Die besten Platten des Jahrzehnts
Revisited: Tocotronic - "Tocotronic"
10.12.2009, 10:18, Text:
linus volkmann
Das waren die Nuller: Wir blicken zurück auf die großen Momente und noch größere Alben, die uns auch heute noch begleiten. Jeweils mit der Original-Intro-Review von anno dunnemal. Heute mit Tocotronic - "Tocotronic". Die besten Platten des Jahrzehnts wurden im Rahmen des Intro-Jahrzehntpolls von den Intro-Usern gewählt.
Die Außergewöhnlichkeit der Band Tocotronic lässt sich auch heute noch im bald achten Bandjahr untrüglich an dem zwar lässigen aber dennoch nicht weniger hysterischen Vorab-Brimborium messen. Wie noch einst zu seligen Fanzine-Tagen gab es auch im Jahr 2002, ja bereits 2001 so viele Anfragen, Vermutungen, Auswüchse, was-auch-immer zu "der neuen Tocotronic".
Und - bis auf ein paar Spartenheinis - interessiert diese nächste Platte nicht nur alle quer durch die Bank, nein, alle sind sogar noch unglaublich heiß drauf. Seit es langsam begann, ernst zu werden vor ein paar Monaten mit dem Erscheinen, sprießen die Threads in der intro.de-Community wie Pilze und noch bevor es ernst wurde - also wie gesagt 2001 -, bot sich so gut wie jeder Autor, der einen Stift halten kann, an, Rezension oder Story machen zu wollen.
Aber man musste wirklich schon selbst in der Exekutive sitzen, um hierauf eine Chance zu bekommen. Gewaltenteilung ist was für blöde Demokraten. Das Beeindruckende seitens der Band ist dabei, dass auch "Tocotronic", ihr sechstes Album, dieses Interesse ganz selbstverständlich rechtfertigt. Wieder dauerte es noch länger seit der Vorgänger-Platte, was eben einhergeht mit der Tatsache, dass die drei Ex-Enten noch immer nicht an dem Punkt angekommen sind, an dem es um das bloße Reproduzieren irgendeines Kanons geht. So ehrenvoll der auch sein möge. "Tocotronic" klingt allein durch die Selbstbetitelung ehrfurchtsgebietend. Schwer epochal. Ein Umstand, den auch Arrangement, Songs und Texte unterstreichen.
Neben den dankenswerterweise angebrachten Einstiegsleitern über diverse leicht verkurvte aber trotzdem griffige Post-Slogan-Momente ("In Flammen, in Flammen", "Freizeit ist der Preisssssss" und eine Hand voll anderer) regiert hier Epik. Und das Verträumte, die Sinnsuche abseits von dem früher so zentralen Hyper-Realismus der Bilder (man denke an "Teppichboden", "Samstag Ist Selbstmord" etc.). Wenn das Frühwerk der Tocos - mal ganz literaturgeschichtlich über zweihundert Jahre nach hinten gebolzt - Sturm und Drang war und die darauffolgende Platte ihre Klassik, sind sie nun - nach dem letzten Scharnier-Album "K.O.O.K" in der Romantik angekommen.
Hey, was für Zeilen: wie zum Beispiel "Das Dickicht als ein Dickicht / wo die Wege nurmehr Pfade seien / Wir sind nicht allein / Die Wolke der Unwissenheit / wird für immer bei uns sein" - und natürlich auch, was für eine Clip-Ästhetik (Märchen-Schloss und Mystik) für die erste Auskopplung "This Boy Is Tocotronic". Und hier liegt auch die Spannung der Nummer. Die durch das Ausufernde der Texte gewachsene Interpretierbarkeit jener. Thomas Venker feiert - ganz der kritische Kulturjournalist - das positivistische Moment, das Benutzen der vagen Texte für konkrete eigene Vorstellung und unterstellt letztlich auch den Toco-Trois den (so selbstverständlichen) gesellschaftskritischen Impetus.
Alles muss Ideologiekritik sein - und der offensive Ästhetizismus der Platte darf nur Mittel jener ersteren sein. Doch genau genommen bleibt die Band solchen Bekenntnischarakter in diesem Epos schuldig. Und es scheint viel befreiender, sich über die ausgeschmückten romantischen Pfade der Platte zu nähern, sie darüber zu erkunden, als jede Äußerung auf Rationalität und Lesbarkeit in eigener Sache abklopfen zu wollen. Denn so war es doch immer - und wirkt immer grotesker: Tocotronic schaffen Worte, Sätze und das "Ich" darin wird von allen mitgebrüllt - und meint tatsächlich nur noch sich selbst. Dass dies bei "Jugendbewegung" so war, leuchtet ein. Dass dies bei einer so komplexen Nummer wie dieser hier immer noch so ist, unterstreicht vermutlich den Narzissmuss den Tocotronic-Hören anregt. Aber diesmal steht doch sogar schon "Tocotronic" an der Tür. Und das könnte man ruhig mal respektieren.
Intro-Jahrzehntpoll, Platz 29:
Tocotronic - "Tocotronic"
[Lado / Zomba / VÖ: 10.06.2002 ]
Die besten Platten des Jahrzehnts wurden im Rahmen des Intro-Jahrzehntpolls von den Intro-Usern gewählt. Die Reviews zu den 50 besten Platten der Nuller findet ihr unter www.intro.de/spezial/plattendesjahrzehnts.
Die gesamte Top 100-Liste findet ihr hier.
Der große Intro-Jahrzehntrückblick: Das waren die Nuller.
.: www.intro.de/spezial/dienuller :.
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