Das waren die Nuller: 2000
Niedergang und Wiederauferstehung des Deutsch-Rap
21.11.2009, 18:00, Text:
Jan Kage
[47 Kommentare]
Konnte man zu Beginn des Jahrzehnts mit deutschsprachigem Rap noch Interesse und gar ein bisschen Respekt ernten, so gab es bereits kurze Zeit später nur noch ein mitleidiges Lächeln.
Die A&Rs der Majorlabels droppten einen um den anderen Act, den sie in der Angst, nicht am Trend zu partizipieren, zuvor eilig gesignt hatten. Übrig blieben nur die Stars der späten 90er: Max Herre, Afrob, Ferris, Massive Töne, Absolute Beginner, Samy Deluxe und Blumentopf - und die von der Szene gehass-liebten Dauerbrenner Fettes Brot und Fanta Vier.
Zur gleichen Zeit aber regte sich Widerstand. Das erste Signal, das über den Underground hinaus Gehör fand, hörte auf den Titel "King Of Rap", befand sich auf der Compilation des damals angesagten Düsseldorfer Produzenten-DJs Plattenpapzt und war der Beitrag des noch nicht allen bekannten Pimplegionärs King Kool Savas. Der hier gebotene Rap war abgesehen von seiner flowtechnischen Raffinesse obszön, pornografisch, sexistisch und für nicht wenige schwulenfeindlich - sprich: nicht pc. Und das stach raus, nach dem die Jahre zuvor nur Rapper mit Abitur und sozialem Anliegen bzw. mit Humor als Grundausstattung einen Plattenvertrag bekommen hatten.
In Berlin hatte sich bereits in den 90ern eine HipHop-Szene gebildet, die nicht nur räumlich vom Rest der Republik segregiert war. Ende der 90er gab es einen virulenten Untergrund, der sich um das Label Royal Bunker scharte. Künstler wie MOR, Taktloss und Konsorten mischten alles neu auf. Mit dem umstrittenen ersten MOR-Album gelang Labelboss Staiger sogar der Eintritt in die Top 30, was ihm wiederum den Respekt derjenigen Majorleute einbrachte, die selbst zuvor den Schwanz eingekniffen und alles gedroppt hatten.
Die inhaltliche und kommerzielle Renovierung des Rap von Berlin aus hat zwei Parameter. Inhaltlich die Chiffre Gangster (oder was auch immer das in Deutschland sein soll - siehe Sido: "Ich bin kein Gangster, höchstens kleinkriminell") und wirtschaftlich die Chiffre Independent. Denn nach Royal Bunker trat mit Aggro Berlin ein weiteres Indielabel auf den Plan, das seine Rapper Sido, Bushido und Fler mit gewitzten Imagekampagnen zu platzieren wusste. Sperrfeuer aus der Politik war willkommener Werbeeffekt. HipHop war wieder - oder vielleicht sogar zum ersten Mal in Deutschland - Straße. HipHop argumentierte nicht mehr, sondern postulierte. Die Jugend in der Provinz wollte sich vor den bösen Hauptstädtern aus den Problembezirken fürchten und kaufte massenhaft deren CDs. Begleitet von einem Diskurs über neue Unterschichten, Ghettos und Integration von "Migrationshintergründen", bewiesen die Berliner Independentlabels den verängstigten Majors, wie man es richtig macht - kein Wunder, dass diese alsbald anfingen, die Indiestars abzuwerben.
Die Rapstars der 90er entwickelten sich derweil allesamt zu Sängern: Jan Delay machte erst eine Reggae-inspirierte Platte und wand sich dann dem Funk zu. Das Bo versucht es in der Schlagerecke - wobei man festhalten muss, dass er mit "Türlich türlich" zuvor noch einen absoluten Evergreen abgeliefert hatte! Und Max Herre übersetzt heute Rio Reiser den Angestellten. Nur der übergroße Peter Fox ging eine andere Richtung und wurde viel hiphoppiger, als er es mit seiner Band Seeed je war. Seinen verdienten Erfolg neidet ihm niemand. Und natürlich muss man hier Staigers letzte Entdeckung, die Gruppe K.I.Z., erwähnen, die raue Attitüde mit Witz verbindet - einem Witz, der ihnen im Intro #152 (08/07) einen legendären Volkmann-Verriss einbrachte.
Kurzum, die Dekade lässt sich mit drei Worten beschreiben: Gangster, Independent und Berlin. Und die deutsche HipHop-Geschichte dieses Jahrzehnts endet mit dem Erfolg von Peter Fox und der Einstellung der Labels Royal Bunker und Aggro Berlin, die beide ihre Künstler den Majors überließen. Und Letztere können sie jetzt versenken, so wie sie es schon zu Beginn des Jahrzehnts mit dem Rest der Szene getan haben. Ein rundes Ding also, die Nullerjahre.
Außerdem zum Thema: Hip und Hop zwischen 00 und 10. Die Nuller in HipHop.
Alles zum Jahrzehntrückblick findet ihr unter www.intro.de/spezial/dienuller.
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ZDeeV 27.11.2009 | 15:05:00
"Ein rundes Ding also, die Nullerjahre." In satirischer Hinsicht auf jeden Fall. Vieles, was Kollege Kage da schreibt, ist definitv richtig. Auch wenn es um die hiesige Szene deutlich schlechter bestellt ist, als man hier herauslesen kann. Leider ist es sogar so, dass der Text trotz der Kürze nahezu alles Deutschrap-relevante der letzten Jahre auf den Punkt bringt. Fast alle Heroen der Spät-Neunziger haben sich entweder zurückgezogen oder sind umgeschwenkt. Samy Deluxe hat die Kurve erst vor kurzem bekommen, ein Curse läßt sich nur alle paar Jahre und somit viel zu selten blicken. Jan Delay, Max Herre, Dennis Lisk, Clueso & Co. bekommen im Popbereich mehr musikalischen Respekt, als sie als Rapper je bekommen könnten. Das Deutschrap-Feld haben sie - (Mit-)Begründer der deutschen Sprechgesangsszene - aber leider den Bushidos und Sidos überlassen, die für eine ganz andere Attitüde stehen als noch ihre Vorgänger. Und es sieht nicht so aus, als ob sich das noch wesentlich ändern würde. Interessant ist Deutschrap allenfalls noch hier und da im Untergrund und Independentbereich - und da werden kaum Tonträger verkauft. Für die Medien ist Hiphop nahezu nur noch ein Teenie-Genre, das kaum Beachtung verdient. Und die Gründerväter tragen aufgrund ihrer konsequenten Missachtung eine Teilschuld daran. Juice und Backspin kämpfen als letzte verbliebene Hiphop-Magazine nahezu auf verlorenem Posten, denn keines der etablierten Musik-Magazine greift ihnen und der Deutschrapszene wirklich unter die Arme. "Nicht relevant genug", so die einhellige Meinung. Man kann es ihnen irgendwie nicht verübeln. Aber bedauerlich ist es schon.
Aber eine Wiederauferstehung ist noch in weiter Ferne. Deutschrap ist nicht tot, aber fast nur noch im Untergrund existent.
Editiert von
ZDeeV am 27.11.2009 15:25:36
Editiert von
ZDeeV am 27.11.2009 15:27:44
Silberrücken 28.11.2009 | 12:31:09
haste sehr gut geschrieben, Yaneq.
snorej 28.11.2009 | 17:32:59
deutschrap ist in den urlaub geflogen. der underground fährt von dort nicht zurück.
m4rm3l4d3 01.12.2009 | 12:08:14
ZDeeV bringts denk ich auf den punkt.
- wer hiphop in deutschland wirklich liebt muss sich eben mit dem untergrund "begnügen". meiner meinung nach ist die deutsche hiphop-szene sehr vielfältig und ausgeprägt - auch wenn sie im untergrund verweilt (jedenfalls das, was meiner meinung nach qualität hat). ich glaube es gibt mittlerweile keine "großen" labels mehr die sich mit deutschrap befassen in deutschland außer BOZZ, Selfmade Records und dem neuen Aggro Berlin Sektenkram der von Sido wieder aufgezogen wurde, hab das nicht so wirklich verfolgt. Trotzdem gibts noch zig deutschrapper, deren platten vll keinen platinstatuts erreichen, die musik ist trotzdem geil (wenn man drauf steht). das einzige was mir angst macht ist die tatsache, dass die jungs ja auch von iwas leben müssen und naja mit musik verdienen sie eben nix!
Editiert von
m4rm3l4d3 am 01.12.2009 12:09:47
BadBrain 01.12.2009 | 12:10:44
zack! regierung gestürzt.
vielleicht ist das ja auch der richtige strang , um nochmal die trauer bezüglich der auflösung von kinderzimmer productions kenntlich zu machen.
hansmoleman 01.12.2009 | 12:19:45
...behaupte ich mal so.
viel mehr vermisse ich fischmob und betrauere den würdelosen niedergang von das bo.
schons 01.12.2009 | 12:30:33
Samy Deluxe hat die Kurve erst vor kurzem bekommen, ein Curse läßt sich nur alle paar Jahre und somit viel zu selten blicken. Jan Delay, Max Herre, Dennis Lisk, Clueso & Co. bekommen im Popbereich mehr musikalischen Respekt, als sie als Rapper je bekommen könnten. Das Deutschrap-Feld haben sie - (Mit-)Begründer der deutschen Sprechgesangsszene - aber leider den Bushidos und Sidos überlassen, die für eine ganz andere Attitüde stehen als noch ihre Vorgänger.
was ein scheiss. vielen dank an azad, sido, bushido und co, dass das deutsche volk nicht weitere 10 öde jahre mit studentenkifferhiphop genervt werden. wenn ich an diesen pädagogisch wertvollen spassrap denke, wird mir schlecht. alleine die trauer, dass die idioten aus der kopfschussliste ("Jan Delay, Max Herre, Dennis Lisk, Clueso & Co.) nicht mehr den immergleichen hochkulturkompatiblen intellello-rap dummdeutscher prägung produzieren, lässt mich erfreut auflachen.
hansmoleman 01.12.2009 | 12:59:25
...behaupte ich mal so.
du wilder, du...
BadBrain 01.12.2009 | 16:39:05
zack! regierung gestürzt.
ich finde, herr schons hat da gar nicht so unrecht. als ich das erste mal westberlin maskulin hörte, dachte ich auch, dass es das war, was deutsche rapmusik dringend nötig hatte. mehr rohe kanten, etwas provokation und weniger selbstgefälligkeit.
ob nun der weg, der danach eingeschlagen wurde (nach der brp3 von taktloss kam nichts mehr, dass mir gleichermaßen gefiel und bis auf sido, finde ich keinen der genannten gut) so unbedingt toll ist, sei dahin gestellt. es kann aber keiner musikrichtung schaden, wenn ihr horizont erweitert wird.
benju 01.12.2009 | 18:38:49
Wo bleiben hier Torch und Konsorten, mit die ersten, die wirklich Straßenkultur gelebt haben und nicht nur gerappt haben...
Too Strong?
Und dann Prinz PI, ehemaliger Prinz Porno, der von damals bis heute eine einzigartige Entwicklung durchgemacht hat hin zum Major und zurück zum eigenen Label...eigentlich zeitlos betrachtet der beste Rapper in Deutschland...
Was ist mit den Orsons, die eine völlig neue Komponente in die Rapmusik gebracht haben...und Marsimoto, der erste gepichte Rapper in Deutschland...
Also wenn man ehrlich ist, fehlt dem Text noch vieles in Sachen Relevanz...nur mit der Spitze des Eisbergs, die hingegen aber gut zusammengetragen ist, lässt sich aber kein Fazit ziehen...
schons 01.12.2009 | 18:54:32
schau doch mal in irgendeinem schöneberger delikatessenladen vorbei, da hängt prinz pi mit seinen zehlendorf-studenten-jungs ab und "diskutiert" (die amis und der konsum sind an allem schuld!) über wichtige themen. inhaltlich ist der noch dümmer als fler.
und hallo, herr hiphop lehrer, sie haben rag vergessen, die waren die allerallerrelevantesten und was ist mit main concept? unverschämtheit! blablabla
snorej 01.12.2009 | 19:09:50Marsimoto, der erste gepichte Rapper in Deutschland...du meinst den ossi kicker?
das stimmt nicht. haben andere schon vor ihm gemacht.
hier der beweis, dass abiturienten keinen spass rap machen müssen. kurt hat abi.
Wo bleiben hier Torch und Konsorten, mit die ersten, die wirklich Straßenkultur gelebt haben und nicht nur gerappt haben...hä?
naja 2005 & ziemlich oldschool
hansmoleman 01.12.2009 | 19:13:09
...behaupte ich mal so.
das sind komische zeiten wo menschen mit abitur hauptschüler um ihre streetcred beneiden...
nur_beruflich_hier 01.12.2009 | 19:13:35
uhuhuhuhu, xxx waren "echt wichtig für mich", yyy - das hat "deutscher hip hop gebraucht", zzz waren aber echt viel besser, gut dass es die gab, die waren voll der gegenentwurf zu aaa. aber bbb, der hatte "als erster" nen lila lackierten ringfinger, und ccc waren voll important für die scene, da gab's echten zusammenhalt und ddd, die hatten das herz am rechten fleck, haben voll ihr eigenes ding gemacht, aber waren trotzdem auch voll auf u.s.a., voll die friends, ey, das ist echt schon ganz cool das alles, total knorke und so. ich bin voll auf der einen seite und du auf der anderen, wahnsinn! aber absolut kein zweifel, deutschrap hat's für uns alle echt gegeben, und wir waren und sind mittendrin statt nur dabei!!! suuuuperirre!!!
m4rm3l4d3 02.12.2009 | 14:15:53
unglaublich qualifiziertes kommentar "nur_beruflich_hier" :D
...aber iwo auch wahr, kann ja jeder nochmal seinen senf dazugeben wen er jetzt mag, aber ich finds nice, dass durch deinen post auffällt, dass deutschrap eben doch in extrem vielen verschiedenen formen vorkommt. niveauloser ghettorap von abiturienten für sozialhilfempfänger gibts ja laut eucht scheinbar! - aber das ist cool, jedem das seine und in deutschland findet man halt von sinnlosem kram à la kaas, olli banjo, marsimoto über (je nach ansicht) inhaltvollem rap prinz pi (gehört meiner meinung nach absolut dazu), curse und konsorten, bis hin zu "straßenrap" von aggro berlin, egj usw., alles!
Editiert von
m4rm3l4d3 am 02.12.2009 14:16:42
snorej 02.12.2009 | 14:25:52
curse, die größte luftpump auf diesem planeten.
...lass uns doch freunde sein...
schons 02.12.2009 | 15:16:39
curse ist wirklich schlimm. und prinz pi ist auch wirklich schlimm. ich höre doch auch nicht landser nur weil die halbwegs reimen können und gute musik machen. ok, gelogen, ich höre gerne mal landser.
Legoland 02.12.2009 | 15:24:47
love is in the air
aber... aber... das hat doch alles gar keine RELEVANZ!
Legoland 02.12.2009 | 15:25:03
love is in the air
ach so. vergessen:
;)
m4rm3l4d3 02.12.2009 | 19:00:25
curse ist auch ne luftpumpe, aber gibt halt viele die auf sein kram stehen :D - prinz pi ist einfach nur geil man! - teenage mutant horror show ist einfach nur geil, der neuere kram ist halt nicht sooo überragend.
snorej 02.12.2009 | 20:18:37
prinz pi = gesichtsgünther
man wird doch mal ein bißchen dissen dürfen
nachonils 02.12.2009 | 20:59:50
arty arty kunstkritik
na das war dann aber doch ein wenig vor den nullern snorej.
D - prinz pi ist einfach nur geil man! - teenage mutant horror show ist einfach nur geil, der neuere kram ist halt nicht sooo überragend.
aus welchem Überraschungsei bist du denn geschlüpft?
snorej 02.12.2009 | 21:23:01na das war dann aber doch ein wenig vor den nullern snorej
ja, das war bei der geburt.
m4rm3l4d3 03.12.2009 | 22:56:26
war n ziemlich normeles überraschungsei, aber der inhalt war extrem fresh... ja kA kennt ihr nicht "sneakerking" z.b.? - einfach nur chillig der track...
schons 04.12.2009 | 11:28:50
ich kenne nur _den_ sneakerking.
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