Sensational Fix - Das komplette Interview mit Kim Gordon (Sonic Youth) und Jutta Koether Artikelbild (groß)

Sensational Fix

Das komplette Interview mit Kim Gordon (Sonic Youth) und Jutta Koether

18.06.2009, 16:00, Text: Christian Steinbrink, Hanno Stecher



Exklusiv gibt es auf intro.de das ganze Interview mit Kim Gordon (Sonic Youth) und
Jutta Koether. Von Christian Steinbrink und Hanno Stecher.


Wie kam es eigentlich zu dem "Reverse Karaoke"-Zelt von euch, das in der Ausstellung zu sehen ist? Was sind Idee und Intention?

Kim Gordon: Es begann mit der Show "Her Noise" in der South London Gallery, innerhalb einer Ausstellung über avantgardistische weibliche Komponistinnen. Ich hatte dafür diese Idee, die Besucher zu meinem eingespielten Gesang musizieren zu lassen, wollte dafür aber eine intimere Atmosphäre. Deshalb kam ich auf das Zelt. Die Galerie liegt in einer ärmeren Gegend von London, dort gibt es viele Projekte, um die Community zu bewegen, mitzumachen. Ich mochte diese Idee, das Publikum zur Performance zu machen, und dabei jemanden von irgendwoher singen zu hören.
Die ganze Idee erinnerte uns an Clubs der 1980er, in denen es eine Videolounge, einen Tanzflur, Filme und Musik gab, also wollten wir das Ganze in diesem Stil gestalten. Zunächst haben wir es in New York ausprobiert, danach kam es in diese Ausstellung.

Jutta Koether: Es geht auch darum, die Leute und uns selbst zu befähigen, etwas zu tun, das an anderen Orten und Umständen nicht möglich ist. Die Karaoke ist da, um zu manifestieren, wie die Ideen von Avantgarde Music umgesetzt und in die Öffentlichkeit gebracht werden sollten. Sie sollten offen und für alle erreichbar sein, nicht nur für einen ausgesuchten Kreis an Leuten.


Geht es dabei auch darum, die Ideen von DIY zu reaktivieren?

K: Das ist zumindest ein Teil der Idee von "Reverse Karaoke".

J: Wir haben das nicht explizit so ausgedrückt. Es geht darum, die sozialen Aspekte der Produktion von Kunst und sein spezifisches soziales Umfeld ein Stück weit umzukehren. Wir wollten darin durch diese Interaktion in "Reverse Karaoke" neue Formen generieren und Möglichkeiten aufzeigen. Es ist ja sonst durchaus streng determiniert, wie Orte und soziale Handlungen zusammenkommen müssen, um die Ergebnisse als "Kunst" zu bezeichnen.

Ihr scheint beide denselben Anspruch zu haben, wenn es darum geht, Grenzen des Systems "Kunst" zu überwinden, Grenzen des künstlerischen Ausdrucks, um Stilmittel und Milieus zu verbinden. Wie geht ihr da vor?

J: Ich denke, es geht uns vor allem darum, etwas zu kreieren, anstatt die gesetzten Regeln zu befolgen. Man kann sie ignorieren oder überspringen, man kann versuchen, sie zu verstehen und Gemeinsamkeiten oder ihren Kern zu entdecken. Es geht darum, ein Gefühl auszudrücken, vielleicht etwas in die Welt zu brüllen oder etwas zu repräsentieren, zum Beispiel Frauen. Es geht um die zugrunde liegenden Themen und wie sie bisher dargestellt werden. Es geht darum, dafür einen eigenen Ausdruck zu schaffen.

K: Und sowieso geht es auch um Marktgesetze. Auch um die Versuchung, immer das Gleiche zu tun, um möglicherweise bessere Marktchancen zu haben und schneller wiedererkannt zu werden.

J: Es ist immer ärgerlich, zu viele Dinge gleichzeitig zu tun. Es stört die Leute. Aber andererseits ist es gerade das, was künstlerische Arbeit ausmacht. Diese Gesetze zu ignorieren, sich unangepasst zu verhalten. Das ist es auch, warum ich tue, was ich tue. Ansonsten könnte ich auch in einer Bank arbeiten.

Ich dachte nur daran, dass ihr euch ja sicher öfter mit Konflikten dieserart beschäftigen müsst. Wenn ihr zum Beispiel verschiedene Kunstformen ausprobiert.

J: Ja, aber das ganze Leben ist ein Konflikt! Eine Frau zu sein ist ein Konflikt. Ja sicher gibt es Widerstände, aber die wären wahrscheinlich auch gegeben, wenn ich einfach nur eine Malerin wäre…

K: Solange du an einer Idee arbeitest, die wirklich in dir steckt, ist es nie so, dass ich denke, eigentlich etwas anderes tun zu sollen. Es ist besser, etwas einfach zu tun und zu schauen, was dabei herauskommt. Es ist dann meistens sehr überraschend. Ich meine, Ideen, von denen du eigentlich denkst, sie seien nichts, sind am Ende dann oft doch etwas.

Wie sehr ist "Sensational Fix" eigentlich Initiative von Sonic Youth? Oder ist das hauptsächlich die Arbeit des Kurators?

K: Hauptsächlich ist das seine Arbeit. Er recherchierte, kam zu uns nach hause, und wir zeigten ihm, was wir haben. Wir besprachen eine Liste von Künstlern, die in der Ausstellung vertreten sein sollten. Er suchte sich Werke aus, die wir in unserer Sammlung hatten. Er arbeitete so, wie es ein Kurator eben tut, und eignete sich so ein enormes Wissen an. Er wusste dann irgendwann Dinge, die selbst Autoren von Büchern über uns nicht wussten. Sein Katalog über die Ausstellung ist viel akkurater und interessanter als jede Biographie, die bisher über uns erschienen ist.



1 | 2 | ... weiterlesen »



Artikel kommentieren
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • VERWANDTE ARTIKEL

  •  
Newsletter
Aktuell, übersichtlich und informativ: Der INTRO-Newsletter. Hier anschauen!
 
 
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 
Anzeige
 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]