From Detroit To Berlin
Damals: Auf Reise mit Techno
22.03.2011, 12:17, Text:
Hans Nieswandt
1991 war das Schicksalsjahr für Techno. Nach wichtigen Etappen in Düsseldorf und Detroit entwickelte sich nun Berlin zum neuen Epizentrum einer Revolution
Der Kölner DJ, Autor und damalige Spex-Redakteur Hans Nieswandt konnte etliche Schlüsselereignisse dieser Zeit mit eigenen Augen und Ohren erleben. Hier zeichnet er für Intro die Reise von Techno fort – mit Seoul und Kabul als vorerst letzten Stationen.
Der Bass! Wo zur Hölle war all die Zeit der Bass geblieben? Fiebrig und unaufhaltsam peitschte der Beat voran, aber vor jetzt bestimmt schon mindestens 32 Takten – also praktisch einer Ewigkeit – hatte der große, der legendäre DJ Tanith den Bass gekillt und ließ uns seitdem in schwitziger Aufregung zappeln dort unten, vor dringender Sehnsucht zerfließen, im Laserblitzgewitter auf der Tanzfläche. Das schien ihm richtig Spaß zu machen. Lächelnd beugte er sich über seinen Laptop, justierte ein paar Knöpfe an seinem Hardware-Controller und brachte dann mit beherztem, erlösendem Schub den Bass zurück. Daaa! Jaaa! Aaah! Nebel!
Es war wie eine Glücksexplosion. Und genau darum ging es doch! Das nannten wir Techno! Mit einem Male wusste ich wieder ganz genau, was noch mal das Großartige daran war, was Techno zur manchmal besten Musik der Welt machte. Schreiend und tobend, in einem Halbkreis um die DJ-Box gedrängt, machten die kleinen koreanischen Raver Handyfotos voneinander, um diesen entfesselt im Hier und Jetzt ekstatisch vorbeirauschenden Moment, der doch gefesselt war in einer stundenlangen hypnotischen Intensität, irgendwie festhalten und später posten zu können.Unschwer zu erkennen, dass es sich bei der eben beschriebenen Szene um eine aus der nahen Vergangenheit handeln muss, genauer gesagt aus dem Herbst 2010.
Der Berliner DJ Tanith, vielleicht der exemplarischste Protagonist des frühen, des klassischen, des buckelharten Berliner Mauertechnos, war in die südkoreanische Hauptstadt Seoul eingeladen worden, um mit etwas Verspätung zum Anlass des 20-jährigen deutschen Mauerfalljubiläums eine Kostprobe seiner Sichtweise von Techno zu geben. Die sogenannte »Night Of Unity« war vom Goethe-Institut ausgerichtet worden, um deutsche und koreanische Künstler zusammenzubringen in einer symbolhaften Geste, die in diesem immer noch geteilten Land natürlich besonders bedeutsam war.
Ich hatte Tanith seit ebenfalls fast 20 Jahren nicht mehr auflegen gehört und eigentlich etwas eher Düsteres, Oldschool-Industrielles erwartet. Aber er kam, sah und rockte – ohne Schallplatten, ohne Nostalgie-Tracks, stattdessen mit extrem positiv drückendem, taufrischem Jump-up-Bassline-Loop-Techno. Als wäre diese Musik gerade eben erst erfunden worden, als wäre dies nicht die koreanische Hauptstadt in den späten Nullerjahren, sondern ...
Die reine Hexerei
... Berlin, Sommer 1991. Jeff Mills hatte mir gerade ausführlich beschrieben, wie sinnlos und alltäglich das Töten in Detroit geschehe, sich jetzt nach unserem Interview aber verabschiedet. Die Zeit für sein Set war gekommen. Der fast schon zierliche Zauberer begab sich im Tresor, dem Prototyp des Techno-Clubs schlechthin, hinter die Plattenspieler, um zum ersten Mal in Deutschland aufzulegen, dem Sehnsuchtsort zumindest jener schwarzen Amerikaner, die mit Kraftwerk aufgewachsen waren. Zwei Stunden später war nichts mehr wie zuvor.
Um den DJ aus Detroit hatte sich ein Halbkreis gebildet, nur gab es noch auf Jahre hinaus keine Fotohandys, und auch ein Laptop in der DJ-Box war noch weit, weit entfernt. Mills mixte, cuttete und scratchte Platten, und zwar alle 30 Sekunden eine neue, während hinter ihm der Hügel mit denen wuchs, die er schon gespielt und einfach hinter sich geworfen hatte. Dann standen plötzlich sogar beide Plattenspieler still, weil Mills nahtlos auf die Roland 909 Drummachine gewechselt war, furios ließ er sie donnern. Es war atemberaubend. Es war reine Hexerei. Es war von allergrößtem Einfluss auf alle, die damals dort mit mir in diesem Halbkreis standen, Typen wie Bassface Sascha etwa, der bald einer der wichtigsten deutschen Drumbasser werden sollte. Die Revolution hatte gesiegt, und Lenin war in der Stadt.
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