Bewegende Bilder im Eis

Das Tromsø International Film Festival

23.01.2008, 09:06, Text: Philipp Jedicke, Foto: Uli Kunz

In einem ehemaligen Speicherhaus am Kai erklärt ein Same einem Deutschen den Unterschied zwischen Rentieren auf dem Festland und auf Spitzbergen. Hongkong-Star Michelle Yeoh albert in einem Straßencafé mit einer Meute junger Norwegerinnen herum - von Paparazzi keine Spur. Ein amerikanischer Filmkritiker steuert das erste Mal einen Hundeschlitten durch die Tundra, sein serbischer Kollege vom Konkurrenzblatt vertraut ihm blind. Drei von vielen Szenen, die sich beim 18. Tromsø International Film Festival TIFF abspielen. Das diesjährige Motto: \\"Frozen Land, Moving Pictures\\". Nichts kann das Festival treffender beschreiben, nimmt man die letzten beiden Worte mit all ihren Bedeutungen.


Tromsø im Januar: Die Sonne schafft es noch nicht über den Horizont und der Tag besteht nur aus ein paar Stunden Dämmerung, der Rest ist arktische Nacht. Die Fußgänger tragen Katzenaugen an ihren Mänteln und Leuchtstreifen um die Arme, aus Angst, von einem der wenigen Autos übersehen zu werden, die trotz ihrer Spike-Reifen in den Kurven oft eher schlittern als fahren. Es ist schwer vorstellbar, dass in dieser 60.000-Einwohner-Stadt 350 km nördlich des Polarkreises kulturell viel geboten ist.

Doch der Eindruck täuscht: Tromsø verfügt über einen äußerst aktiven Filmklub, eine Cinemathek, Museen und Galerien, jede Menge Clubs und Bars für seine ausgehfreudigen Einwohner, zahllose Theatergruppen sowie mehrere Kultur- und Jugendhäuser. Jeden Sommer findet hier das Bukta-Festival statt, eines der wichtigsten Rockfestivals des Landes. In Tromsø begannen Håkon Gebhardt (Motorpsycho), Rune Lindbæk, Röyksopp und Washington ihre Karrieren. Es gibt unter anderem ein Stummfilmfestival, ein Jugendfilmfestival namens NUFF, das Elektronikfestival Insomnia und ganz in der Nähe Riddu Riddu, ein weltberühmtes indigenes Musikfestival. Lernt man Tromsø und seine Menschen kennen, wundert man sich nicht mehr darüber, dass Nelson Mandela vor einigen Jahren bei einer Feier begeistert alle Tromsøer zu Ehren-Afrikanern erklärt hat.

TIFF ist das größte Filmfestival des Landes und seine Wichtigkeit wird nicht nur dadurch deutlich, dass der Kulturminister dafür jedes Jahr seinem vollen Terminkalender eine ganze Woche abtrotzt. Die Relevanz von TIFF zeigt sich auch und vor allem in der Präsenz der nationalen und internationalen Kritiker, Festivaldirektoren und Filmschaffenden, die sich hier in einer absolut entspannten Atmosphäre treffen, um sich auszutauschen.

Einer von ihnen ist Svein Andersen. Sein erklärtes Ziel ist es, den hohen Norden, der jahrhundertelang immer nur von außen ausgebeutet wurde, zu einem aktiven Player im nationalen und internationalen Filmbusiness zu machen: \\"Nachdem ich lange in USA und Frankreich unterwegs war, kehrte ich hierher zurück und fragte mich: Warum sollte ich woanders hin gehen, um Filme zu machen? Warum kann ich nicht davon leben, unsere Kultur hier vor Ort in Filme umzusetzen?\\" So gründete Svein gemeinsam mit einem Partner vor sieben Jahren auf einem ehemaligen Militärgelände FilmCamp, einen riesigen Studiokomplex in atemberaubender Landschaft, der Filmemachern alles bietet, was sie zum Arbeiten brauchen, von Locations über diverse Dienstleistungen bis hin zu Finanzierungshilfen.


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