zu bringen. Sind die Anfänge mit der einmaligen Zusammenarbeit zwischen der lupenreinen Rockband Aerosmith und der HipHop-Band Run DMC noch recht eindeutig auszumachen, fällt schnell auf, dass es eine kleine, lokal gewachsene Crossover-Szene, auf die sich alle Bands berufen können, nie gegeben hat.


Die Red Hot Chili Peppers repräsentieren den funky Arm des mit reichlich Extremitäten ausgestatteten Mischwesens Crossover und können auf dem Erfolg ihres 1991er-Albums »Blood Sugar Sex Magik« nicht weniger als eine Weltkarriere begründen. Flea und sein Slapping werden zum Vorbild aller angehenden Bassisten, und Mike Patton zeigt als neuer Sänger der Band Faith No More schon auf deren erstem gemeinsamen Album »The Real Thing«, dass sich die Fusion von Metal, Funk und Rap auch mit einer guten Portion Weirdness verbinden lässt. Body Count, die schwarze Metal-Band um HipHop-Star Ice-T, bringt im Gewand des weißen Metal offensive Gangster-Rap-Lyrics über Leben und Sterben in den Armenvierteln von Los Angeles an die Mittelstandsjugend. Und diese grölt begeistert zu »Cop Killer« und »KKK Bitch« mit oder erfreut sich hierzulande gleich an der umgehenden Verspaßung durch die Hamburger Band Bronx Boys und Übersetzungsversionen wie »Kuhmörder« (»Cop Killer«) oder »Leichenzähler« (»Body Count«). In der Rückschau erscheinen all diese Bands weitestgehend eigenständig, Crossover als Sammelbegriff wirkt mehr als Schraubzwinge denn als organischer Musikstil.

Who's The King?

In den USA, die mit Rage Against The Maschine und Dog Eat Dog auch die bekanntesten Genre-Vertreter hervorgebracht haben, spricht man eher von Rap- oder Funk-Metal beziehungsweise Rapcore, was die Wurzeln, Szenezugehörigkeit und Elemente dieser Bands auch weitaus präziser benennt. Unter Crossover versteht man in Amerika dagegen einen Künstler, dem es gelingt, beispielsweise sowohl in den Country- als auch in den Popcharts einen Hit zu platzieren. Crossover als Bezeichnung für einen Mix aus Elementen von Metal und Hardcore, Funk, Alternative Rock und HipHop ist im Mutterland dieses Stils völlig unbekannt, wie John Connor, Sänger der immer noch aktiven Band Dog Eat Dog, bestätigt: »Das Label Crossover ist definitiv ein europäisches Ding, das würde hier niemand verwenden, um diesen Sound zu beschreiben. Aber ich muss zugeben, dass er ganz gut ausdrückt, was wir tun. Wir mischen verschiedene musikalische Stile, und es hat uns auch nie gestört, dass Fans und Medien in Europa diesen Ausdruck verwendet haben. Die Leute brauchten einen Namen, um darüber zu sprechen, das war für uns ja nur gut.«




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aus Intro #196 (Oktober 2011)
 
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