Die Wahrheit - über die Musikindustrie: Copyright kills Music Artikelbild (groß)

Die Wahrheit

über die Musikindustrie: Copyright kills Music

18.12.2009, 10:15, Text: Boris Fust
[6 Kommentare]

Ein sympathischer Indie sperrt massenweise Songs auf einer nicht weniger sympathischen Internetseite. In Krisenzeiten wird schlechte Laune zum Geschäftsmodell. Von Boris Fust

Es ist längst kein Geheimnis mehr: Die Musikbranche befindet sich im Umbruch. Mit Spaß und guter Laune lassen sich in Krisenzeiten wie diesen keine Dollarmillionen mehr verdienen.


Die Tonträgerindustrie hat die Zeichen der Zeit erkannt und wandelt sich von einem lustigen Haufen aus Langschläfern und Lebemännern in Vollbeschäftigung zu kleinen schlagkräftigen Units, die wissen, in welchen US-Bundesstaat man den Gerichtsstand verlegen muss, um die irrwitzigsten juristischen Manöver vollführen zu können. Diese Strategie kommt auch bei den Künstlern riesig an: Charlotte Gainsbourg beispielsweise ist sehr froh, ihr aktuelles Album "IRM" bei Warner veröffentlichen zu dürfen. Denn bei dieser Plattenfirma handelt es sich nach ihrer Überzeugung um einen kleinen sympathischen Indie, weil "in deren Büro nur ganz wenig Leute arbeiten."

Gut so. Als Künstler geht man da natürlich nicht so leicht unter wie noch zu den Zeiten, als Leute wie der Amateurschlagzeuger Sigi Loch dort etwas zu sagen hatten und Marius Müller-Westernhagen den Vertrag auf einer halbseidenen Serviette unterschrieben ließen. So etwas ist heutzutage ausgeschlossen – zum Glück. Schließlich geht es nicht mehr um so etwas wenig Handfestes wie Musik, sondern um den Handel mit Rechten. Da ist es besser, wenn man pünktlich im Büro ist und einige freshe Ideen ins Werk setzt, auf die man erst einmal kommen muss.

Zum Beispiel im Internet. Die bekannte und beliebte Musikplattform MySpace ermöglicht es, selbstausgedachte Musik hochzuladen und der interessierten Weltöffentlichkeit zugänglich zu machen. Thomas D beispielsweise nutzt diese Möglichkeit, auf sein künstlerisches Schaffen aufmerksam zu machen, jedoch besteht der Großteil des Angebots aus komplett unhörbarem Supermumpitz, wie ihn die angeblich aus der Ukraine stammende Formation Mobserv verursacht. Der Verfasser dieser Zeilen spielt in dieser Formation äußerst unbeholfen Schlagzeug und ist z.B. für die eklatanten Timingschwankungen auf dem Stück "Scheidenbunker" verantwortlich. Weitere Zeugnisse mangelnden Sachverstandes sind nicht mehr zugänglich: Die Warner Music Group hat drei Songs sperren lassen. Thomas D ist das auch schon passiert.

"Copyright wurde verletzt", behauptet eine orangene Schrift. Die Warner Music Group ist der Meinung, Rechte an einem Stück namens "Der Geschftsfhrer" zu haben, das deswegen so komisch heißt, weil MySpace keine Umlaute gestattet. Das ist natürlich Quatsch – verlegt ist der Titel bei Universal, die Mechanischen hält die Deutsche Austrophon. Trotzdem darf man sich von nur ganz wenigen Leuten im Büro einer winzigen Plattenfirma nicht vorschreiben lassen, was man mit seiner eigenen sogenannten "Musik" zu tun und zu lassen hat – erst Recht, wenn man dort gar nicht unter Vertrag ist.

Gehen wir der Sache doch einmal nach. Die Lizenabteilung der Warner Music Group hat eine eigene Internetseite, vor deren Benutzung Firefox recht eindrücklich warnt:



Schnell weg hier. Gewarnt wird auch im Forum von MySpace. Einige Nutzer raten dazu, eine bestimmte mit W beginnende Buchstabenfolge auf keinen Fall einzugeben. Offenbar haben Berichte, nach denen die bewusste Plattenfirma gern eine gewisse Kanzlei aus Hamburg einschaltet, die in der Lage ist, sehr schnell Abmahnschreiben in großer Menge zu verschicken und Summen zu fordern, die das Taschengeld der allermeisten MySpace-Nutzer übersteigen, gehörig Eindruck gemacht.

Nächste Seite: Boris Fust entschließt sich zu einer ungewöhnlichen Maßnahme - er telefoniert.


1 | 2 | 3 | ... weiterlesen »



Artikel kommentieren
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 
  • User: Intro
  • Intro 18.12.2009 | 10:15:00

    Ein sympathischer Indie sperrt massenweise Songs auf einer nicht weniger sympathischen Internetseite. In Krisenzeiten wird schlechte Laune zum Geschäftsmodell.

  • ösel 09.07.2010 | 10:19:20
    Polterkowski & Söhne
    Die Wahrheit tut nicht nur sehr weh, nein, sie scheint auch wirklich strunzöde zu sein. Scripted reality ist ja gerade voll der Hype so...

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • VERWANDTE ARTIKEL

  •  
Newsletter
Aktuell, übersichtlich und informativ: Der INTRO-Newsletter. Hier anschauen!
 
 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]

 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]