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Das waren die Nuller: 2002

Indie zwischen Fördergeldern und DIY

21.11.2009, 16:01, Text: Martin Büsser



Kanada ist ganz anders als die USA. Ein Land, in dem niemand die Türen absperrt, ein Land ohne Angst und Misstrauen. Das zumindest hat Michael Moore in "
Bowling For Columbine" behauptet.

"Totaler Schwachsinn", erwiderten kanadische Musiker, wenn man sie fragte, ob an dieser These etwas dran sei. Und doch scheint es in diesem Land einen besonders hohen Grad an Solidarität zu geben, zumindest was die Indie-Netzwerke angeht, die seit dem neuen Jahrtausend nur so wuchern. Bands und Labels verstehen sich untereinander nicht mehr als Konkurrenten, meist ist vom Kollektiv die Rede. Ganz egal, ob Broken Social Scene, Arcade Fire oder das Constellation-Label: Die Musiker tauschen sich untereinander aus und spielen gemeinsam in unterschiedlichen Formationen. Für die ganzen Seiten-, Zweig- und Nebenprojekte von Broken Social Scene wurde mit Arts & Crafts sogar ein eigenes Label gegründet.


Einen nicht unerheblichen Anteil am Indie-Boom hat die kanadische Musikförderung, genauer gesagt der "Factor"-Fond, mit dem heimische Bands und Labels gefördert werden. Jede Band kann einen Antrag auf Förderung stellen, auch Tourneen werden damit querfinanziert. Es gibt allerdings auch Kritik an "Factor": Wer kommerziell erfolglos bleibt, fliegt raus aus dem Förderprogramm. Das behauptet zumindest Efrim von Godspeed YBE, einer Band, die anfangs jedoch auch von "Factor"-Geldern profitiert hat. Egal, wie kritisch man solchen staatlichen Unterstützungen gegenüberstehen mag, staatstragenden Hurra-Rock haben sie bislang nicht hervorgebracht. Constellation Records aus Montreal versteht sich zum Beispiel als dezidiert politisches Label, das alte DIY-Werte hochhält und ganz in der Tradition der britischen Anarchopunks Crass steht.


Constellation kommt jedoch fast vollständig ohne Polit-Parolen aus, das Politische drückt sich eher in der Haltung und in dem liebevoll gestalteten Artwork aus. Letzteres zeigt allerdings auch den ganzen DIY-Widerspruch: Besonders schöne Platten verweigern sich nicht dem Kapitalismus, sondern sind eben nur besonders schöner Kapitalismus.
"This Is Our Punkrock" hatten Silver Mount Zion 2003 eines ihrer Alben genannt. Der Punk-Geist bestimmt die ganze kanadische Szene, nicht jedoch musikalisch, denn die Musik von Godspeed YBE, Do Make Say Think, Arcade Fire, Hidden Cameras und Broken Social Scene ist das genaue Gegenteil von Punk. Vielmehr handelt es sich um eine zeitgemäße Revitalisierung von Prog-Rock, um verschachtelte, symphonische, manchmal sogar bombastische Musik. Kanadische Bands haben in den letzten zehn Jahren viel dazu beigetragen, Prog selbst unter Indie-Kids wieder cool werden zu lassen. Leute, die nie eine Marillion-Platte in die Hand genommen hätten, schwelgten plötzlich zu 20-minütigen Instrumental-Nummern.



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aus Intro #178 (Dezember 2009/Januar 2010)
 
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