»What Is Love«- Verbotene Liebe
Eurodance-Spezial: Zurück in die Charts mit Egalo-Poesie
23.11.2010, 13:01, Text:
linus volkmann,
Felix Scharlau
Das Spannende an diesem ungewöhnlichen Genre-Clash ist, wie unironisch die Nullphrase »What is love?« eingebettet wird. Dabei ist sie doch ein gutes Beispiel für die bestenfalls Kalenderblatt-taugliche Egalo-Poesie eines Genres, das sicher nie für Texte mit Tiefgang stand: Eurodance, bekannt durch Claims wie »Ya ya ya Coco Jamboo ya ya yea« oder »No, no, no, no, no, no, no there's no limit«.
Dessen ungeachtet, überführt der gesichtstätowierte (zwei Tränen, fies!) Lil Wayne genau dieses völlig uncoole Haddaway-Sample zu seinen Raps, in denen »life a bitch« ist und so weiter. Also auch nicht wirklich geistreich und tief, aber zumindest so gemeint. Dennoch, es scheint keine Berührungsangst mit dem - speziell hierzulande - meist als ehrabschneidendem Trash taxierten Eurodance zu geben. Eminem und Posse sind damit längst keine Pioniere mehr - eher die Nachhut. Gerade im amerikanischen HipHop wuchs zuletzt die Lust an der mitteleuropäischen Vollplastik. Es wurde sich mit vollen Händen aus den offenbar nur vermeintlich unsäglichen Euro-Neunzigern bedient. Möglicherweise, weil die USA den globalen Trend damals fast völlig verschliefen. Bei Flo Rida, natürlich auf »DJ Got Us Fallin' In Love« von Usher und vor allem in der jüngsten Phase der Black Eyed Peas leben alte Dancefloor-Peinlichkeiten nun plötzlich modernisiert und vor allem in bis dato nie besessener Coolness wieder auf.
Zwischen Supermarkt und Superstar
Die schäbige Dame Eurodance zieht also längst wieder mit - zuletzt äußerte sogar Pop-Sternchen Katy Perry, dass ihre aktuelle Platte »Teenage Dream« inspiriert sei von Ace Of Base. Die schwedische Band galt in den 90ern zwar gerne als Eurodance-verhaftet, stellte allerdings eine eigene Abart dar, die sich allein schon durch Hall, Reggae-Elemente und relaxtere Rhythmik vom Gros der Szene unterschied. Aber immerhin.
Und noch etwas verbindet Ace Of Base mit vielen Eurodance-Acts von einst: Sie floppen sich dieser Tage mit einem neuen Album namens »The Golden Ratio« ein Comeback zurecht. Genau: Floppen. Denn der momentane Hype gilt ausschließlich dem Originalsound, gilt dem eigenen Erinnern - nicht aber den Originalkünstlern. Die verdingen sich weiter auf Supermarkt-Eröffnungen, Disco-Schaumpartys, Comeback-Shows oder Freak-Slots. So wie Snap!, die vor einigen Jahren beim Melt!-Festival als reines Kuriosum gebucht und gefeiert wurden. »Ich habe gemerkt, wie sehr es Dr. Alban gefreut hat, dass in letzter Zeit wieder wirklich Interesse an seiner Musik aufgekommen ist, und nicht nur an ihm als cheesy Veteran«, erzählte die Schwedin Robyn im Interview mit Intro (vgl. #183). Vielleicht hat sie ja auch ein bisschen recht, was die Aufwertung der Eurodance-Veteranen anbelangt. Dennoch: Die gerade beginnende Euphorie um das Genre dürfte letztlich vor allem als Retro-Phänomen Furore machen. Aber hey, Eurodance, Dancefloor? Was soll das eigentlich noch mal genau sein, und wer zum Teufel hat uns das alles eingebrockt?
Eurodance? WTF?
Eurodance ist vor allem in Erinnerung geblieben durch die fast schon obszöne Formelhaftigkeit. Auf einem Bett von treibenden Dancefloor- und High-NRG-Beats kontrastiert ein sehr einfacher Pop-Refrain mit Rap-Strophen. Neben prototypischen Acts wie Masterboy, Culture Beat, Mr. President, E-Rotic gab es zur Hochzeit in den frühen Neunzigern (und darüber hinaus) aber auch noch viele weitere Mixturen von Dance-Beats und Pop, die mehr oder weniger treffend unter dem Begriff geführt werden. Eine Trennschärfe zwischen genannten Prototypen, sehr poppigen Vertretern (Whigfield), Exoten (Scatman John), Gaga-Artists (Rednex), sogenanntem Kirmestechno (Scooter, Mark 'Oh) und anderen Spielarten existiert nicht. Innerhalb des Systems waren die Grenzen fließend. Sehr wohl aber lässt sich Eurodance in der Gänze als rechtschaffen konsistentes Genre begreifen. Und sei es spätestens ab Ende der Neunziger nur auf folgende Aussage reduziert: Eurodance war der Sound, den man als Producer elektronischer Musik auf keinen Fall bringen durfte, wenn man auch nur halbwegs ernst genommen werden wollte.
Neues von der Schuldfrage
Eurodance entstand Ende der Achtziger, und zwar keineswegs in der bekannten und hier schon mehrfach benannten Ausformung. Im Gegenteil. Man staunt nicht schlecht, führt man sich heute noch mal die erste Culture-Beat-Single »Der Erdbeermund« zu Gemüte, die bereits 1989 nur knapp die Top Ten der deutschen Single-Charts verpasste. Hierauf findet sich jenes gesprochene und immer wieder gern in Pop verwendete Gedicht (das Original stammt von 1930 und Paul Zech), musikalisch unterlegt mit gefälligem Dancefloor. Noch erinnerte dabei alles sehr an clubbig-kühle Projekte wie 16 Bit und OFF - seinerzeit betrieben von Sven Väth, Luca Anzilotti und Michael Münzing (Letztere erschufen später den Act Snap!). Von Rapper, Schema F und Sängerin fehlt zu Anfang noch jede Spur.
Nosie Katzmann, Songschreiber von Culture Beat, beschreibt die späten Achtziger als geradezu epochalen Aufbruch in der Musik und erinnert sich daran, es ungemein inspirierend empfunden zu haben, dass die aufkommende Techno-DJ-Kultur außerhalb der Läden, in denen sie energetisch betanzt wurde, auf derartige Ablehnung bei Gitarrenspießern, Eltern und so weiter gestoßen sei. Post-Acid, amerikanischer Hardhouse, Italo-Disco und Samples alter Soul-Platten gebaren gerade am Umschlagplatz Frankfurt - mit dem Flughafen und der dort installierten legendären Diskothek Dorian Gray - einen ganz eigenen Mix für Langstreckenflüge über den Club-Boden, die mitunter - und das war damals neu - von Freitag bis Sonntag nonstop währten. Doch auf Dauer benötigte man größere Attraktionen über den Beats. Man griff auf einen weiteren Einfluss der Zeit zurück: »Wir waren damals neben Clubmusik inspiriert von amerikanischem Rap, der zu der Zeit auch noch ganz anders klang als heute. Acts wie The Bottle fallen mir ein. Dort tauchte immer eine Sängerin in den Tracks auf, auch wenn sie manchmal nur ›Uh‹ und ›Ah‹ sang. Da hat der kommerzielle Geist dem Torsten [Fenslau, Culture-Beat-Produzent, gestorben 1993] gesagt: ›Super, eine Blondine vorne sieht ohnehin besser aus, und für den Sprechgesang-Part holen wir uns einen Rapper.‹ Diese Idee hatten zur selben Zeit auch noch einige andere«, erinnert sich Katzmann.
Der Rest ist Geschichte. Geschichte, die neben Deutschland vor allem von Benelux und Skandinavien aus um die Welt ging. Bezüglich des hessischen Raums gibt es dennoch eine Besonderheit: die stationierten GIs, die sich während oder nach ihrem Ausscheiden aus der US-Armee plötzlich auch für die Rap-Parts hiesiger Produktionen rekrutieren ließen. Das Abzieh- bzw. Zerrbild stellt dahingehend sicher Captain Jack dar. Die reine Funktionalität, auf die ihre Beiträge in den Songs verknappt wurden, und der Umstand, dass die wenigsten wirklich Profis waren, ergab letztlich, dass besonders die Güte des Sprechgesangs im Eurodance bis heute als eher lachhaft gilt. Das tat dem Boom rund um das Genre keinen Abbruch. Vielmehr brachte es reihenweise Nummer-eins-Hits hervor: „Rhythm Is Dancer“ (Snap!), »Mr. Vain« (Culture Beat), »It’s My Life« (Dr. Alban) oder »Be My Lover« (La Bouche) und andere verstopften mit anfänglich erfrischenden Tracks, später mit schäbigen Me-too-Produkten Tausende von Maxi-CDs, Samplern und Dorfdiskotheken.
Spätestens 1996 aber durfte man den Markt durch die vielen Billo-Produkte als übersättigt und sturmreif geschossen ansehen. Nichtsdestotrotz hielten sich Acts der zweiten Welle wie Mr. President, Captain Jack oder Sqeezer noch gefühlte Ewigkeiten. Das Erbe des Sounds und der typischen Ex-und-hopp-Attitüde traten dann Cover-Acts wie Mad’House oder Jan Wayne an, gecovert hat auch Gigi D’Agostini, der wiederum das Einfallstor für Neo-Italo-Disco à la Eiffel 65 und Prezioso öffnete. Ein ebenfalls verblüffend einfacher bis einfältiger Pop – ganz im Geiste des mittlerweile gestürzten Monolithen Eurodance.
Ohne Ende
Nun, zehn, fünfzehn Jahre später, restaurieren Eminem und Komplizen ihren aktuellen Charts-HipHop also mit just jenen 4-to-the-floor-Attributen. Aber auch abseits des Mainstreams zeichnen sich neue Spuren von Eurodance in aktueller Musik immer deutlicher ab. Doom-Core-Brecher wie Salem berufen sich genauso darauf wie seit einigen Jahren Deichkind, das südafrikanische Duo Die Antwoord oder das Keyboard-Speed-Metal-Gulasch von Enter Shikari. Ein weiterer wichtiger Grund für das Comeback: Der allgemeine Retro-Konsens wendet sich immer stärker ab von den 80er- und hin zu den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Etwas anderes als ein fulminantes und vermutlich bald hochnervtötendes Revival von Eurodance vorauszusagen wäre fahrlässig. Vielmehr: Wir befinden uns bereits mittendrin – lediglich die ganz große Welle steht noch bevor. Das einstige »guilty pleasure« der peinlichen Lieblingsmusik Eurodance wird dabei in Riesenschritten hip und hoffähig.
Was auch als befreiend gesehen werden kann: Schluss mit der Schamesröte, wenn man mal wieder von der immensen Hit-Macht eines Knallers wie »No Limit« mitgerissen wird. Der vulgär-hedonistische Kern des Genres lautete ja schon immer bloß: Spaß haben. Inspirierte mit seinen besten Produktionen allerdings bis heute eben auch die unterschiedlichsten Acts und Musikstile. Eurodance ist weit mehr als nur die Summe von vier Caipirinhas, einer Tanzfläche, schmiegigem Frauen-Chorus, gebellten Männer-Raps und Kommerz.
Eurodance – verbotene Liebe. Ab jetzt endlich straffrei.
Dieser Artikel ist Teil des Intro-Spezials Eurodance: Wie aus Scheiße Gold wurde. Mehr unter www.intro.de/spezial/eurodance.
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