Die Wahrheit
über Dirk von Lowtzow: "Adorno hatte kein Feeling"
05.02.2010, 10:07, Text:
Boris Fust
[47 Kommentare]
Anämisch und hüftspeckig – das ist "Diskurs-Pop". Auf Tocotronics "Schall und Wahn" marschiert die Reaktion. Was hätte Adorno dazu gesagt? Von Boris Fust
Allmählich dürfen Tocotronic als abschließend erforscht gelten. Viel muss man darüber auch gar nicht wissen. Vielleicht das: Tocotronic haben sich stets reiflich bemüht, ihren Texten große Sorgfalt angedeihen zu lassen, pflegen aber eine Art von Rockmusik, wie sie eine Schar Gruppenleiter beim Kindergottesdienst kaum anmutiger auszuüben in der Lage wäre.
Kurz: Die Texte suchen das Innovative, musikalisch geht es erzreaktionär zu. Wenn man Dirk von Lowtzow angelegentlich eines Interviews in einem alten Eierspeicher darüber informiert, gibt es eine Suada zu hören, die wir hier in Auszügen dokumentieren:
"'Reaktionär' ist eine sehr harte Anklage. Welche Musik ist denn nicht reaktionär? Müsste man jetzt Moderne Klassik hören oder sowas? Wenn man jetzt, sagen wir mal, die adornitischen Grundsätze zugrunde legt, dann ist unsere Musik – und Popmusik per se – reaktionär. Ich kenne jedenfalls keine Popmusik, die in dem Sinne nicht reaktionär wäre. Auf diesen Vorwurf reagiere ich nichtsdestotrotz sehr empfindlich, weil reaktionär ist das, was wir versuchen, auf gar keinen Fall zu sein.
Rockmusik arbeitet mit der Liedform. Und die hat sich seit Schubert nicht grundsätzlich verändert. Natürlich gibt es Produktionen, die synkopisch arbeiten und experimenteller oder progressiver sind – auch in der Art, wie moderne Technik Eingang hält. Andererseits sind bestimmte Primitivismen, eine Brutalität, eine Rohheit oder Ungeschliffenheit in Rockmusik eingeschrieben und deswegen auch erwünscht. Rockmusik ist immer in einer gewissen Art und Weise konventionell in ihrer Harmonik. Allerdings kann ich verstehen, dass, wenn man John Coltrane hört, unsere Musik relativ primitiv dagegen ist. Das kann man dann auch öde finden. Das verstehe ich.
[auf Nachfrage] Mein Gott, ob John Coltrane christlicher Fundamentalist war oder nicht, das weiß ich nicht und führt mir auch zu weit. Ich will nur sagen: Wir haben das Gefühl, dass wir es seit 16 Jahren ganz gut hinbekommen, Text und Musik miteinander zu verzahnen. Außerdem gibt es Beispiele, wo Musik eine Komplexitätsstufe erreicht, die ihrerseits zu etwas führt, was man gemeinhin als reaktionär bezeichnen kann – der Progressive Rock der 70er, weshalb es dann ja eine brutalistische Gegenbewegung wie Punk gab. Deshalb finde ich es schwierig, musikalische Progressivität an der Art ihrer Avanciertheit festzumachen. Es gibt wunderbare Stücke von Velvet Underground, die bestehen aus exakt einem Akkord, und es gibt Technostücke, die bestehen aus überhaupt gar keinem. Trotzdem ist ein ganzer Kosmos darin enthalten."
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Intro 05.02.2010 | 10:07:00
Anämisch und hüftspeckig – das ist "Diskurs-Pop". Auf Tocotronics "Schall und Wahn" marschiert die Reaktion. Was hätte Adorno dazu gesagt? Dirk von Lowtzow antwortet...
flame sweetheart 05.02.2010 | 10:34:22
just here to cheer!
Was hätte Adorno dazu gesagt?
Mein Tipp: Gläserrücken.
flame sweetheart 05.02.2010 | 11:35:30
just here to cheer!
Ich muss auch immer Brillianz in Glanz und Reflexion teilen.
malory baker 05.02.2010 | 11:38:58
keine ahnung, bei mir laufensolche prozesse einfach intuitiv durch. flutschiflutsch, quiek quak.
schons 05.02.2010 | 11:41:39Die Musiktheorie von Adorno ist ja deshalb falsch, weil er bestimmte Trash-Techniken, die erst in den 50ern und 60ern Jahren aufkamen, so wenig mitbedacht hat wie Camp-Techniken.
ohje. man kann ja die musiktheorie adorno kritisieren, aber so? als seien "camp-techniken" mit _notes on camp_ auf einmal in aller munde und präsent gewesen. das wurde doch erst viel später breiter rezipiert.
malory baker 05.02.2010 | 11:42:58
das wurde doch erst viel später breiter rezipiert.
süß. nur war elvis bereits king of camp.
schons 05.02.2010 | 11:45:07
klar, so stand es damals schon überall geschrieben. king of camp. und ein jeder hantierte mit dem begriff. ohje
dvl soll einfach nicht soviel plappern. gibt er jetzt jedem magazin vier interviews mit dem immergleichen inhalt? kann er nicht mal wieder der welt zeigen was er für ein topgeiler intellello ist und pubertärrebellisch rummotzen?
malory baker 05.02.2010 | 11:46:57
ne geschrieben nicht. lesen war damals schon uncool, spätestens.
äh ich dachte, das war fusts geniale parodie auf von lowtzow. wasnu?
schons 05.02.2010 | 11:48:40
sowas verstehe ich nicht.
malory baker 05.02.2010 | 11:49:01
und damals hantierten genauso viele leute mit dembegriff wie heute, eine kleine bebrillte schreiberminderheit, die sich für den nabel der welt hält, nach zwei gläschen campus und ner zarten linie.
schons 05.02.2010 | 11:56:34
true dat
leralle 05.02.2010 | 11:58:00
wieso ist heutzutage eigentlich jeder musikalisch "reaktionär", der seine musik nicht mit ebenso seelen- wie sinnlosen elektrogeplucker ruiniert - äh - "weiter entwickelt"?
malory baker 05.02.2010 | 11:59:19
wieso ist die banane krumm? weil sie 40 jahre lang nenbogen um die zone machte.
HAHAHAHA. brüller.
Carl Schmitt 05.02.2010 | 13:19:57
Ich stimme mit Adornos Kritik, nicht aber mit Ihren Prämissen überein. Diskurspop ist nur die letzte Ausgeburt des ewigen Gesprächs des bürgerlichen Liberalismus. Alle Festigkeit, jede entscheidende Idee löst sich dort in die endlosen Mäander einer oratorischen Musik auf.
Editiert von
Carl Schmitt am 05.02.2010 13:20:21
malory baker 05.02.2010 | 13:29:45
ich würds etwas gebräuchlicher formulieren, aber das ist der hammer auf demnagel. dieses ewige sich zu fein sein für einen moment verbindlichkeit, von der ja jeder weiß, dass sie nur im flüchtigen traum der musik existiert, ist einfach eitel und peinlich. das resultat sind versuche, post-studentisches gebähren, selbstbeleckerei. also im grunde alles, wogegen man versucht, zu rebellieren. eine farce wird teil der kleinen randgeschichte musik.
malory baker 05.02.2010 | 13:31:57
nur ist das problem nicht nur tocotronic, das grössere problem, ist das die im indiekosmos vorgelebte verbindlichkeit einfach dermassen ätzend klebrig und dumm ist, dass man halt diesen reflex fährt, WENN mans nicht schafft, auf distanz zu gehen. drogen wären eine möglichkeit, aber "das machen wir nicht mehr". ist klar, erwachsen und so.
GÄHN. dann hört doch einfach auf.
flame sweetheart 05.02.2010 | 13:33:02
just here to cheer!„Was der Führer über die jüdische Dialektik gesagt hat, müssen wir uns selbst und unseren Studenten immer wieder einprägen, um der großen Gefahr immer neuer Tarnungen und Zerredungen zu entgehen. Mit einem nur gefühlsmäßigen Antisemitismus ist es nicht getan; es bedarf einer erkenntnismäßig begründeten Sicherheit. […] Wir müssen den deutschen Geist von allen Fälschungen befreien, Fälschungen des Begriffes Geist, die es ermöglicht haben, dass jüdische Emigranten den großartigen Kampf des Gauleiters Julius Streicher als etwas ‚Ungeistiges’ bezeichnen konnten.“
Carl Schmitt
schons 05.02.2010 | 13:35:03
mal was ganz neues
malory baker 05.02.2010 | 13:40:57
Carl Schmitt (eigentlich Karl Schmitt, zeitweise auch Carl Schmitt-Dorotic[1]; * 11. Juli 1888 in Plettenberg, Sauerland; † 7. April 1985 ebenda) war ein deutscher Staatsrechtler und politischer Philosoph.
Der Jurist ist einer der bekanntesten, wenn auch umstrittensten deutschen Staats- und Völkerrechtler des 20. Jahrhunderts. Er kompromittierte sich schwer als „Kronjurist des Dritten Reiches“ (Waldemar Gurian) und als „geistiger Quartiermacher“ des Nationalsozialismus.
Sein im katholischen Glauben verwurzeltes Denken kreiste um Fragen der Macht, der Gewalt und der Rechtsverwirklichung. Neben dem Staats- und Verfassungsrecht streifen seine Veröffentlichungen zahlreiche weitere Disziplinen wie Politikwissenschaft, Soziologie, Theologie, Germanistik und Philosophie. Sein breitgespanntes Œuvre umfasst außer juristischen und politischen Arbeiten verschiedene weitere Textgattungen, etwa Satiren, Reisenotizen, ideengeschichtliche Untersuchungen oder germanistische Textexegesen. Als Jurist prägte er eine Reihe von Begriffen und Konzepten, die in den wissenschaftlichen, politischen und sogar allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen sind, etwa „Verfassungswirklichkeit“, „Politische Theologie“ oder „dilatorischer Formelkompromiss“.
Schmitt wird heute zwar – vor allem wegen seines Engagements für den Nationalsozialismus – als „furchtbarer Jurist“, umstrittener Theoretiker und Gegner der liberalen Demokratie gesehen, zugleich aber auch als „Klassiker des politischen Denkens“ (Herfried Münkler[2]) bezeichnet – nicht zuletzt aufgrund seiner Wirkung auf das Staatsrecht und die Rechtswissenschaft der frühen Bundesrepublik.[3]
Schmitt bezog die prägenden Einflüsse für sein Denken von politischen Philosophen und Staatsdenkern wie Thomas Hobbes[4], Niccolò Machiavelli, Jean-Jacques Rousseau, Juan Donoso Cortés oder Zeitgenossen wie Georges Sorel[5] und Vilfredo Pareto.[6]
Carl Schmitt 05.02.2010 | 13:41:05
Diktatur ist der Gegensatz zur Diskussion.
flame sweetheart 05.02.2010 | 13:46:14
just here to cheer!
Ich diskutiere doch gar nicht. Ich habe nur zitiert.
flame sweetheart 05.02.2010 | 13:50:07
just here to cheer!
wenn der andre seinen (anti)führer nicht immer parat hätte.
wieso eigentlich (anti)führer? weil ich einen antisemiten zitiere?
Carl Schmitt 05.02.2010 | 13:50:24
Und ich suchte stets nur, dem Geist überhaupt wieder ein Quartier zu geben.
malory baker 05.02.2010 | 13:50:50
wenn man das zu ende denkt, ist jede entscheidung diktatorisch. ich hab tagelang mit mir diskutiert, kauf ich den grünen oder den weinreoten zopfhalter. am ende diktierte ich mir den weg in den laden und diktierte der hand die entscheidung.
und da sist ein typisches problem des unverbindlichen. man zwingt sich aus dem gewissen heraus vernestelt einen ewigen diskurs auf, dessen ergebnisse und errungenschaftenman dadurch mal ummal ignoriert. einfach in dem glauben das wäre veredeltes menschsein. das ist völlig schwachsinnig. der anteil von verbindlichkeiten und klarheit gegenüber nebulöser ahnung und reflektionen ist IMMER unglaublich gering. der mensch schläft zumbeispiel einen drittel seiner zeit. und gerade als freier musiker verbringt man die restzeit ebenso frei in der luft. wennman dann zuminstrument greift, ohne es wirklich mit sich spielen zu lassen, sondern jeden ansatz dieses peinlich ekstatischen delirium durch sein eben mal juristisch geprägtes manifestations-bedürfnis bricht, man gar nicht abwartet, dass die musik vllt in ein bewußtsein trägt, das diese traumlose, pseudo assoziative, angeblich! völlig anti-intentionale ebene WIRKLICH verläßt und belächelt, aber gerade dann versucht, noch den leuten zu erzählen, man sei ja die liberalste und progressivste wurst im kosmos, schaut her, ich hab studiert und kenne john cales kaputte lieblingstaste aus einem buch, dann kriegt man halt unmengen applaus voin und mengen dummen leuten. bleibt aber imgrunde endlos hinter der eigenen und vor allem laut proklamierten erwartung zurück.
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