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Making Of Hits

Die Songwriter hinter den Popstars

09.08.2011, 12:34, Text: Martin Riemann

Songs haben Gesichter. Nein, nicht nur die von Popstars wie Britney, Robyn oder Lena. Die wahren Gesichter gehören nicht den Interpreten, sondern den Songwritern. Künstlern wie Nicole Morier, Patrick Berger, Michelle Leonard oder Michel Van Dyke. Ihr Job: Text und Melodie für den nächsten Hit abliefern. Klingt wie ein Traumberuf, aber wie funktioniert er? Man muss gut vernetzt sein und bereit, erst mal selbst in Vorleistung zu gehen, wie Martin Riemann herausfand, denn das große Geld winkt nur, wenn auch ein großer Hit gelingt.

Nicole Morier ist aufgeregt. Der Anruf der Produzenten gestern kam unerwartet. Tom Jones braucht junge Songwriter für sein neues Album »24 Hours«, da könne sie doch bestimmt was reißen. Die 30-Jährige ist erst seit ein paar Monaten im Geschäft, früher war sie Teil der Garagepunkband Golden Showers und tourte endlos durch die Staaten, später arbeitete sie im Berlin der Nullerjahre mit Peaches zusammen und gründete das Electropop-Duo Electrocute, mit dem sie schon ihr Gespür für kantige, aber eingängige Dancemusic in die Clubs einbrachte.

Und nun will sie es als Songwriterin für andere wissen. Dieses Talent verschaffte der extravaganten Szene-Persönlichkeit mit »Heaven On Earth« schon den Sprung auf ein Britney-Album. Ein unglaublicher Start für eine Songwriterkarriere. Jetzt lebt sie in Los Angeles. Besser geht es nicht.




Aber war das bisher nicht alles nur Glück? Kann sie jetzt wirklich auch den »Tiger« überzeugen? Den Hundert-Millionen-Alben-Seller? Der Mann hat schließlich schon mit jedem großen Songwriter gearbeitet. Wie passt sie da rein? Und so sitzt Morier an diesem Tag 2008 mit Future Cut, dem renommierten Produzentenduo aus Manchester, das gerade erst mit Lily Allens »Smile« einen Hit gelandet hat, in einem kleinen Writing-Room mit Gesangskabine in L.A. Sie hört sich Trackskizzen an und ist extrem nervös. »Dazu brauchen wir Text und Melodie«, teilen ihr die beiden Engländer mit. Sie erklären, dass man auf keinen Fall ein weiteres »Sex Bomb« (übrigens geschrieben von dem deutschen DJ Mousse T.), den letzten großen Hit von Jones, möchte. Eher etwas in Richtung Retrosoul, das an die Anfangszeit von Jones' Karriere erinnert. Mehr Input kommt nicht. Nur noch mehr Druck: »Wäre toll, wenn du was fertig hättest, bis Tom kommt. Also in knapp drei Stunden.« Morier eilt in einen Nebenraum, greift sich die erste Songskizze, bei der sie irgendwas spürt, und fängt an zu schreiben.

Als Jones ankommt, sind Text und Melodie so gut wie fertig, der Stress ist aber noch lange nicht vorbei. Jetzt wird sie nämlich vom Star freundlich aufgefordert, ihre Ideen gleich mal vorzusingen. Jetzt? Hier? Sie nimmt das Textblatt und fängt an zu singen, während Jones ihr über die Schulter guckt und mitliest. »Das war's, gleich schmeißen sie mich raus«, denkt sie, während sie versucht, den Song einigermaßen fehlerfrei zu bringen. Aber Tom äußert lediglich einige Änderungswünsche: »Und dann möchte ich, dass du das Ganze noch mal in der Gesangskabine einsingst, damit wir das aufnehmen können. Wir brauchen ein Demo«, fügt er nebenbei hinzu. »Das ist ja noch erniedrigender«, denkt Morier. Sie sieht zwar selbst aus wie ein Popstar, stand oft genug auf der Bühne. Aber gegen Jones kommt sie sich stimmlich wie ein Zwerg vor. Und doch betritt sie die Gesangskabine und singt den Song, den sie gerade erst geschrieben hat, ein: Melodie, Text, Refrain, alles muss sitzen. Es gibt kein zweites Take, Overdubs schon gar nicht.

Die Tortur ist damit aber noch nicht zu Ende, denn jetzt hört sich Jones das frische Demo in ihrer Gegenwart so lange an, bis er den Song in- und auswendig kennt. Endlich betritt Jones selbst die Gesangskabine und singt ihr Lied. Es klingt sofort wie einer seiner Klassiker. Alle im Raum starren Morier fassungslos an: Wie zur Hölle hat sie das gemacht? Die Songwriterin weiß jetzt, dass sie Songs schreiben kann, als ginge es um ihr Leben. Die erste Singleauskopplung des kommenden Tom-Jones-Albums hat sie mit »If He Should Ever Leave You« in der Tasche. Später wird sie noch zwei weitere Songs für das Album beisteuern. Es ist der beste Moment ihres Lebens.
Nicole Morier holt Luft. Man merkt ihr im Gespräch an, wie wichtig dieser Tag für sie war. Und wie sehr der Song für sie mit der Rahmengeschichte verknüpft ist.


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aus Intro #195 (September 2011)
 
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