Zum Tod von Jay Reatard
Aufrichtige Schmerzen: Ein Nachruf.
15.01.2010, 14:00, Text:
Christian Steinbrink
Vom DIY-Aktivisten mangels Alternativen zum Hoffnungsträger und Königsanwärter eines ganzen Genres im Dornröschenschlaf – Stoff, der anderswo ein schönes, langes Leben beschreibt. Das von Jimmy Lee Lindsey Jr., besser bekannt als Jay Reatard, endete am Mittwoch schon nach 29 Jahren. Ein Nachruf von Christian Steinbrink.
Es gibt etwas, das die Rock'n'Roll-Szene der Stadt Memphis mit dem Genre des Garage-Punk verbindet: Beide tragen eine Geschichte mit sich herum, deren Bedeutsamkeit alles überlagert, was danach entstand, und so sicherlich enorm hemmend wirkte. Und für beide war Jay Reatard der Hoffnungsträger für eine agilere Zukunft.
Deutlich machte das eine Dokumentation, die Matador Records Mitte letzten Jahres anlässlich des letztlich finalen Jay Reatard-Albums "Watch Me Fall" veröffentlichten. Sie heißt "Waiting For Something". Reatard führte die Filmemacher darin in die Nachbarschaft seiner Jugend, in eine Gegend, in der Rock'n'Roll noch ganz banal als Glücksversprechen für eine bessere Zukunft gelten konnte. Und sie lässt einige Wegbegleiter des Musikers zu Wort kommen, deren Äußerungen vor allem eines deutlich machen: Jay Reatards Talent war schon in seinen Teenager-Tagen glasklar. Und jeder, der mit ihm zu tun hatte, fühlte sich auch ein Stück weit mitverantwortlich für und Stolz auf den Erfolg, den er in seinen letzten Jahren erreichte.
Hierzulande wurde der Mann aus Memphis erst durch eine Legende bekannt, die sich hartnäckig hält und deren Wahrheitsgehalt wohl kaum noch richtig überprüft werden kann. Sie besagte, dass von Reatards ersten Singles auf Matador so viele Exemplare bestellt wurden, dass die Logistik dieses relativ großen US-Indies zwischenzeitlich zusammenbrach und der Nachfrage nicht mehr gerecht werden konnte. Folge war der Release der Compilation "Matador Singles 08", die europaweit mit ebendieser Legende annonciert wurde. Davor hatte Reatard allerdings schon eine Underground-Karriere hingelegt, die sich durch enorme Produktivität auszeichnete: Diverse Band- und Seitenprojekte, unzählige Veröffentlichungen und schnell eine grassierende Mund-zu-Mund-Propaganda in der Garage-Szene, die sie elektrisierte wie lang nichts mehr vorher. Entlang dessen auch die typischen Nebengeräusche, Geschichten von Exzess und Zerstörung während unzähliger Shows. Mythen, ohne die der Rock'n'Roll nach wie vor nur schwerlich auskommt, die Reatard aber durch eine betont unbeugsame Redneck-Haltung des "telling the truth" befeuerte. Amtlich war dabei nur eines: Ein Songwriter-Talent wie ihn hat es in dieser Szene lange nicht mehr gegeben.
Eine ähnliche Euphorie wie in den USA erzeugte Reatard in Europa nicht. Als er Ende Oktober 2009 erstmals im Kölner Luxor einen Gig spielte, standen vor der Bühne gerade einmal 20 Fans. Die Energie seiner Show verpuffte vor den dünn besetzten Reihen, Reatard reihte ohne Pause Song an Song, die vollen 40 Minuten war sein Gesicht hinter seinen wirbelnden Haaren nicht zu sehen. Dass der Auftritt großartig hätte werden können, wären nur genügend Leute gekommen, war dabei allen Anwesenden klar. Und auch an diesem Abend gingen Gerüchte von Sucht und Abstinenz um. Später erfuhr man, dass Reatard wenige Wochen vorher seine komplette Backing-Band ausgetauscht hatte, austauschen musste. Sein Kommentar via Twitter: "Band quit ! Fuck them ! They are boring rich kids who can't play for ahit anyways .. Say hello to your ugly and boring wifes opps I mean lifes guys suckt it"
Es ist müßig und unangemessen, in einem Nachruf auf einen jung verstorbenen Künstler über Karma zu spekulieren. Gerade dann, wenn man diesen Künstler nicht persönlich kennengelernt hat. Jay Reatard ist in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch in seinem Haus in Memphis gestorben. Über die Ursachen ist auch nach einer Autopsie nichts bekannt. Er hatte das Talent, ein großer Held des Garage-Punk zu werden. Einer, der ihn kannte, ist Bradford Cox, besser bekannt mit seinen Projekten Deerhunter und Atlas Sound, ein anderer betont kontroverser und hochtalentierter junger Musiker. Die beiden sind gemeinsam auf der Reatard-B-Seite "Oh, it's such a shame" zu hören. Er schrieb in seinem Blog über den Tod Jay Reatards:
"Jay was what few people have the capacity to be. He created an undeniably classic album that contained so much pain transfered to tape in such an explosive way that it made you feel different after hearing it. He was transgressive and honest. His flaws were something he focused on and overdubbed and distorted until they made you forget who he really was - a person with feelings and a good heart. He loved music and worked hard from a young age to pursue it. He was a self-made and unmade man. I am truly sickened to see him go."
Im Forum könnt ihr kondolieren.
Fan werden? Anmelden oder einloggen!
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
VERWANDTE ARTIKEL
- » Jay Reatard - Todesursache: Kokain...
- » Jay Reatard - Tot: Matador-Künstle...
- » Twitter - Das Medium der Stars
- » Ausblick 2009 - Aber hallo: Check...
MEIST GEKLICKT
- 01 Ein Abend mit Adam Yauch (MCA)...
- 02 THE CHANCE Nike Sportswear - Makin...
- 03 Platten der Woche - Heute mit Damo...
- 04 Platten der Woche - Heute mit Sant...
- 05 Die besten Gratisgames - Fotostrec...
- 06 Fest van Cleef - Tomte in Original...
- 07 Platten der Woche - Heute mit Rumm...
- 08 EM 2012 - Die Songs - Fußballgötte...
- 09 Rock am Ring - Nokia und Intro ver...
- 10 Beach House - »Bloom« im exklusive...
- ... mehr


