Die Wahrheit
This Is It: Michael Jackson Superstar
30.10.2009, 10:15, Text:
Boris Fust, Foto: Kevin Mazur/AEG/Getty Images
[6 Kommentare]
Die bürgerliche Presse basht den Musikjournalismus. Dabei steckt der gesamte Kulturjournalismus in einer Sinnkrise. Schuld ist die Dummheit.
Wer nach 112 quälenden Minuten immer noch nicht verstanden hat, wie der Hase läuft, erhält einen Hinweis von unfreiwilliger Komik im Abspann: "No animals were harmed in the making of this picture", so lautet der letzte Satz im Abspann von "This Is It", einer menschenverachtenden Pseudo-Dokumentation, die die schönsten Szenen des Sterbens von Michael Jackson zeigt. Gute Nachrichten für alle Tierfreunde also: Bei der Produktion des unlängst angelaufenen Horrorschockers kamen zumindest keine Insekten, Reptilien oder Vögel zu Schaden.
Der aufgeklärte Teil der Weltöffentlichkeit weiß, dass es unseren gefiederten und bepelzten Freunden damit erheblich besser geht als Michael Jackson zum Zeitpunkt der Aufnahmen: wenige Wochen vor seinem Tod. Strafrechtlich ist das Geschehen in den Privaträumlichkeiten am North Carolwood Drive, Los Angeles, California, 90077 am 25. Juni dieses Jahres noch nicht vollständig erschlossen, aber das Böse hat seitdem ein paar neue Namen: Propofol, Demerol, Anschutz Entertainment Group.
Ermittelt wird wegen Mordverdachts, als Tatmotiv kommt Geldgier in Frage. Und nun gibt es also mit "This Is It“ einen Film, der in der ersten Nacht in den USA angeblich 2,2 Millionen Dollar eingespielt hat und sogar noch verlogener ist, als es ohnehin schon zu erwarten gewesen wäre. Michael Jackson: ein prima Künstler, Sänger und Tänzer, bei jeder Beleuchtungsprobe Herr der Lage, nimmt regen Anteil am Tagesgeschehen und plant: eine Show der Superlative! Die filmischen Mittel, die diese vollkommen abwegige Behauptung ermöglichen, sind überraschend einfach: Gezeigt wird Michael Jackson – unüblich für das Kino der großen Gefühle – ausschließlich in der Halbtotalen, der Rest ist Schnitt. So wird die nicht wenig bizarre "Pressekonferenz" in London, die bereits einige Hinweise darauf enthält, dass es mit dem Unterfangen der Comeback-Shows nicht zum Besten bestellt ist, auf die "I love you"-Sequenz verkürzt: "MJ", so nennt man ihn im Film, macht sich auf zu seinem letzten Triumphzug.
Promotet wird der Film als "Dokumentation". In gewisser Weise stimmt das auch – nur dokumentiert er keineswegs die Probearbeiten zu einer Show, sondern stattdessen stark herabgesetzte moralische Standards – die aber in bislang unbekannter Deutlichkeit.
Nicht deutlich genug, wie es scheint. Denn die deutsche Presse ist begeistert. Man weiß nicht, woher beispielsweise die Journalisten von "Welt" ihr Propofol beziehen, um ihr Sensorium so zu depravieren, dass sie den in der Überschrift noch halbwegs richtig wahrgenommen "Ruch der Leichenfledderei" im Textverlauf zugunsten eines gepflegten Sowohl-als-auchs wieder vergessen: "Ein bewegender Film über einen der letzten großen Entertainer", soll das sein, was man da gesehen hat, "das gelungene musikalische Vermächtnis eines am Starruhm gebrochenen Musikers".
Dabei war es ausgerechnet "Die Welt", die unlängst eine zumindest nicht ganz haltlose Kritik am Musikjournalismus formulierte. Die Autoren und Redakteure der Popzeitschriften seien müde, stand da zu lesen, es gebe nirgendwo ein Aufbegehren, Popgeschreibe stelle sich dar als uninteressanter Mainstreamjournalismus. Kurz: "Es herrscht ein gespenstischer Geschmackskonsens." Auch die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" fand im September mahnende Worte nach einem Blättern durch Spex, Rolling Stone und Intro: "Wo früher idiosynkratische Empfehlungen oder kämpferische Verrisse zum guten Ton gehörten, herrscht heute eine Mischung aus Beliebigkeit und Nostalgie", so stand es geschrieben, und: "Gegen den Informationsvorsprung des Internets und die damit einhergehende Unübersichtlichkeit zu punkten, indem man auf eine Kernkompetenz wie Urteilskraft setzt, scheint den Magazinen nicht in den Sinn zu kommen."
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Intro 30.10.2009 | 10:15:00
Die bürgerliche Presse basht den Musikjournalismus. Dabei steckt der gesamte Kulturjournalismus in einer Sinnkrise. Schuld ist die Dummheit.
Tj_Kitsune 30.10.2009 | 19:42:19
Ich bin wirklich entsetzt... das ist genau das Ding was mich die letzten tage schon so begleitet hat... hält man sich etwas zurück oder versucht klar mit einem solchen Thema umzugehen, ist man der Schuldige im ausgehungerten Krokodil-Tümpel...
sorry, ich könnte grad kotzen!
Und jeder der in den letzten Wochen Intro oder Sonstiges gelesen hat und halbwegs bei Verstand ist, wird froh sein das dort die Nekrophilie noch unterdrückt wurde.
snegurotschka 31.10.2009 | 02:13:51
* * * * * * * * * * * * *
weil er´s kann.
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