Mario Lombardo - Grafik-Design-Buch "The Tender Spot": Der Störriker Artikelbild (groß)

Mario Lombardo

Grafik-Design-Buch "The Tender Spot": Der Störriker

06.12.2010, 12:12, Text: Wolfgang Frömberg, Foto: www.gestalten.com



Mario Lombardos junges Grafik-Design-Werk spricht schon aus einem Band. Ex-Kollege Wolfgang Frömberg kann die Finger nicht davon lassen.

"Hold on to that paper"
(Talking Heads)

Wer Mario Lombardo kennt, wird ahnen, dass die Buchveröffentlichung "The Tender Spot" für ihn eine Nerven zerreißende Angelegenheit sein muss. Zum einen, weil es ihm wegen der auf der Hand liegenden Nähe zum eigenen Tun nicht möglich war, die in aufreibenden Prozessen entstandenen Arbeiten - als Auteur für verschiedene Auftraggeber produziert - zu kompilieren und das Buch eigenhändig zu layouten.


Zum anderen, weil es einem so eigensinnigen Geist, der seinen Job sehr persönlich nimmt, merkwürdig vorkommen muss, gerade diese Ordnung schaffende Aufgabe der Katalogisierung aus der Hand zu geben. Der Wermutstropfen, dass die repräsentative Auswahl seines Gesamtwerks in der Form dieses fremd gestalteten Buches auf den Markt kommt, fiel vermutlich immerhin in ein Glas Champagner, das der Geehrte sich zum Erscheinen gegönnt haben sollte. Wer mit nicht mal 40 Jahren auf ein solches Werk schauen kann, dürfte seine Ideen in Zukunft noch selbstbewusster verwirklichen (und Mario Lombardo wäre nicht er selbst, wenn er bei diesem Buch nicht auch an so mancher Stelle die Finger im Spiel gehabt hätte).

Spannungsfelder ist Mario Lombardo sowieso gewohnt. Sie sind für sein Wirken prägend, so wie das für jede Spielart der (angewandten) Kunst unter den Bedingungen popkulturindustrieller Produktion gilt. Die Verhältnisse greifen die Masse und den Einzelnen aber nicht einfach nur an. Sie bieten auch Angriffsfläche, die immer wieder von Virtuosen der angewandten Kunst genutzt wird. Ob nun in Street Art oder Editorial Design.

Es gibt eine Geschichte, die nicht erwähnt wird im lässig schmeichelnden Buchtext von Marie-Sophie Müller. Vielleicht, weil sie sich nicht so zugetragen hat. Nun, die Geschichte spielt in Lombardos Anfangszeit bei Spex, für die er von 2001 bis Ende 2006 als Art Director tätig war. Vorgänger Gunter Schwarzmaier hatte ihm eine Salbe empfohlen, um einige helle Hautstellen im Gesicht zu kaschieren. Als der Tippgeber ein paar Monate später auf Besuch in der Spex-Redaktion herein schneite, waren die Flecken kaum noch zu sehen. Schwarzmaier dachte, sein Ratschlag habe Resultate gezeitigt.  Dabei waren es die ersten Heftproduktionen und durchgearbeiteten Nächte, die Lombardos Teint hatten blasser werden lassen, so dass der "Makel" kaum noch zu erkennen war. Die Geschichte entspricht also im Kern der Wirklichkeit: Ein Künstler wie Daniel Richter mag sich, so zitiert ihn jedenfalls die Vogue, selbst eine Portion Zeitdruck zu Weihnachten schenken. Der Art Director eines Monatsmagazins kann darauf verzichten. Für ihn ist jeden Monat Weihnachten.

"The Tender Spot" ist keinesfalls ein Coffee Table Book. Das hätte der Natur eines Störrikers nicht entsprochen. Stur und störrisch und seinen Idealen derart verpflichtet, dass es die Einführung des komischen Begriffs provoziert. Natürlich ist Lombardo auch ein Popidiot wie du und ich. Das Porträt von Marie-Sophie Müller verschweigt zwar, dass nur eine Niederlage der argentinischen Fußball-Nationalmannschaft seine Laune derart verschlechtern kann wie der lange Schatten einer näher rückenden Deadline. Dafür erfährt man von Lombardos Sozialisation, die sich um die Frage drehte, ob man ein Buch bzw. eine Schallplatte nicht doch nach dem Cover beurteilen könne. 

Mario LombardoSpex-Prämisse lautete, mit jeder Ausgabe den Balanceakt zwischen Aura und serieller Produktion zu wagen. Dabei tanzte er mal brav im Ensemble, dann wieder trat er als Prima Ballerina in Erscheinung. Doch immer wagte er den Tritt in den Arsch der Konvention, und kämpfte für seine Leidenschaften – etwa die große Liebe zur Akzidenz Grotesk. Der Wandel im Design des Heftes war radikal. Und so formte sich nicht nur eine Wand der Kritik gegen allzu verspielte Basteleien und fehlende Klarheit im Layout. Diedrich Diederichsen lobte in einem Interview Lombardos Versuch, das Heft grafisch zu kapern. Schließlich heimste Mario Lombardo mehrere Lead Awards ein, während keiner der Textredakteure jemals einen Teddybären schoss.

Mario Lombardo hat sich aber nicht nur mit der Spex einen Namen gemacht. Schon während er in Köln arbeitete, gründete er das BUREAU Mario Lombardo, wo er in familiärer Arbeitsatmosphäre neue Einfälle ankurbelte. Sein Tisch im Erdgeschoss des Spex-Redaktionsgulag schien immer von Ideen belagert, die sich auf dem Sprung befanden. Der Raum, der dort permanent durch den Umgang mit diversen Werkzeugen und mit handwerklichem Eifer ungestaltet wurde, schien eher das Reich eines Selbständigen zu sein als der Arbeitsplatz eines Angestellten. Mario Lombardo streckte seine Fühler nicht nur durch die Mitarbeit am Projekt "Gute Aussichten – Junge Deutsche Fotografie" weiter in die Welt hinaus. Marie-Sophie Mutter beschreibt einen Abend im Kölner BUREAU Lombardo, an dem das Angebot des SZ-Magazin, dort als Art Director zu fungieren, diskutiert wurde. Lombardo lehnte es ab, aber er lehnte sich nicht zurück. Letztlich ist für "The Tender Spot" dieses Detail, das zeigt, was er nicht machte, ebenso relevant wie die auf gut 250 Seiten dargebrachten Beweise für das, was er im Folgenden so trieb. Lombardo designte das Liebling-Magazin des ehemaligen Tempo-Chefredakteurs Markus Peichl, war für die Gestaltung der Dummy-Ausgabe zum Thema Juden verantwortlich, bändigte das Programm der Ausstellung "Vertrautes Terrain" des ZKM Karlsruhe in einem Katalog, schuf zahllose CD- und DVD-Hüllen usw…

Muss man betonen, dass Mario Lombardos Arbeiten auch für den Betrachter mitunter eine nervige Angelegenheit sind? Sein Schaffen ist nicht makellos. Aber "The Tender Spot" ist jetzt schon ein Standardwerk der Evolutionsgeschichte des haptisch fassbaren Graphic Design. Und wer die Angriffsfläche, die uns Gesellschaft und Popkultur bieten, so angriffslustig nutzt, stellt neue Angriffsfläche her - auch so eine Art wunder Punkt. Lombardo ist ein sensibler Typ, der es hervorragend versteht, den Finger in diese Wunde zu legen.




The Tender Spot
The Graphic Design Of Mario Lombardo
Gestalten (255 S., 39,90 Euro)
www.gestalten.com




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