Der Sound von Tel Aviv

Meschugge Dance Party - Teil 2

[Eine Reportage.]

26.07.2007, 16:00, Text: Stefan Rambow, Foto: Stefan Rambow

Was ist dran am Nachtleben von Tel Aviv? 24 Stunden Party, nonstop Tanz auf dem Vulkan, wie es die Medien gern vermelden? Nachdem der vom Libanon-Konflikt 2006 arg gebeutelte Israel-Tourismus gerade mit leichtbekleideten Ex-Soldatinnen vom Stern bis Knesset unterschiedlich punkten konnte, hat man nun in den Ministerien die Musik als Asset entdeckt - den \\\\\\\\\\\\\\\\"Sound of Tel Aviv\\\\\\\\\\\\\\\\". Was macht ein DJ in der Stadt, die niemals schläft?

Fortsetzung von Teil 1

Tagsüber am Gordon Beach gibt das Klackern der Matkot-Beach-Tennis-Holzschläger den Takt an. Man kann von Glück sagen, wenn man auf den am Shabbat restlos leib-an-leib-dichten Strandkilometern von der Yachting-Marina bei den großen Hoteltürmen bis zum \\\\\\\\\\\\\\\\"Drummers Point\\\\\\\\\\\\\\\\" nicht einem der Squashball-Geschosse oder einer entfesselt klampfenden Stampede Israel-Fahnen-schwingender National-Kibbuzniks zum Opfer fällt. Wer kein Hebräisch kann und die potentiell lebensrettenden Kommandos der örtlichen Baywatch-Sheriffs überhört, ist ähnlich verloren wie im Schilderwald der City, wo es kaum noch lateinische Buchstaben gibt und das hebräische Silbenalphabet regiert.

Hier geht's zur Bildergalerie

Im geschäftigen Ballungsraum Tel Aviv drängen sich insgesamt weniger Araber und orthodoxe Juden, aber mehr säkulare Israelis als anderswo. Insgesamt leben hier an die 1,5 Millionen recht friedlich beieinander, sitzen auf den Bazars der Altstadt Jaffa beim Karaoke, beim libyschen Grill-Imbiss oder shoppen auf hippen Meilen wie der Sheinkin Street. Viel sauberer und farbiger ist die Stadt geworden. Im Viertel Neve Zedek sprießen Boutiquen, Agenturen, Ateliers und Cafés, die letzten Anschläge liegen Jahre zurück und der Hafen mit seinen Piers wird zu einem großen Vergnügungsviertel ausgebaut. Nicht einmal die sonst gängigen Sicherheitssperren sieht man hier, wo sich der Nightlife-Impresario Homer Gershon in einem Korbstuhl mit Strandblick räkelt \\\\\\\\\\\\\\\\"In den letzten 5 Jahren hat sich einiges getan, es gibt - auch wegen der Intifada behördlich gewollt - weniger große Diskotheken, die werden in die Vororte gedrängt. Dafür machen buchstäblich jeden Tag neue Bars auf. Es wird persönlicher. Ich möchte nirgendwo anders leben. In die Luft fliegen kannst Du schließlich auch in Bali oder Berlin. Aber wenn es mich doch treffen sollte, mein Lieber, dann habe ich wirklich gelebt. Ich verlasse die Stadt auch gar nicht, außer ich fliege ins Ausland. Aber nirgends geht es so ab wie in Tel Aviv, egal welche Uhrzeit. Die Leute lassen Dampf ab, schnurz ob sie am Morgen arbeiten müssen oder nicht.\\\\\\\\\\\\\\\\"


Homer hat sich extrem in der Seifenblase Tel Aviv eingerichtet. Allein diese Stadt bietet den jungen Israelis die Möglichkeit, sich nicht nur auf Reisen von der harschen Grenz-Realität um sich herum abzukoppeln. Das allgegenwärtige Schlagwort der \\\\\\\\\\\\\\\\"Bubble\\\\\\\\\\\\\\\\" hat auch der Filmemacher Eytan Fox in seinem aktuellen, Ende August auch in Deutschland anlaufenden Streifen zum Titelthema gemacht. \\\\\\\\\\\\\\\\"Tel Aviv ist der einzige progressive Ort in Israel, nur hier stellen die Leute auch mal die Regierung - anders als die Orthodoxen - in Frage oder äußern sich künstlerisch zur Gesellschaft oder auch zum Krieg\\\\\\\\\\\\\\\\" meint Yuval \\\\\\\\\\\\\\\\"Tuby\\\\\\\\\\\\\\\\" Zolotov der erfolgreichen Surf-Polka-Band Boom Pam. Die Vier haben dennoch, ebenso wie der bekannte liberale Singer/Songwriter Dudi Levy ('A New Gaza') ohne zu zögern während des im Ausland als israelischer Angriffskrieg gebrandmarkten Libanon-Kriegs auch in Trainingslagern der Armee gespielt. Da brauchte es nicht einmal die teils nationalistisch angehauchten Pro-Army-Parolen des auch international mit Abstand erfolgreichsten Rappers Subliminal aka Kobi Shimoni, der es damit in der Underground-Szene zum \\\\\\\\\\\\\\\\"guy everyone loves to hate\\\\\\\\\\\\\\\\" gebracht hat. \\\\\\\\\\\\\\\\"Damit identifizieren wir uns nicht, aber es gab da einfach eine breite Front der Unterstützung gegen diesen Raketenterror, egal ob Du religiös, national oder ganz normal unterwegs bist.\\\\\\\\\\\\\\\\"

Jüdisch und inklusive Rabbi geheiratet wird auch bei den säkularen Israelis und da sind Boom Pam die Idealbesetzung. Diese Hochzeiten haben sich als veritable Einnahmequelle etabliert und selbst am Vorabend einer US-Tournee halten sie ihre Zusage dem jungen Paar gegenüber ein. Für ihre Dandy-Jackets ist es heute Abend viel zu heiß und bis der Bräutigam ein eigens für die Braut geschriebenes Stück zum Besten gibt und DJ Lustigmakher (!) anschließend eine \\\\\\\\\\\\\\\\"Meschugge Party\\\\\\\\\\\\\\\\" lostritt, hat der Vierer um den Tuba-Pol Yuval das Haus ordentlich gerockt.

Die beachtliche Band-Szene, die derzeit mitschraubt am Sound der Stadt, speist sich aus Zugereisten aus Jerusalem wie den Funk-HipHoppern Hadag Nachash, aus ehemaligen Funk-Coverbands wie Funk´n´Stein, den Psychedelic-Bastlern Izabo oder aus Israeli-Ablegern internationaler Projekte wie dem des Standup-Comedy-gestählten Balkan Beat Box-Sänger Tomer Yosef mit seinem reggaefizierten Solo-Album. Viele von Ihnen berufen sich bewusst auf israelische Wurzeln wie den tragisch abgetretenen \\\\\\\\\\\\\\\\"King\\\\\\\\\\\\\\\\" der mediterranen Mizrahi-Music Zohar Argov oder den griechisch-israelischen 60ies-Gitarren-Helden Aris San. Die Apples und Radio Trip sind beides Projekte von Ofer Tal aka Schoolmaster, dem wir zufällig im Black Box-Second Hand Shop begegnen. Der leicht beknackte Künstlername des freundlichen Scratch-Wizards erklärt sich in der nächsten Minute, als tatsächlich ein 1m-hoher Vorschüler seinen Übungs-Plattenstapel verpasst bekommt. Weiteres (Vinyl-)Shopping ist möglich beim Vorzeige-Geschäft The Third Ear gegenüber und auf der hippen Sheinkin Street bei Krenbo Records.

1 | 2 | ... weiterlesen »



Artikel kommentieren
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • VERWANDTE ARTIKEL

  •  
Newsletter
Aktuell, übersichtlich und informativ: Der INTRO-Newsletter. Hier anschauen!
 
 
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 
Anzeige
 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]