
Web 2.0 und so...
Musik im Download-Schraubstock
[Die Netzkolumne mit Moritz "mo." Sauer.]
16.02.2008, 09:58, Text:
Moritz Sauer
[18 Kommentare]
Im letzten Herbst wagte das deutsche Label 2nd Rec im Rückenwind der Radiohead-Euphorie ein Experiment: CD-Alben wurden kostenlos an die Kunden verschickt. Vor dem Zahlen konnten diese die Musik zunächst genießen, bevor man sich für einen angemessenen Preis zu entscheiden hatte. Das Resultat steht jetzt schwarz auf weiß und schmeckt mehr als bitter....
Im letzten Jahr sorgten Radiohead mit der kostenlosen Distribution ihres Albums 'In Rainbows' für große Wellen. Die Presse schrieb fleißig, die Menschen diskutierten und die Band profitierte von der kostenlosen Aktion bravourös durch eine kostenlose Medienberichterstattung. Der Coup war gelungen und die Mund-zu-Mund-Propaganda kurbelte sicherlich die Aufmerksamkeit für die Band, die Musik, für anstehende Konzerte und natürlich auch das Album selbst an. Laut Kollege Martin Riemann gab es sogar \\\"sechs Millionen Dollar Reingewinn für die Band\\\". Nicht nur ich bezweifel das gewaltig...
Kostenlose Inhalte?!? Ein alter Hut!
Auch wenn viele dachten, WOW!, das hat noch niemand gewagt, so war die Idee doch ein alter Hut, den Künstler wie Stephen King, diverse Netlabels und zahlreiche andere Künstler bereits aufhatten. Kurz darauf zogen auch andere Künstler wie Saul Williams mit neuen Konzepten nach, während Prince z.B. sein Album 'Planet Earth' als Beilage der britischen Zeitung Mail On Sunday kostenlos vertreiben ließ. Diese Versuche sind schön und gut. Trotzdem sind sie einerseits nicht revolutionär und zweitens bei genauerem Hinschauen eher ein hilfloses Rudern im Untergang der Musikverkäufe. Auch wenn MP3-Shops \\\"boomen\\\", so kaufen Musikhörer immer weniger Musik. Denn ansonsten könnte man behaupten, dass MP3-Shops die Verluste beim derzeitigen Dahinsiechen der CD abfingen. Tun Sie aber nicht, schließlich wird überall mit kostenlosen Downloads herumgeworfen und die Konsumenten nutzen hilfreiche Werkzeuge wie Mobiltelefone, Festplatten und Internet. Wieviel Musik getauscht wird, fühlt man beim Rauschen der Torrent-Netzwerke, der Tauschbörsen und immer mehr auch bei Services wie Rapidshare, Megadownload und so weiter...
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addictedTOchocolate 16.02.2008 | 23:23:48
Wie soll das auch funktionieren, mit 99 cent? Freiwillig wird da auch keiner zahlen. Naiv !??!?
Hätte ich ein Label, ich würde erstmal alle Releases als kostengünstigen Netz-Release anbieten. Bei hoher Nachfrage/ Erfolg gibt es eine limitierte LP/ CD.
Das alte Modell wird nicht mehr funktionieren, da einfach zu hohes finanzielles Risiko bei immer weniger Käufern.
Eigentlich ist MP3 eine tolle Erfindung, wenn mans richtig einsetzt und effizient kalkuliert.
Vagrant5000 17.02.2008 | 09:40:29
my pleasure!
"Ein nicht so kleiner Grund, den man gerne vergisst ist auch die Tatsache, dass immer weniger Alben gekauft werden. Alben funktionieren nämlich nur auf Datenträgern, die das ganze Album zusammenhalten. Heute pflückt man sich im "à la carte download" seine zwei bis drei Lieblingsstücke vom Album und schwups, das wars."
das ist eine sache die ich zwar schon häufig erlebt habe, aber nie nachvollziehen konnte. wie kann man sich denn ein bild von einem künstler machen und diesen verstehen wenn man sich nur zwei, drei stücke vom album runterlädt? ich gehe schwer davon aus das ein album schon ein gesamtkonzept verfolgt. mit spannungsbögen, songs die erst nach mehrmaligem hören wachsen usw. das alles geht doch völlig unter wenn man sich den kram so samplermäßig zusammenbastelt. widerlich.
Mehrteurer 17.02.2008 | 09:52:09
Hitschlampe
Der Tonträger als verkäufliches Produkt hat bei der Generation Internet ausgedient. Nur noch alte bzw. technikferne Leute kaufen CDs (vornehmlich Volkstümliche Musik, Schlager, Klassik).
So sieht's nun mal einfach aus.
Allein schon die Ausgaben für die Produktion und Promotion einer neuen Platte kann heutzutage kaum noch eingespielt werden. Das gilt sowohl für Indies als auch für die Majors.
Was bleibt sind Konzerte und Merchandise.
buenaventura 17.02.2008 | 10:16:32
hashomer
We’re not yet sure what consequences we’ll draw from this experience. But for sure it’ll have an effect on future decisions. We definitely learned a lesson.
yeah, but which one?
natuerlich ist es schade, wenn so ein projekt wie das von 2nd rec nicht funktioniert. denn damit trifft die entwicklung eben genau diejenigen, die musik immer noch als kulturgut sehen. das aendert aber nichts daran, dass die musikindustrie selbst den wert von musik seit jahren kontinuierlich herabgesetzt hat - und sich eben wirklich zeigt, dass man den gespielten ton, so wie frueher als es noch keine speichermedien dafuer gab, (wieder) nicht mehr wirklich verkaufen kann. bei konzerten, wo das gesamterlebnis verkauft wird, geht das - aber seit der tontraeger als solcher keine rolle mehr spielt, zeigt sich, dass die musikindustrie im kern immer noch und nur eine tontraegerindustrie ist, die ein produkt anbietet, dessen wert sie selbst zu grunde gerichtet hat.
ob radiohead an ihrem dowload-angebot verdient haben oder nicht (ich wuerde mal davon ausgehen), ist letztlich irrelevant, da radiohead ein gesamtkunstwerk anbieten, das schon laenger neben den regeln der musikindustrie funktioniert (die tour mit dem zelt, bspw, aber auch kid a). die erste reaktion der musikindustrie auf das internet war der ruf nach kriminalisierung. gleichzeitig hat man musik nebenbei als werbeprodukt bei mcdonald's zum burger dazu bekommen. und eine andere antwort der tontraegerindustrie auf die tatsache der downloads bestand darin, eine "verbilligte" version des tontraegers ohne booklet und gestaltung anzubieten - das war vermutlich der absolute tiefpunkt der entwicklung, aber dennoch symptomatisch. die musikindustrie hat auf die technische entwicklung, die sie vorher den kunden diktierte, in dem moment mit verweigerung reagiert, da der kunde feststellte, dass er die musikindustrie gar nicht braucht. statt um den kunden zu werben, hat die musikindustrie ihn kriminalisiert oder ihn weiterhin als garantierten abnehmer gesehen, dem man mit hilfe von musik (die ja sowieso gekauft wird) in erster linie _andere_ produkte verkauft. die entwertung des kulturgutes trifft nun letztlich leider alle, also auch labels wie 2nd rec und das ist sicherlich tragisch. aber letztlich sind auch solche labels nur tontraegerfabrikanten - und kassetten werden halt auch keine mehr gefragt.
musik gab es schon, als es noch keine tontraeger gab. es wird auch weiterhin musik, neue musik, gute musik (und kuenstler, die davon leben) geben, seit der tontraeger keine rolle mehr spielt. die nutzlose tontraegerindustrie aber hat sich ihr grab selbst geschaufelt.
Legoland 17.02.2008 | 13:28:39
love is in the air
manche texte von buenaventura klingen so, als wenn er dafür bezahlt würde. darf ich sie zitieren, herr bueno?
gerner 17.02.2008 | 13:47:03
totaler blödsinn zu behaupten, die tonträgerindustrie hätte sich ihr grab selbst geschaufelt. ursächlich sind in erster linie technische entwicklungen: cd-rekorder, internet (dsl), mp3.
buenaventura 17.02.2008 | 13:54:19
hashomer
na dann. und nicht vergessen: home taping is killing music!
gerner 17.02.2008 | 13:58:12
genau, bis später auf der home taping tauschbörse! hahaha
buenaventura 17.02.2008 | 14:02:47
hashomer
oh, ein witziger kerl. davon gibt's hier noch nicht genug.
gerner 17.02.2008 | 16:12:06
wo er recht hat, hat er recht.
buenaventura 17.02.2008 | 17:05:18
hashomer
eben. und das gilt auch fuer den rest - die technische entwicklung des cd-rekorders (wie viele werden davon eigentlich noch verkauft) ist als solche nicht bedeutender als die erfindung der dvd oder der laserdisc. beides hat bspw die filmindustrie nicht in den ruin gestuerzt. dass man cds einfach kopieren kann, ist richtig, aber man kann auch buecher fotokopieren (oder inzwischen: dateien ausdrucken). trotzdem wird jeder, der ein buch als kulturellen wert erlebt, immer ein tatsaechliches buch vorziehen. ganz abgesehen davon, dass die entwicklung der cd, die der entwicklung des cd-rekorders hervorging, ja nicht ganz ohne zutun der musikindustrie stattfand. dass internet und mp3 fuer die musikindustrie eine herausforderung darstellen, ist richtig, aber erklaert ihren niedergang nicht. denn in erster linie sind internet und mp3 vertriebsformen (internet sowieso, mp3 ist ja gewissermassen ein - wenn auch nicht physikalischer - 'datentraeger', d.h. ein datenformat). die kann man nutzen - oder verteufeln. wofuer die tontraegerindustrie sich entschieden hat, ist bekannt. sie verkauft halt - physikalische - tontraeger. sie hat es versaeumt, deren wert nachdruecklich zu behaupten.
aber ich kaufe ja eh am liebsten vinyl. das ist noch ein haptisches erlebnis, fuer das man eben auch durchaus geld zahlt. aber wenn man diesen wert nicht mehr erkennt, bzw. wenn dieser wert durch in der tat endlos reproduzierbare silberne datentraeger verdraengt wird, dann muss man sich halt was anderes einfallen lassen. oder jammern und sich der realitaet verschliessen. im letzteren fall ist man dann in der tontraegerbranche taetig. oder gerner.
gerner 17.02.2008 | 17:56:50
tja, für den rest gilt das leider eben doch nicht, da die vergleiche hinken (milde formuliert):
a) dvds erscheinen anders als musik-cds in der regel erst nach dem kino-release. der kinobesuch ist daher, etwa analog zum konzertbesuch, nach wie vor nicht ersetzbar.
b) die 1:1 kopie einer cd unterscheidet sich qualitativ nicht vom original - anders als bei kassetten oder fotokopien von büchern (hahaha)
c) mp3s im internet kostenlos downzuloaden hat sich nicht durchgesetzt, weil die tonträgerindustrie irgendwen "verteufelt" hat, sondern schlichtweg weil die möglichkeit besteht, mp3s im internet kostenlos zu bekommen.
buenaventura 17.02.2008 | 18:29:09
hashomer
fuer diejenigen, die sich spaeter eingeschaltet haben, hier ein kurzer zwischenstand:
in der linken ecke: buenaventura, der argumentiert, dass die tontraegerindustrie mit der von ihr mit verantworteten technischen und kulturellen entwicklung mit zur entwertung von musik als kulturgut beigetragen und sich damit selbst ihrer existenzberechtigung beraubt habt, da sie letztlich nur ueber den vertrieb von tontraegern, nicht aber des durch den tontraeger repraesentierten kulturellen wertes definiert wird.
in der rechten ecke: gerner, der argumentiert, dass die technik an allem schuld ist.
lichterketten fuer die tontraegerindustrie!
gerner 17.02.2008 | 19:11:22
schuld, na ja.
meiner meinung nach wird eh zuviel müll produziert. wenn neue technologie dem dann einhalt gebietet: gerne.
addictedTOchocolate 18.02.2008 | 17:21:46
Von Schuld kann man nicht sprechen. Es kamen einfach mehrere Faktoren zusammen, die dann zu einem Umbruch führten. Entweder man stellt sich darauf ein oder man wird untergehen und im Gestern verharren.
Wenn mans richtig anstellt, verkauft sich jedes Format halbwegs gut.
Wegen einer B-Seite oder 3 guten Songs auf einem Album kaufe ich mir allerdings keinen Tonträger mehr. Da bin ich schon ganz froh, dass es MP3-Shops gibt.
buenaventura 18.02.2008 | 17:27:09
hashomer
Von Schuld kann man nicht sprechen.
von schuld kann man immer sprechen.
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