Heimspiel-Ticker 14.08.07

Wo bleibt die Synthese?

14.08.2007, 12:19, Text: Mick Schulz

::: Seminaristenlyrik im HipHop, die Messlatte in Deutschland sind da seit einer Ewigkeit Kinderzimmer Productions, wohl aus Mangel an Konkurrenz (Zentrifugal und Bastian Böttcher werden an dieser Stelle nur erwähnt, um doof gefunden zu werden). Aber langsam kommen neue Töne aus deutschen Beatschmieden, kommen neue Aussagen von MCs, der Backlash war zu erwarten, es kann ja nicht immer nur Aggro sein und jeder Con hat sein Anticon. Misanthrop ist MC, und sein Thema auf 'Psychogramm' (Audiac/Hausmusik) ist meist er selbst, vor allem in der Form Selbstvorwurf. Erstaunt lässt einen ein Track wie 'Askese' zurück, in dem sich der MC für seinen Hedonismus unentwegt selbst geißelt, und sich eine christlich anmutende Askese wünscht. Das ist mal eine radikale Position. Darüber hinaus gibt es übrigens schöne Musik, gespeist vor allem aus Klampfensamples und einen Gastauftritt von der Kühlerfigur dieser neuen Schule, Audio 88.
.: www.misanthropolis.de :.

::: Aber natürlich gibt's auch den Gegenentwurf. Zum Beispiel Snaga & Pillath mit 'Aus Liebe zum Spiel' (Deluxe/Groove Attack). Am üblichen Chauvi-Scheiß und Territorialgehabe lassen sie es auch nicht fehlen, aber man muss ihnen eins lassen: eine gewisse Romantik hat der Ruhrpott und die zwei schaffen es genau diese einzufangen, wenn sie die Staublungen ihrer Väter im Track 'R.U.H.R.P.O.T.T.' besingen. Dazu lassen die Linernotes kurz tief blicken in die Tragik einer Szene, in der nur Erfolg zählt. Da schreibt Pillath: \\\\"Das Ironische an der Sache ist, dass, wenn dieses Album floppt und nicht das einspielt, was ich mir vorstell, ich mir die Frage stellen muss ob ich die letzten 25 Jahre und 34 Tage vergeudet hab.\\\\" Das ist, was unterm Strich übrigbleibt. Ein großes Dokument des Neoliberalismus, wenn auch vermutlich aus Versehen.
.: www.snaga-pillath.eu :.


::: So schön dialektisch begonnen und wo bleibt die Synthese? Die fällt aus, dafür gibt es den Euskirchener Nogales, der mit seinem housigen Debüt 'Call On Me' auf 040 Recordings einfach alle auf die Tanzfläche zieht und so zwar keine Synthese aber wenigstens eine prima hedonistische Ablenkung bietet. Ein Track mit drei Remixen wird geboten, das Original wie gesagt straighter House, der 'Dirty Cal Remix' etwas deeper und chilliger, Bash N Bites nehmen alles Überflüssige heraus, übersteuern die handclaps und legen einen Synthbass drunter, also noch mehr Tanzfläche, den Schluss bildet dann der 'Gee & Lighter Remix', der sehr minimal daherkommt und irgendwo zwischen Lounge und morgens zum in den Sonnenaufgang tanzen zielt.
.: www.040-recordings.de :.

::: Und jetzt der Augenblick, den alle schon lange erwarten: das System frisst sich selbst. Peter R. ist der Gitarrenagrarökonom und hat endlich ausgeschlafen. Das heißt, er hat im Schlaf mal eben 11 Songs über seine Rickenbacker mit Selbstbegleitung ins Tascam gehauen. Alles in allem manchmal leicht debil (Daniel Johnston), manchmal balancesicher auf dem Grat zwischen lustig und traurig (Funny van Dannen) und teilweise einfach wunderschön (Arne Zank). Das beste aber ist, dass es keine Möglichkeit gibt, an das Demo zu kommen. Es gibt gar nichts, keine Adresse, keien Homepage. Daher: Liebe Leser, genießt den Augenblick, tolle Musik, die euch vorenthalten wird, hat das nicht poetische Kraft für sich?
.: s.o. :.

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-Redaktion Heimspiel -
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