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Das waren die Nuller: 2006

Musikindustrie - wirklich live ist nur der Tod

21.11.2009, 12:02, Text: Boris Fust, Foto: Stig Nygaard

Die Revolution begann 1989 und interessierte keine Sau - zumindest nicht außerhalb der Motion Pictures Expert Group (MPEG). Man musste schon am Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen arbeiten, um seine Freude an einem Datenreduktionsalgorithmus zu haben, der sich MPEG Layer 3 nannte.

Die erste Schlacht im langen Kampf ums Überleben ereignete sich dann 1996 und dauerte zwei Wochen. David Weekly, ein Informatikstudent in Stanford, hatte ein paar seiner Lieblingsstücke von CD auf Festplatte gezogen, sie in MP3s codiert und übers Internet zugänglich gemacht.


Die Plattenfirma Geffen benötigte lediglich ein paar Anwälte und ein postalisch zugestelltes Schreiben, um die Seite vom Netz nehmen zu lassen. Alles schien so leicht. Ohne viel Federlesen wurden frühe Netz-Communitys, die sich mit dem Thema MP3 befassten, zersprengt. Die Musikindustrie war sich sicher, mit ihrem "Secure Digital Music Initiative" (SDMI) einen Standard zu entwickeln, der das Abspielen von illegalem Klangmaterial hardwareseitig unmöglich mache. Im September 1999 testete Intro das Musikangebot mit einem damals gebräuchlichen 56k-Modem. Fazit: "Acht Stunden Suche nach den Venga Boys, Downloadzeit für 'Beautiful Stranger' von Madonna: sechs Stunden, eine Minute - das hält der schlimmste Nerd nicht aus." Nein, das würde sich niemals durchsetzen, so viel war zu Beginn der letzten Dekade klar.

Inzwischen weiß man mehr. Zumindest mancherorts. Es gibt auch heute noch eine Sparte, die an die prinzipielle Nicht-Downloadbarkeit von Musik glaubt: die Livebranche. "Ein Konzerterlebnis lässt sich nicht herunterladen" - das war unlängst erst Tenor einer Diskussionsrunde unter dem Titel "Still (A)live" auf der c/o pop. Und es stimmt ja: Das Konzertwesen hat gut zu tun, das ganze Geld zu zählen. Umgerechnet 2,4 Milliarden Euro wurden Mitte der Neunziger mit Konzertveranstaltungen eingespielt, gibt die "Gesellschaft für Konsumforschung" (GfK) zu Protokoll. Seitdem gilt: Tendenz steigend. 2007 wurden laut einer GfK-Studie 2,8 Milliarden umgesetzt. Live boomt. Und weil sich schon die Zahlen so hübsch lesen, spricht man inzwischen nicht mehr von Konzertdirektionen, Veranstaltern und fahrendem Volk, sondern von: "Live Entertainment", dem duften neuen Wachstumszweig der "Creative Industries".

Nur ist das natürlich Kokolores. Zu einer "Industrie" reicht es nicht. Mag es nach einer erschreckenden Konzentrationswelle, in deren Verlauf zunächst CTS Anteile an Konzertbüros erwarb, dann der amerikanische Unterhaltungsmulti Clear Channel auf große Einkaufstour ging und in Europa Veranstalter und Spielstätten erwarb, inzwischen mit der Anschutz Entertainment Group und Live Nation global tätige Player geben - das Tagesgeschäft wird weiterhin (zumal in Deutschland) bestritten durch kleine und kleinste mittelständische Unternehmen, deren Geschäftszahlen sich unterhalb derer eines gut gehenden Sanitärfachbetriebs im Sauerländischen bewegen. Gewiss: Die Umsatzzahlen steigen - weil die Tickets teurer werden -, gleichzeitig allerdings sinkt die Zahl der verkauften Konzertkarten - und zwar jährlich um zehn und mehr Prozent, je nach Quelle.

Und schon tauchen dufte neue Geschäftsideen auf. Ausverkaufte Konzerte mochten früher der Traum eines jeden Veranstalters sein. Doch jeder BWLer weiß: Wenn ein "Sold out"-Schild an die Scheibe der Ticketbude gepappt wird, übersteigt die Nachfrage das Angebot. Die DDR ist an so was zugrunde gegangen. Die Lösung haben die Billigflieger vorgemacht: dynamische Ticketpreise. Wer früh bucht oder auf ein Konzert von einer Band will, die kaum jemand sehen will, kommt billig davon. Alle anderen zahlen richtig Asche. Oder man macht es gleich wie Robbie Williams anlässlich des Erscheinens seines neuen Albums "Reality Killed The Video Star": Ein Konzert vor 3.000 Leuten in London wurde weltweit in etwa 250 Kinos übertragen, Tournee: unnötig. Ein Konzert kann man vielleicht nicht downloaden (oder streamen). Ein "Event" hingegen schon.


Bleibt die Sache mit dem Geld. Die Tonträgerindustrie ist noch tot, arbeitet aber an ihrer Wiederauferstehung. Der Termin ist schon bekannt: 2013. Dann soll der Rückgang im physischen Markt kompensiert sein. Verdient wird an YouTube- und sonstigen Streaming-Lizenzen und vor allem über die Internet-Service-Provider: Wer Internet hat, zahlt. Ganz automatisch. Ohne GEZ.

Das waren die Nuller - der große Intro-Jahrzehntrückblick.
.: www.intro.de/spezial/dienuller :.



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aus Intro #178 (Dezember 2009/Januar 2010)
 
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