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Wo die wilden Kerle wohnen

im Kino: Zuhause ist's am Schönsten?

15.12.2009, 12:00, Text: Wolfgang Frömberg

Wer den Kinderbuchklassiker "Wo die wilden Kerle wohnen" schon gelesen, vorgelesen oder vorgelesen bekommen hat, wird sich fragen: Wie soll man das Buch verfilmen? Spike Jonze hat's gewagt. Wolfgang Frömberg hat's gesehen und fährt die fürchterlichen Krallen aus.

"Und als er dort ankam, wo die wilden Kerle wohnen,
brüllten sie ihr fürchterliches Brüllen
und fletschten ihre fürchterlichen Zähne
und rollten ihre fürchterlichen Augen
und zeigten ihre fürchterlichen Krallen…"


Was geht im Kopf eines Kindes vor sich? Wenn man Kinofilme anschaut wie Spike Jonzes "Being John Malkovich" oder "Adaptation" ahnt man wohl, wie es in den Gedanken eines großen Kindes aussieht.


Was die kleinen Racker angeht, sind es die Momente der Imitation, die einem Erwachsenen oft bewusst machen, was sich abspielen muss im Kindskopf. Wenn das Balg plötzlich die eigenen Gesten wiederholt. Doch das ist vor allem ein Blitz der Selbsterkenntnis. Und man fragt sich: Wie viel Gramm Erwachsener stecken in diesen paar Pfund Menschlein? Und wie schwer wiegt noch die Kinderseele in der eigenen Brust?

Man kann sich gut vorstellen, dass Regisseur Spike Jonze während der Dreharbeiten zur Verfilmung von Maurice Sendaks Kinderbuchklassiker "Wo die wilden Kerle wohnen" um den jungen Hauptdarsteller Max Records herum gewuselt ist. Die beiden haben sich, so ist es von Spike Jonze überliefert, beim Dreh gegenseitig hochgeschaukelt. Jonze wollte einen unbefangenes Neunjährigen, der mit großem Ernst bei der Arbeit ist - und hatte selbst vor, sich bei aller verbissenen Liebesmüh eine gewisse Portion Unbefangenheit zu bewahren. Und so braucht Max Records in seiner Rolle als Max keinen Spiegel vor sich zu halten, damit man den erwachsenen Regisseur neben ihm hüpfen und springen sieht. Wir können im Film den Spike Jonze in Max entdecken, so wie Spike Jonze den Max in sich entdeckt hat.

Diese Art von Übersetzung birgt Schwierigkeiten. Nicht genug der Scherereien also damit, einen Mythos der Kinderliteratur fürs Kino zu adaptieren. Wobei man ja eigentlich nur verlieren kann. Speziell, wenn man sich nicht recht entscheiden möchte, ob man nun anhand der Grundlage eines Kinderbuchs, das auch Erwachsenen gefällt, einen Film für Kinder oder Erwachsene dreht. Spike Jonze und sein Team haben es sich nicht leicht gemacht. Kompliziert war neben der respektvollen Ausarbeitung einer abendfüllenden Geschichte - die originale Story ist relativ schnell erzählt - auch die angemessene Realisierung mit einer Mischung aus Puppenspiel, echten Schauspielern und Computeranimation.



Im 1963 erschienenen Buch setzen sich Sendaks Zeichnungen über die Einfachheit des erzählten Gleichnis hinweg, könnte man sagen. Sie wirken neben den kleinen Buchstaben so riesenhaft wie die die wilden Kerle neben Max. Verharren wir für einen kurzen Moment beim Umschlag des Buches. Dort sitzt eins der Ungeheuer - Fell, Schlappohren, Krallen, nackte Füße, Hörner - unter Bäumen an einem Fluss, an dessen Ufer ein rotes Schiffchen mit gelben Segeln schaukelt. Der wilde Kerl hat den Kopf in die Hand gelegt und scheint zu träumen. Wobei wir schon bei einer Variation unserer Ausgangsfrage wären: Was mag im Kopf dieses Monsters vor sich gehen? Und wie oft mag ein Kind beim Spielen im Zimmer mit dem Blick auf diesem starken Bild hängen bleiben, das alleine schon so viele Geschichten erzählt?



Sendaks einfache Erzählung startet "an dem Abend, als Max seinen Wolfspelz trug und nur Unfug im Kopf hatte…". Mit einer Gabel in der Hand jagt er den Hund die Treppenstufen hinunter und wird daraufhin von der Mutter als wilder Kerl gescholten. Max erwidert: "Ich fress dich auf!" Deshalb muss er ohne Essen ins Bett. Im Laufe der Nacht, in der ein Wald im Exil seines Zimmers wächst, setzt er mit jenem Schiffchen, das auf dem Umschlag abgebildet ist, zur Insel der wilden Kerle über. Die ernennen ihn, nachdem er sich von deren Gestalt und Gebaren nicht hat ins Bockshorn jagen lassen, zum "König aller wilden Kerle".


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