Eurodance: Nosie Katzmann
Interview: Der Wunderknabe, der Mr. Vain war
24.11.2010, 12:20, Text:
Felix Scharlau,
Linus Volkman
Acts wie Culture Beat oder Captain Hollywood hatten dank ihres Songwriters Nosie Katzmann in den 90ern teilweise bis zu fünf Eurodance-Hits gleichzeitig in den Charts. Heute revivalt er die alten Songs mit der Akustik-Gitarre und betreibt ein Studio in Mörfelden nahe Darmstadt. Dort haben wir ihn besucht.
Du bist einer der erfolgreichsten Produzenten Deutschlands. Wirst du eigentlich nie als Jurymitglied für das ProSieben-Format »Popstars« angefragt?
Doch, ständig!
Ja, und warum sieht man dich da nicht?
Ich mach nicht mehr alles heute.
Wie ergab sich deine Karriere als hessischer Dancefloor-Pate?
Ich kam eigentlich aus der ganz profanen Ecke von Rock und Singer/Songwriter. In den 80ern dann lebte ich in einem Haus, in dem auch Leute wohnten, die regelmäßig zu einem 12-Ton-Musik-Festival in Darmstadt fuhren (»Internationale Ferienkurse für Neue Musik«, seit 1946 bestehende Veranstaltung). Das fand ich interessant, davon etwas mitzubekommen - also von Toncollagen oder auch nur von einem aufgenommenen Kratzen im Loop. Da dachte ich bereits: »Verdammt, es könnte interessant sein, so was mal mit einem klassischen Song zusammenzuführen.« Und dann stieß ich in Frankfurt auf einen DJ, auf Torsten Fenslau. Der öffnete mir eine Szene von ganz vielen der elektronischen Musik verfallenen Menschen - und wir haben dann schließlich Beats und Songwriting zusammengefügt. Es war faszinierend, denn hier mitten in Hessen entstand etwas Neues, etwas, das in der breiten Masse auf Ablehnung stieß. Krach oder Schwachsinn sei unsere Musik ... Das motivierte mich - denn so ähnlich mussten die Großeltern reagiert haben, als deren Kinder mit Elvis ankamen.
Hingst du damals denn auch knietief im Clubleben?
Das fand ich todlangweilig. Ich war in Läden wie dem Dorian Gray bloß, um zu verstehen, wie Leute auf gewisse Bassläufe reagieren. Irgendwelchen Pillenköppen beim Tanzen zuzuschauen oder sich selbst zuzuknallen - das war für mich reine Zeitverschwendung.
In Deutschland wurde diese Art von Musik allerdings schnell zu Kommerz und Kitsch. War das ärgerlich für dich?
Also, ich war ein armer Musiker, und ich wollte endlich mal genügend Geld verdienen - und nicht nur 200 Leute erreichen. Daher hat mich der Hitsong, den alle hören, mehr interessiert als der Clubsong, der nur in einem Laden läuft.
Wie hast du denn diese ganzen Projekte auf die Reihe gekriegt?
Schwerlich! Es gab mal ein Festival mit 80.000 Leuten, auf dem traten sechs Acts auf, die Songs von mir performten. Das war schon ein tolles Gefühl, im Publikum zu sein, und es wurde gejubelt, als meine Stücke kamen. Ansonsten war die Ära aber natürlich geprägt davon, dass ich wahnsinnig viel zu tun hatte. Feiertage und Wochenenden gab's fürs uns damals nicht. Sonntag erkannte ich nur an der »Lindenstraße«.
So viel Erfolg, Geld und Kommerz - herrschte da nicht auch viel Neid um dich herum?
Als »More And More« (1993, mit Captain Hollywood Project) international zum Hit wurde, tauchten acht unterschiedliche Leute auf, die ich noch nie gesehen hatte - und die behaupteten, der Track sei von ihnen. Dabei hatte ich das mit 16 in der Schule geschrieben und damals zum Glück vielen aus der Klasse vorgespielt. Ich hätte alles beweisen können.
Wie kam es denn zu deinem Ausstieg aus der Mühle?
Ein großer Einschnitt war, als der Übergott Denniz Pop, der Producer von Leila K. und Dr. Alban, starb. Und natürlich auch der Unfalltod von Torsten. Danach ging es irgendwie wie auf einen Schlag los, dass sich alle verklagt haben wegen Geld und Verträgen. Das ganze System von Friede-Freude-Eierkuchen brach zusammen. Ich habe mich aus alledem immer rausgehalten. Und 1996 war meine Vision auch schon: Wir müssen wieder mehr zum Pop zurückgehen - denn so, wie sich die Dance-Leute da musikalisch und hinter den Kulissen aufführten, war mir klar: Davon wird bald nicht mehr viel übrig sein.
Wir hegen ja den Verdacht, dass sich Eurodance immer an dem Handbuch zum Hit von KLF orientiert hat. Sagt dir das was?
Ich liebe dieses Buch! Die waren für uns die Größten. Selbst wenn 2 Unlimited oder Culture Beat mehr Platten verkauft haben. Aber KLF waren innovativ, waren witzig, waren Grenzen sprengend. Das Buch hat einen großen Unterhaltungsfaktor - und wenn man selbst Produzent ist, besitzt es auch einen tiefen Wahrheitsgehalt. Wir zitieren heute noch gern aus dem Buch: »Unterbrich nie den göttlichen Groove.« KLF haben mich sehr inspiriert. Sie kamen wie ich aus der Singer/Songwriter-Ecke und haben Dance völlig auf den Kopf gestellt. Sie sagten nämlich nicht: »Wir nehmen jetzt diesen Ompha-Ompha-Bass und diesen Sägezahnsound«, sondern: »hier den Schlagerhall, die Countrysängerin, diese Metalgitarre und nutzen die gerade angesagten Beats, machen sie bloß doppelt so schnell.« Die haben das Genre persifliert und gleichzeitig mega ernst genommen.
Wie siehst du das momentane Revival des Sounds?
Jede Musikrichtung, jede Epoche wird erst von der zweiten Generation danach gewürdigt. Vieles von damals war wirklich grottig - aber es gab auch großartig Produziertes: »Mr. Vain«, Sachen von Ace Of Base, »Rhythm Is A Dancer« von Snap! Das werden die Leute erst jetzt langsam zu schätzen wissen.
Dieser Artikel ist Teil des Intro-Spezials Eurodance: Wie aus Scheiße Gold wurde. Mehr unter www.intro.de/spezial/eurodance.
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