Filmstarts 20.07.2006

Alles nur Smalltalk für Ü-30-Parties?

20.07.2006, 19:31, Text: Alexander Dahas

Mit Battle in Heaven, Geheime Staatsaffären, Hui Buh, Man muss mich nicht lieben.

Battle in Heaven.

R: Carlos Reygadas; D: Marcos Hernández, Anapola Mushkadiz, Bertha Ruiz, David Bornstien etc.
Die ganze Stadt ist voll mit den Filmplakaten, die ein nacktbusiges Mädchen im Bett zeigen. Lechz! Wie mag da wohl die Geschichte zu aussehen? Regisseur Reygadas (\\\\\\\\"Japón\\\\\\\\") wirft alles in die Wagschale, was in so einer Situation das Diskurs-Publikum zu bannen vermag: Laiendarsteller! Extra echter Sex! Religionsmetaphorik! Körperliche Gebrechen. Die Geschichte eines vereinsamten Staatsdieners, der durch den Mitleids-Fick einer Hobbyhure (ächz!) dazu bewogen wird, ihr und uns sein verworfenes Leben zu beichten, wird allerdings auch nicht dadurch besser, dass mit wichtigtuerischen Bildern (schön langsam) und irgendwie katholischer Bußthematik herumhantiert wird. Die selbstverliebte Schuld- und Sühne-Story offenbart vielmehr einen erstaunlichen Mangel an Humor und entblößt einen Autor, der sich bei dem Unternehmen, seelische Entfremdung mit expliziter Körperlichkeit zu bebildern, offenbar wie der Pionier vorkommt, der er nicht ist.

Geheime Staatsaffären

R: Claude Chabrol; D: Isabelle Huppert, François Berléand, Patrick Bruel, Stéphane Audran etc.
Ganz anders und toll dagegen \\\\\\\\"der neue Chabrol\\\\\\\\". Auf der Berlinale wie gesagt recht ungeliebt, aber immer noch eine Marke. Kennt ihr diese Filme, in denen sich die Figuren erst einmal wie Arschlöcher benehmen, um mittendrin dazu- und umzulernen? Denen man das Happy End zwar gönnt, die einem als Arschloch aber irgendwie besser gefielen? Nun, hier spielt Huppert das Arschloch, und die Frau macht ja bekanntlich keine halben Sachen, sondern Nägel mit Köpfen und den ganzen Sommer. Als Staatsanwältin mit Extraportion gerechtem Groll hebt sie am liebsten korrupte Big Boys aus dem Wasser, in deren Demütigung sie ganz vernarrt ist. Doch die Männerseilschaft schlägt mit den erprobten Mitteln zurück: Gängelung, Beförderung, Einstellung einer weiblichen Kollegin… \\\\\\\\"Staatsaffären\\\\\\\\" hat kein Happy Ending, aber wenigstens sind die Lacher schon mal auf der Seite der Guten.


Hui Buh
R: Sebastian Niemann; D: Michael Herbig, Christoph Maria Herbst, Ellenie Salvo González, Heike Makatsch etc.
Gegenfrage: Waren die Artefakte der kollektiven Kindheit eigentlich wirklich so toll, wie es die so genannte Generation Golf nicht müde wird zu betonen? Oder ist das alles nur Smalltalk für Ü-30-Parties? Es gibt die berechtigte Hoffnung, dass schon das Tonbandgespenst nicht die allerheißeste Kreatur war, denn der Film zur Hörspielserie (\\\\\\\\"TKKG\\\\\\\\" kommt übrigens im Oktober) landet jedenfalls im Großen und Ganzen da, wo alle Big-Budget-Kultverwurstungen enden. Nämlich als routiniertes, effektlastiges, ausstattungsintensives und irgendwie stromlinienförmiges Potpourri mit mehr oder weniger leidigen TV-Gesichtern als Besetzungscoup. Die Mär vom unruhigen Schlossgespenst, das nicht wirklich gut im Erschrecken ist (und hier auch nicht als Nebelschwade, sondern eher als Mainzelmännchen herumgeistert), wird als freundlicher Familienfilm aufgezogen, in dem die schonmalgehörte Story in der zweiten Reihe sitzt und \\\\\\\\"das Wiedersehen mit den beliebten Figuren\\\\\\\\" schon reicht, um für einen Moment die Gewaltvideos auf Kinderhandys zu vergessen.

Man muss mich nicht lieben
R: Stephane Brize; D: Patrick Chesnais, Anne Consigny, Georges Wilson, Lionel Abelanski etc.
Mich muss man auch nicht lieben. Das liegt aber nur zum Teil an mir, ihr überforderten kleinen Wimpster und Wimpstressen. Denn ich kann auch Gefühle zeigen, positive sogar, wenn auch meist nur im Kino. Das letzte Mal zum Beispiel in diesem rührenden Film über einen permanent angeekelten Gerichtsvollzieher, der sich mit 50 noch einmal gönnt, was eigentlich eine einmalige Sache war: Liebe, na klar. Und Tangolektionen. Vor dem inneren Auge hat man womöglich Richard Gere oder sonst einen Schauspieler, den man für gewöhnlich mit \\\\\\\\"unnatürlichen Akten\\\\\\\\" assoziiert, aber sobald der große Chesnais die Braue runzelt, zeigt sich der wahre Ballsaal-Highlander. Wohlgemerkt dreht sich der Film nicht um die Chops beim Hüftenschwingen, sondern um die lakonischen, schroffen, zarten und tendenziell würdevollen Gehversuche in Richtung Zweisamkeit. Ergreifend und tröstlich, wie nur anderer Leute Leben es sein können.



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