
Filmstarts ab 21.09.2006
Ölverschmiert durch die Gegend robben
21.09.2006, 19:31, Text:
Alexander Dahas
Brick
R: Rian Johnson; D: Joseph Gordon-Levitt, Nora Zehetner, Lukas Haas, Nora Fleiss etc.
Ein einzelgängerischer Schüler findet seine Exfreundin tot im Kanal liegend, keine zwei Tage, nachdem er sie das letzte Mal gesehen hatte. Jetzt macht er sich an die Nachforschungen, und zwar so Marlowe-mäßig wie's geht. Get this: \\\\\\\\\\\\"Brick\\\\\\\\\\\\" ist ein penibel durchgestylter Jugend-Thriller, der die Maßgaben der Schwarzen Serie ohne mit der Wimper zu zucken auf seinen Highschool-Kosmos überträgt. Manche finden das angeberisch, aufgesetzt oder künstlich, das Publikum beim Sundance und beim Fantasy Film Festival fand es aber in erster Linie arschcool. Genau wie ich. Die hartgekochte Lingo tut man sich am besten im Original rein, Lukas Haas als Inkarnation des Bösen funktioniert auch so ganz ausgezeichnet.
Candy
R: Neil Armfield; D: Abbie Cornish, Heath Ledger, Geoffrey Rush, Tony Martin etc.
Candy und ihr Freund Dan leben im siebten Himmel, denn sie lieben sich mit einer ungesunden Hingabe und sind obendrein auch dauernd high von harten Drogen. Aber dann: Armut, Entfremdung, Prostitution, Schizophrenie und schlechte Haut. Drogenfilme sind wie Kriegsfilme - ein echtes anti gibt es da nicht, außer, man bringt es schon selber mit, duh! In \\\\\\\\\\\\"Candy\\\\\\\\\\\\" sind die Bilder hübsch, der Soundtrack freundlich und die Darsteller sexy. Bei der Berlinale passte dieser Cocktail einigen Kritikern nicht, die ihren Elendstourismus lieber etwas verkopfter haben, aber das ist nicht wichtig. Wie sagte David Bowie? \\\\\\\\\\\\"Die Drogen waren unser Weltkrieg, und wir haben ihn verloren.\\\\\\\\\\\\"
Crank
R: Mark Neveldine, Brian Taylor; D: Jason Statham, Amy Smart, Jose Pablo Cantillo, Efrem Ramirez etc.
Jason Stratham steht inzwischen wie ein Markenzeichen für eine ganz bestimmte, mir sehr sympathische Variante des Actionfilms. Diese plagt sich nicht groß mit überflüssiger Handlung herum und heuchelt auch keine fadenscheinigen Botschaften vor, wie das jeder noch so schamlose Streifen sonst so selbstverständlich tut. Das Gute daran: es bleibt umso mehr Zeit zum Prügeln, Sprüche klopfen und zum ölverschmiert durch die Gegend robben. Auch die großzügig eingesetzte Selbstironie geht dabei nie auf Kosten von Balls, Action & Drive und weist das ganze als unverwässerten Joyride für reifere Kunden aus. Ach ja, die Story: Gangster Stratham wurde vergiftet, und muss nun, damit sein Herz nicht aufhört zu schlagen, vermehrt Adrenalin produzieren. Auch wenn dabei die halbe Stadt zu Bruch geht. Geil, was?
Ich, Du und der Andere
R: Anthony Russo, Joe Russo; D: Owen Wilson, Kate Hudson, Matt Dillon, Michael Douglas etc.
Tunichtgut Wilson zeckt sich bei seinem Kumpel Dillon ein, der gerade frisch aus den Flitterwochen kommt. Vom Glück zu zweit kann danach keine Rede mehr sein, zumal Schwiegervater Douglas am liebsten seinen Schwiegersohn demütigt, während sich der Dauergast an die Braut ranmacht. Der Charme dieser hoch budgetierten, milde anarchischen Komödie pendelt sich irgendwo zwischen ähnlich gelagerten Klamotten wie \\\\\\\\\\\\"Hochzeitscrasher\\\\\\\\\\\\" und \\\\\\\\\\\\"Verrückt nach Mary\\\\\\\\\\\\" ein, was als Status Quo des Mainstream-Witzfilms vielleicht etwas wenig ist, aber wohl in etwa dem Commitment der Zielgruppe entspricht. Kulturpessimisten klagen bereits, dass \\\\\\\\\\\\"Safecrackers\\\\\\\\\\\\", der wesentlich lustigere Erstling der Russos, die Quittung an der Kinokasse bekam, während dieser Film hier allen Erwartungen nach groß wird.
In den Süden
R: Laurent Cantet; D: Charlotte Rampling, Karen Young, Louise Portal, Ménothy Cesar etc.
Ende der Siebziger Jahre reisen zwei alternde Frauen nach Haiti, um sich von den ortsansässigen Gigolos semi-professionell bespielen zu lassen. Leider setzt der Weg zur sexuellen Erfüllung unter den herrschenden Verhältnissen eine bestimmte Gewissenlosigkeit seitens der \\\\\\\\\\\\"Arbeitgeber\\\\\\\\\\\\" voraus, die noch zunimmt, als die Situation in der verarmten Krisenregion eskaliert. Regisseur Cantet bewies mit \\\\\\\\\\\\"Auszeit\\\\\\\\\\\\" vor drei Jahren bereits Auge für das Unheimliche im Dienstleistungssektor. \\\\\\\\\\\\"Vers le Sud\\\\\\\\\\\\" (OT) ist jetzt weniger subtil, aber ebenso bedächtig inszeniert und erzählt auch keine Jamaikanerwitze. Schade irgendwo, denn eine Komödie zu dem Thema hätte vielleicht mehr Sprengkraft.
Road to Guantanamo
R: Michael Winterbottom, Mat Whitecross
2001: Vier Engländer halten sich anlässlich einer Hochzeit in Pakistan auf und machen mal kurz nach Afghanistan rüber, um so einen Krieg mal aus der Nähe zu erleben. Böser Fehler. Kurze Zeit später knien sie in orangen Overalls in Guantanamo und müssen stundenlang volle Pulle Slipknot hören. Winterbottom (\\\\\\\\\\\\"9 Songs\\\\\\\\\\\\") beschränkt sich in der Schilderung der Kriegsgefangenenkarriere auf den Blick von unten und gewinnt so die Solidarität des Zuschauers, der nicht umhin kann, mit den Entrechteten zu sympathisieren. Außerdem bekommt man dieses Schwindelgefühl, das von einer porösen Realitätsoberfläche kündet. So einseitig und druckvoll, dass man fast schon wieder wünscht, man wüsste nicht schon so gut über derartige Taktiken Bescheid. Trotz des dokumentarischen Stils ist der Film übrigens nachgestellt - die echten Hauptdarsteller saßen zum Zeitpunkt der Entstehung tatsächlich noch in Kuba fest.
She's the Man - Voll Mein Typ
R: Andy Fickman; D: Amanda Bynes, Channing Tatum, Laura Ramsey, Vinnie Jones etc.
Ein gefrustetes Mädchen verkleidet sich als Junge, um in die Fußballmannschaft aufgenommen zu werden, wo es sich in den Mittelstürmer verknallt. Kommt euch bekannt vor? Ja, genau, das ist Shakespeare, nur eben in modern und von einem Typen, der Andy Fickman heißt. \\\\\\\\\\\\"Was ihr wollt\\\\\\\\\\\\" war aber in sofern besser, als dass die mannigfaltigen Wendungen da wesentlich eleganter auf und über die Bühne gebracht wurden als diese überforderte Pre-Teen-Klamotte es bewerkstelligen kann. Auch der emanzipatorische Anstrich (Mädchen bringen's) ist bestenfalls oberflächlich und verschleißt sich unter der pausenlosen Kanonade stereotyper Rollen und Dialoge. Lieber noch mal \\\\\\\\\\\\"Bend it like Beckham\\\\\\\\\\\\" gucken.
Der Kick
R: Andres Veiel; D: Susanne-Marie Wrage, Markus Lerch
Echt passiert: Drei Teenager aus einer Kleinstadt bei Berlin foltern einen Altersgenossen und treten ihn dann zu Tode. Das war 2002. Als Erklärung der grausamen Tat musste seitdem vieles herhalten, aber nichts wollte so recht passen, so dass die augenscheinliche Motivationslosigkeit zusätzlich schockierte. In seinem halbdokumentarischen Theaterfilm lässt Veiel seine beiden Schauspieler an die 20 Personen sprechen, die als Zeugen des Falls in Erscheinung getreten waren. Das sieht dann aus wie in \\\\\\\\\\\\"Der Totmacher\\\\\\\\\\\\", und hinterlässt ähnlich viele Leerstellen im Resumée. Wo die Gesellschaft ihre sozialen Reflexe abstellt, so scheint es der Film zu vermitteln, wird's zappenduster. Woher soll man auch Antworten nehmen, wenn es keine gibt?
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