Filmstarts 30.11.2006

Brot und Spiele '06

30.11.2006, 08:00, Text: Alexander Dahas
[2 Kommentare]

Als das Meer verschwand
R: Brad McGann; D: Matthew MacFadyen, Emily Barclay, Miranda Otto, Colin Moy etc.

Ein Kriegsjournalist kehrt anlässlich der Beerdigung seines Vaters ins heimatliche Neuseeland zurück und findet die Konflikte, die er vor Jahren hinter sich ließ, ungelöst vor. Erst die Freundschaft zu einem einzelgängerischen Mädchen spornt ihn zum Handeln an. Das handlungsintensive Drama mutet gegen Ende vielleicht etwas überladen an, ist in seiner dramaturgischen Wucht und seinem einfühlsamen Tempo aber ein ermutigendes Beispiel für starkes Erzählkino, wie es in diesem Jahr so gut wie unübertroffen bleibt. Gute Darsteller sorgen zudem für souveräne Glaubwürdigkeit, die anrührt, ohne zu nerven. Nach einem Roman von Maurice Gee. Empfehlenswert.

Little Miss Sunshine
R: Jonathan Dayton, Valerie Faris; D: Greg Kinnear, Toni Collette, Steve Carell, Alan Arkin etc.

Nichts weniger als ein sicherer Kandidat für den Film des Jahres ist derweil diese zuschauerfreundliche, dabei aber umso subversivere Kinosatire, in der eine dem individuellen Wahnsinn verfallene Familie eine abenteuerliche Odyssee unternimmt, um ihre hässliche Tochter bei einem Schönheitswettbewerb zu platzieren. 'Little Miss Sunshine' geißelt die verschiedenen Facetten amerikanischer Siegermythen gnadenlos und schüttet dabei gleichzeitig kübelweise Sympathie für die vernachlässigten Opfer der Ellbogenmentalität aus. Möglich gemacht wird das durch den zitierfähig pointierten Witz, den die beiden Regie-DebütantInnen instinktsicher über 100 Minuten verteilen, und der selbst Komiker wie Steve Carell in tragische Helden von klassizistischer Größe verwandelt. Giftig, intelligent und herzerwärmend zugleich. Bravo.

Der die Tollkirsche ausgräbt

R: Franka Potente; D: Emilia Sparagna, Christoph Bach, Justus von Dohnanyi, Max Urlacher etc.
45 Minuten lang, schwarzweiß und ein bisschen sehr albern – Franka Potentes Regiedebüt dürfte unter Vanity-Projekt laufen und auf die Missgunst etlicher zu kurz gekommener Filmschulabsolventen treffen. Die Story: Ein Punker aus den Achtzigern wird auf einem Herrenhaus anno 1918 exhumiert und nölt forsch in die Stummfilmidylle rein. Die Tochter ist darob begeistert, der Vater grantig, und der Kaiser muss abdanken. Auch wenn ein paar Gags über Penisse gemacht werden, ist das Ganze doch alles sehr harm- und hirnlos, ein wenig wie eine extralange Benny Hill-Show, und so nett wie \\\\\\\\\\\"nett\\\\\\\\\\\" halt die kleine Schwester von \\\\\\\\\\\"scheiße\\\\\\\\\\\" ist.

Happy Feet
R: George Miller
Ey, Pinguine! Angeblich trotz ihrer abgelegenen Heimat mit die meisterforschtesten Tiere und in jedem Zoo die Renner bei den Kleinen. Seit 'Die Reise der Pinguine' auch noch Starmaterial und ganz offiziell \\\\\\\\\\\"süß\\\\\\\\\\\". 'Happy Feet' ist voller singender und einem tanzenden Pinguin und erstmal noch süßer, allerdings nur, bis die Menschen auftauchen. Dann ändert der Film nämlich seine Tonart und konfrontiert sein Publikum mal ein bisschen mit der Realität. Dadurch wird 'Happy Feet' in der Masse der Animationsfilme tatsächlich zu etwas Besonderem, auch wenn das introide Crossover-Klientel den Anarcho-Humor der Genre-Perlen vermissen dürfte. Den gibt’s dann demnächst wieder in 'Flutsch und weg!\\\\\\\\\\\"'


Idlewild
R:
Bryan Barber; D: André Benjamin, Big Boi, Paula Patton, Terrence Dashon Howard etc.
Hip-Hops größte Hausnummer sind immer noch die zwei Kritikerlieblinge von OutKast, die sich mit 'Idlewild' den Traum vom eigenen abendfüllenden Spielfilm erfüllt haben. Im Vordergrund steht nach wie vor der Wille zur unbedingten, Genre-übergreifenden Kreativdominanz, die 30er-Jahre-Romantik ungeniert mit Rap-Allüren paart. Wie nebenbei beanspruchen die dynamischen Zwei (hier als Barpianist und Entertainer besetzt) auch noch die alternative Geschichtsschreibung (schwarzer) Südstaatenkultur für sich, die sich nicht dem historischen Fakt sondern der grenzenlosen Phantasie verpflichtet fühlt. Sex and Crime in zeitgenössischer Videoclip-Ästhetik werden in diesen Händen zu einer knallbunten Musical-Melange, die dem Eklektizismus der einflussreichen Tonträger erstaunlich nahe kommt und die beschaulicheren Versuche der Konkurrenz locker links liegen lässt. Respekt.

Jackass: Nummer 2

R: Jeff Tremaine; D: Johnny Knoxville, Bam Margera, Steve-O, Chris Pontius etc.

Im Fernsehen verpasst man Jackass ja meistens, weil man gerade wieder nach Buñuel-Filmen herumzappt, im Kino gibt es dagegen kein Entkommen. Kulturpessimisten reden inzwischen von den Gipfeln der Selbstausbeutung, die die erfolgreiche Existenz am Markte augenscheinlich unausgebildeten jungen Leuten mit gestörtem Körperempfinden abverlangt. Tatsächlich sind die Menschenversuche in Teil 2 noch ein bisschen schwindelerregender als bislang denkbar, auch wenn man gerade den simpleren Späßen eine gewisse ursprüngliche Komik nicht absprechen kann. Im Spannungsfeld zwischen Clownerie und Unfallguckertum entsteht so eine neue Ausprägung enthemmter Derbheit, die zugleich ungeheuer phantasievoll und hochgradig verstörend sein kann. Brot und Spiele anno ’06.

Lenz

R:
Thomas Imbach; D: Milan Peschel, Barbara Maurer, Noah Gsell, Barbara Heynen etc.
Ein lebensuntüchtiger Kreativling reist von Berlin in das schweizerische Alpendorf, in dem seine entfremdete Frau mit dem gemeinsamen Kind lebt. Seinen Wiederannäherungsversuchen steht allerdings nach wie vor seine labile Gemütsverfassung im Weg. Die Indie-Meditation basiert auf Motiven von Georg Büchners gleichnamiger Erzählung und berichtet von den Niederungen der Depression und des Selbsthasses. Leider strapaziert die amateurhafte Produktion mit anstrengender Video-Optik und konvolutischem Erzählduktus die Geduld des Publikums, das von der unscharfen Atmosphäre des gewollt ambitionierten Films kalt gelassen werden dürfte. Hartes Brot selbst für Arthaus-Veteranen, die an sich die Authentizität der Einzelstimme schätzen.


Pulse - Du bist tot bevor Du stirbst

R: Jim Sonzero; D: Kristen Bell, Ian Somerhalder, Christina Milian, Rick Gonzalez etc.
Zum x-ten Mal gibt es hier die Variante eines Horrorfilms, der ungefähr so geht: Eigentlich hat sich ihr Freund neulich umgebracht, aber plötzlich bekommt eine blonde Collegemaus Handynachrichten aus dem Jenseits. Ein paar Ermittlungen enthüllen rasch, dass das Böse auch SMS kann und Methode hat. \\\\\\\\\\\"Pulse\\\\\\\\\\\" ist nicht direkt ideenarm, aber bei all den Versatzstücken haben es die Horrorspezialisten verlernt, die eigenen Stärken zu inszenieren. Der Dienst am Menschen ist trotzdem getan, denn dank solch eher öder Filme wissen wir jetzt, dass man regelrecht vergessen kann, wie gruselig etwas ist, wenn man sich nur genügend Unterdurchschnittliches zu dem Thema ansieht.



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  • User: RagingPenguin
  • RagingPenguin 30.11.2006 | 10:34:40

    Das mit dem "Vanity-Projekt" Potentes und dem dabei aufkommenden Neid stimmt meiner Meinung nach definitiv. Ich habe gerade meine Ablehnung für ein halbes Dutzend Treatments von X-Filme zurückbekommen mit der Begründung, dass es den strengen Kriterien von X-Filme nicht genüge. Würde mich mal interessieren, welchen strengen Kriterien Frl. Potente für ihr Projekt gerecht geworden ist...*grummelgrummel*

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