Das waren die Nuller: 2005
Twitterwesen: Always On
21.11.2009, 13:02, Text:
Peter Flore
Während die Spätgeborenen sekündlich neue Statusmeldungen ins Web 2.0 jagen, wittern Kulturpessimisten den Info-Overkill durch Twitter, Facebook und Co. und warnen schon einmal vor der nächsten Google-Tsunamiwelle. Von Peter Flore
"Was macht eigentlich ...?" ist seit jeher eine beliebte Rubrik in People- und Lifestyle-Magazinen, wenn es darum geht, Personen wieder ins schwache Rampenlicht der letzten Seite zu holen, die schon länger nichts mehr zu sagen haben.
Weil wir mittlerweile aber alle etwas zu sagen haben und seit dem Aufkommen von Handys, SMS, spätestens aber dem Siegeszug der Blogs und Social Networks - also des sogenannten Echtzeit- oder Read-Write-Webs - gerne davon Gebrauch machen, stellt sich die Eingangsfrage gar nicht mehr: Wir wissen es doch! "Katrin ruft die andern zum Essen, Robert liegt mit Grippe im Bett, Tom hat seine Schlüssel vergessen und Julia ist bis Dienstag weg" (Jochen Distelmeyer, "Murmel").
Durch Facebook und Twitter ist das Status-Update wichtiger als das Statussymbol geworden, wer viele Follower, Freunde und ein bestelltes Feld bei Farmville hat, muss ein glücklicher Mensch sein. Seit Mitte dieser Dekade ist die Generation der "Digital Natives", also der mit dem Medium Internet Aufgewachsenen, "always on", denn auch die kurzzeitige Abwesenheit vom Rechner hindert uns nicht daran, via Smartphone und Location-Based-Services selbst die, die es nicht wissen wollen, ständig über unseren Aufenthaltsort und unser Vorhaben zu informieren. In Echtzeit, weshalb die öffentliche Teilnahme an einem markerschütternden Ereignis (sei es der Tod von Michael Jackson oder die "grüne" Opposition im Iran) heute vor allem auch im Netz stattfindet. Ein Flugzeug, im Hudson notgelandet? Die Bilder gab's bei Twitter - lange bevor Reuters, die dpa oder ähnliche News-Instanzen das Unglück bestätigen konnten, hatten wir es schon gesehen. Der Umstand, dass Patrick Swayze binnen eines Jahres gleich zweimal unter großer öffentlicher Anteilnahme für tot erklärt wurde und das kurzzeitige Trending Topic "Kanye West RIP" fälschlicherweise auf ein vorzeitiges Ableben des Rappers schließen ließ, ist dabei eine Art Treppenwitz des 21. Jahrhunderts: Manch einer sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, und besonders kulturpessimistische Zeitgenossen wittern im allgemeinen Info-Overkill und Netzrauschen wieder einmal den Untergang des Abendlandes.
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