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Breaking Bad / Bryan Cranston

Das Interview: Was hat dich bloß so ruiniert?

29.04.2011, 10:18, Text: Intro, Foto: Intro

Die Geschichte von Chemie-Lehrer Walter White, der zum Drogenbaron wird, hat das Zeug zum modernen Mythos. Anlässlich der DVD-Veröffentlichung der dritten Staffel von »Breaking Bad« fasst Wolfgang Frömberg zusammen, was bisher geschah, und sprach mit Hauptdarsteller Bryan Cranston.


Spätestens, seit der US-Pay-TV-Sender HBO Serien wie »Six Feet Under« und »Sopranos« produziert, die neben Zerstreuung auch geistreichen Mehrwert versprechen, ist aus Fernsehserien, dem einstigen Fast-Food-Laden der TV-Unterhaltung, eine echte Alternative zum großen Kino geworden.


Undseitdem Serien selbst bewusstseinserweiternd wirken, da sie dem Publikum im Fernseh-Alltag den Spiegel vors Gesicht halten, spielen Drogen darin des Öfteren eine zentrale Rolle. Ob es sich um die medizinische Versorgung der Begleiterscheinungen intensiven Erwachsenwerdens handelt, wie in der britischen Produktion »Skins« (Intro #191), oder um Sittengemälde mit politischer Dimension, wie etwa in der US-Serie »The Wire« (Intro #187) – Ansätze gibt es viele: Die Produzenten von „Weeds“ schufen 2005 zum Beispiel ein amüsantes Drama mit einer alleinerziehenden Mutter als Hauptfigur, die als Marihuana-Dealerin ihren Lebensunterhalt zu bestreiten versucht.

Previously on »Breaking Bad«
 
Das Team um Produzent Vince Gilligan wird in der Sony-Produktion »Breaking Bad«, die seit 2008 auf AMC läuft, etwas drastischer: Der Protagonist, Chemie-Lehrer Walter H. White, lebt mit seiner Familie in New Mexico. Walt erkrankt an Lungenkrebs. Eine Zeitlang hält er die Diagnose vor seiner schwangeren Ehefrau Skyler geheim. Noch bevor die Story richtig an Fahrt gewinnt, nimmt einen schon das Ensemble gefangen: »Malcolm mittendrin«-Star Bryan Cranston wirkt in der Hauptrolle so präsent, wie es mancher Kollege vom Film nur in der Yellow Press ist. Und der Missmut seiner Frau Skyler angesichts der eigenen Lebenskrise, die sie auf die kleptomanische Schwester und den immer dubioser handelnden Ehemann projiziert, wird von Anna Gunn kongenial in personifizierte Unzufriedenheit übersetzt. Stichwort Krise: Der an den Spätfolgen von Kinderlähmung leidende Sohn Walt jr. pubertiert, das Haus ist marode. Walt hat schon lange Schwierigkeiten, den ambitionierten Suburbia-Lebensstil mit seinem Lehrer-Gehalt zu finanzieren. Die bevorstehende Krebs-Therapie treibt ihn in den Ruin. Durch einen Zufall trifft Walt einen ehemaligen Schüler wieder, den verpeilten Crystal-Meth-Junkie Jesse »Biiatch« Pinkman. Jesse versucht sich leidlich als Produzent und Dealer jenes Amphetamins, auf das schon die Nazis schwörten – damals hieß das Zeug noch »Panzerschokolade«. Walt bietet ihm einen Deal an. Er will als Meisterkoch lupenreinen, cyanblauen Stoff kochen, Jesse soll sich um den Vertrieb kümmern. Aber das Geschäft beschert den beiden eine brenzlige Situation nach der anderen. Sie legen sich mit der Polizei und der Drogenmafia an.

Die Narco-Subkultur verehrt Walt unter dessen Streetname »Heisenberg« und widmet ihm eine Gangster-Ballade. Manch ein Konkurrent würde lieber dem toten Walt ein Ständchen bringen, aber Todgeweihte kochen länger. Walts voranschreitende Metamorphose lässt sich weniger mit Dr. Jekylls Verwandlung in Mr. Hyde vergleichen. Er entwickelt sich eher vom Beamten zum Unternehmer. Seine Prämisse, die Versorgung der Familie über seinen Tod hinaus zu sichern, wird im Laufe der ersten beiden Staffeln auf immer mehr Gräber gepflanzt. Das tut Walts Erfolg aber trotz einiger Nackenschläge grundsätzlich keinen Abbruch. Brennende Fragen darf sich der Zuschauer selbst beantworten: Folgt aus dem wirtschaftlichen Aufschwung ein moralischer Bankrott? Oder gehorcht Walt nicht einfach den Gesetzen des Marktes, so, wie er sich zuvor an physikalischen Gesetzen orientierte?

Das Gesetz der Serie lautet: Die Dinge spitzen sich zu. Quentin Tarantino hätte Spaß an den coolen Inszenierungen diverser Todesarten. Zahnlose Drogenwracks betonen die Wirklichkeit, an der man täglich auf dem Weg zwischen Job und Wohnung tapfer vorbeiläuft. „Realismus ohne erhobenen Zeigefinger“ könnte man das nennen. Neben Bryan Cranston und Anna Gunn schindet Aaron Paul in der Rolle von Jesse Pinkman am meisten Eindruck. Jesse ist der Risikofaktor, der jegliches Kalkül ernsthaft gefährdet. Ein Kindskopf, den Aaron Paul so überzeugend rüberbringt, dass er wie Kollege Bryan Cranston einen Emmy gewann. Demgegenüber interpretiert Cranston seinen Walter White von Kopf bis Fuß als wandelndes Mahnmal für Hilflosigkeit. Er ist gefangen in den Mauern des berüchtigten Hochsicherheitsknasts, den er sich als „eigene Existenz“ selbst aufgebaut hat und an dessen Fassade nun der Ehrgeiz nagt. Wie aber kann man mit einem Geheimleben prahlen?



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aus Intro #192 (Mai 2011)
 
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