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Wie aus Scheiße Gold wurde

Damals: Das große Eurodance-Spezial

19.11.2010, 17:00, Text: Felix Scharlau, linus volkmann
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Die Ursprünge von Eurodance liegen in der Club- und DJ-Revolution der späten 80er-Jahre. Auf die rhythmisch geprägten Sets legten DJs zuerst simple Samples, vornehmlich gezogen aus Soul-Platten. Speziell in Deutschland, Skandinavien und Benelux experimentierte man danach mit der Verbindung von Techno-Beat und klassischem Songprinzip. Schnell entstand das Erfolgsprinzip: Eine Frau singt die Refrains über einen Dance-Rhythmus, ein schwarzer Rapper übernimmt die Sprechgesang-Strophe.

Name: In den 1990ern subsumierte man die Entwicklung unter dem Begriff Dancefloor oder Hi-NRG. Das heute gültige Label Eurodance setzte sich erst später durch.

Bekannteste Vertreter: Culture Beat, 2 Unlimited, Technotronic, Dr. Alban, Leila K.

Halbwertszeit: Der künstlerische Peak des Genres ist um das Jahr 1993 anzusetzen, der kommerzielle zwei Jahre später. Nach einer Erfolgsgeschichte in weltweiten Charts kam das Ende durch die Inflation immer blöderer Acts, einhergehend mit völliger Schemati- und Debilisierung.


31.12.1988 - Die Erstauflage von KLFs Regel-Handbuch »Der schnelle Weg zum Nr. 1 Hit« erscheint. Eine Kopie schenken KLF »ein paar Typen aus Österreich«, die wegen einer musikalischen Kollaboration angefragt hatten. Ende 1988 steht die streng nach Buch selbst produzierte Edelweiss-Single »Bring Me Edelweiss« bereits in fünf europäischen Ländern auf Platz 1. Edelweiss prägen früh die spätere Dancefloor-Alchemisten-Formel: Kostüme, Themen-Kunstfiguren, Sinnlos-Texte, Sex. Auch Chumbawamba und The Klaxons beriefen sich später auf KLFs Buch.

19.11.1990 - »Hello Africa«, die erste Single von Dr. Alban, erreicht in Schweden Goldstatus. Der als »singender Zahnarzt aus Afrika« vermarktete Akademiker aus Stockholm knackt später mit elf Singles auch die Media-Control-Charts, wird aber nur mit »It's My Life« deutsche Nummer eins. Nerd-Info: Dr. Alban ist der Onkel von Ricky (Tic Tac Toe).

07.12.1992 - »Open Sesame« von Leila K. peakt auf Platz 7 der deutschen Single-Charts. Das Stück zählt nicht nur zu den besten Dance-Songs der 90er - sein Claim klingt im Nachhinein fast wie ein Orakel für die anbrechende Eurodance-Goldgräber-Stimmung.

15.03.1993 - Snap! erhalten in Berlin den Echo in der Kategorie »erfolgreichster nationaler Künstler im Ausland«. Snap! texten explizit über Sex, ihr Track »Oops Up«handelt zeitgemäß auch von der Notwendigkeit, Kondome zu verwenden. Die promiskuitive Clubszene versucht, sich auf eine sexy Art vor sich selbst zu schützen.

01.12.1993 - Der Musiksender VIVA geht in Köln auf Sendung. Zahllose Eurodance-Songs erreichen nun durch Videos der Marke »quick and dirty« massives TV-Airplay und im Anschluss die Spitze der Charts. Die Erfolgsgeschichte von Eurodance der frühen 90er ist gleichermaßen auch die von VIVA.

20.03.1995 - Höchste Platzierung von E-Rotic in den deutschen Singlecharts (Platz 3 für (»Fred Come To Bed«). Das Dancefloor-Projekt von David Brandes setzte in seiner Geschichte ausschließlich auf Sex und machte klar: Eurodance ist keine Peinlichkeit zu peinlich. Zu E-Rotics bekanntesten Stücken zählen: »Max Don't Have Sex«, »Sex On The Phone« oder »Help Me Doctor Dick«.

1995 - Die Formelhaftigkeit und der Hang zum Infantilen ergeben Mitte der 90er ein eigenes Eurodance-Genre: Eurotrash, gemixt mit Kinderliedern oder Kinderserienfiguren. Highlights: Dolls United mit »Insel mit zwei Bergen« (Charts-Platz 2, über 750.000 (!) verkaufte Singles) oder Cosmix feat. Ernie »Quietsche-Entchen«.

15.05.1995 - Eine besondere Ausprägung von Kinderlied-Eurodance findet sich im Genre »verschlumpfte Techno-Versionen bekannter Klassiker«. Wobei Techno nur ein Euphemismus ist für das groteske Eurodance-Strickmuster der Rednex-Coverversion »Schlumpfen Cowboy Joe«, die Mitte des Jahres bis Platz 2 in den deutschen Charts kommt.

1996 - Obwohl der Eurodance-Herd vornehmlich in Deutschland, Benelux, Italien und Skandinavien anzusiedeln ist, ist Eurodance 1996 weltweit auf allen irgendwie von westlicher Musik infiltrierten Tanzflächen ein Exportschlager. Nur die USA bleiben etwas außen vor.

1998 - Auch in Großbritannien, von wo man selten mit Interesse auf den Kontinental-Pop schaut, findet das Phänomen Eurodance seinen Widerhall. Der größte Hit der schottischen Indie-Electro-Band Bis lautete 1998 »Eurodisco« und transportierte neben Häme durchaus auch einen Farewell-Gruß an das mittlerweile siechende Genre: »I lost my 15 minutes - on eurodiiiiiiisco!«

16.03.1998 - Ende? Kein Ende! Modern Talkings Reunion vollzieht sich 1998 über eine Neu-Version von »You're My Heart You're My Soul«, die im März erscheint. Entscheidende Änderung zum Original: hämmernde Beats und ein schwarzer Rapper nach dem zweiten Refrain. Hintendran, aber damit vorne dabei zu sein - ein Markenzeichen des Systems Bohlen, der mit dem Song einstellige Charts-Platzierungen in sieben europäischen Ländern schafft.

22.11.1999 - Wenn man von Eurodance und den Folgen spricht, darf natürlich der italienische Weg zur Jahrtausendwende nicht unerwähnt bleiben: Eiffel 65 (»Blue«, »Move Your Body«) oder Prezioso glänzten mit weltweiten Charts-Erfolgen. Erstere sogar mit einer Nummer eins in UK und Top Ten in den USA. Im November erscheint das Eiffel-65-Debütalbum, das schon namentlich die direkte Erbfolge unterstreicht. Es heißt »Europop«.

1999 - Auch wenn Eurodance Ende der 90er bis auf komplett schmerzfreie Billo-Durchhalter wie Captain Jack, Sqeezer oder Mr. President abgewickelt worden war - der Sound lebte fort. Ohne den Rap-Part, aber mit artverwandter Beat- und Bass-Arbeit. Bekanntestes Beispiel: Gigi D'Agostino und das Nik-Kershaw-Cover »The Riddle« - eine Million verkaufte Singles in Deutschland.

17.10.2005 - Franky Gee, die zweite Reinkarnation der Kunstfigur Captain Jack, stirbt auf Mallorca an den Folgen einer Hirnblutung. »Captain Jack« (das eingetragene Markenzeichen eines Produzenten) ist 2008 trotz des Todes seines wichtigsten Protagonisten überraschend mit einem schwarzen Doppelgänger wieder aktiv. Zynischer Titel des Albums: »Captain Jack Is Back«.

2010 - Die größte Nachfrage nach Eurodance findet sich heute auf russischem Terrain. Hier touren überlebende Acts wie 2 Unlimited oder Technotronic regelmäßig durch volle Discos.

03.12.2010 - Der dritte und letzte Teil von Robyns Alben-Zyklus »Body Talk« erscheint. Auf den Platten lässt die schwedische Popdance-Ikone konsequent Facetten von Eurodance aufleben, den sie als Teenager vergötterte. 2009 trat die Sängerin sogar mit Dr. Alban live auf (vergleiche Intro #183).

Dieser Artikel ist Teil des Intro-Spezials Eurodance: Wie aus Scheiße Gold wurde. Mehr unter www.intro.de/spezial/eurodance.




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aus Intro #188 (Dez 2010/Jan 2011)
 
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