
Unorte der Popkultur
Geschafft: Die Jugendmesse „You“ in Berlin ist vorbei
01.11.2005, 10:00, Text:
Boris Fust,
Boris Fust
Es ist noch gar nichts passiert, aber der pannenhilfsbereite gelbe Engel ist schon da. Ob man denn schon einen Führerschein habe, will er wissen. Ob man denn nicht eine Plastikkarte geschenkt haben möchte - oder eher geliehen: \\"Wir machen das für ein Jahr kostenlos!\\" Und warum man es denn so eilig habe. Nun ja: Es gibt eben viel zu erleben auf so einer Jugendmesse. Am Sonntag war die dreitägige Promotionschlacht in Berlin dann auch schon wieder vorbei.
Bei der \\"You\\" muss alles ganz schnell gehen. Denn es geht laut kostenpflichtiger Begleitbroschüre um leicht verderbliche Ware: \\"Events! Stars! News! Trends!\\", schreit der \\"You Trend Guide\\".
Und so blöken Ronald Mc Donald, Dudelfunkmoderatoren und Tokio Hotel an allen Ecken und Enden der Messehallen unter dem Funkturm auf die lieben Kleinen ein. Die sind mehrheitlich ruhig und still und ertragen sogar die verschämt vorgetragenen Altherrenwitze der Dudelfunkmoderatoren, die sie zu überreden versuchen, auf offener Bühne einen Handstand vorzuturnen. Wer \\"lange kann\\" (sic!) bekommt eine Wildcard fürs Gokart-Fahren. Alle anderen müssen \\"ihr Stehvermögen\\" (doppelsic!) in der Wartschlange beweisen, was die meisten regungs- und teilnahmslos tun.
Die Jugendlichen haben es nicht einfach: Ständig sollen sie persönliche Daten auf Gewinnspielcoupons preisgeben, beim völlig unerklärlichen und mit Geisterstimme aus dem Off moderierten \\"Speed Stacking\\" Colabecher zu Pyramiden türmen, sich als \\"Fan von Deutschland\\" outen und Hamburger kaufen. Viele wissen, dass ihre Jugend auf diese Weise schnell verfliegen wird, und probieren schon einmal aus, wie es dereinst im Altenheim wird: Sie schauen sich in der Pro7-Lounge den \\"Date Doctor\\" auf Großbildleinwand an.
Zwischen jetzt und später hat aber der strafende Herrgott ein langes und unerfülltes Berufsleben gesetzt. Da muss man sich fügen. Der Stand der PDS.Die Linken, an dem \\"Luxus für alle\\" feilgeboten wird, bleibt daher gänzlich unbeachtet. Lieber lässt man sich anhand von Schautafeln erklären, wie ein Handy-Display funktioniert. Nur wer die Aufschriften \\"MBBA bei 50 Grad Celsius (isotrop flüssig)\\" versteht, darf Mechatroniker werden - was immer das auch sein mag. Viele gehen deshalb lieber zum Rekrutierungsbüro der Bundeswehr. Nach Ansicht der Infomaterialen über das \\"Aufklärungs- und Gefechtsfahrzeug KSK AGF Serval\\" (165 PS) und der \\"Panzerhaubitze 2000\\" (1000 PS) kann man sich vor Ort für zwölf Jahre verpflichten. Zuvor droht aber noch die \\"Eignungsfeststellung beim ZNwG OST\\", wie sich ein Dreikäsehoch gerne erläutern lässt. Und für die Offizierslaufbahn dann leider, leider das Abitur.
Besser also zum daneben angesiedelten Stand der Bundespolizei - der einzige Ort auf der \\"You\\", wo man mittels eines Plakats gesiezt wird: \\"Ihr Weg in den Beruf\\" soll auf den Pfad der Tugend lenken. Doch die Polizei ist für ihre allgemeine Janusköpfigkeit hinlänglich bekannt. Good cop, bad cop: Am anderen Hallenende gibt es einen weiteren Stand der Polente, der aussieht wie ein Headshop. Bunte Bongs in Vitrinen und Broschüren, auf denen ein hübsches Pärchen im Gegenlicht ganz reizend miteinander schmust. Titel und einzige Aufschrift in stylischer Typo: \\"Heroin\\".
Was bei der \\"Operativen Gruppe Jugendgewalt Direktion 2\\" noch streng verboten war, wird hier exzessiv betrieben: Graffiti. Mit Filzstift und einem Blatt Papier kann man dort an einem diesbezüglichen Wettbewerb, pardon, Contest teilnehmen. Gewinnen werden wohl Jaqueline und Natascha. Mit vielen Herzchen haben sie ihr Wandgemälde verziert, dass ansonsten nicht aus Tags, sondern einer leicht lesbaren Textzeile besteht: \\"Wir lieben Männer in Uniform!\\"
Was sie ferner lieben und mögen, behalten die Jugendlichen trotz intensivem Analog-Data-Mining der versammelten Markenartikler aus der Lifestyle-Branche gerne für sich. Lediglich männliche HipHopper erscheinen in angemessener Street Wear, Ärzte-Fans geben per T-Shirt Auskunft über ihre kulturelle Zugehörigkeit. Alle anderen tragen unterschiedslos H&M und parodieren gleichermaßen angeekelt die Show-Gesten der Acts auf der Bravo-Bühne. Globalisierte Uniformität als subversive Black Box - wer hätte es gedacht! Die Jugend, so weiß man nach der „You“, ist gar nicht so verkehrt. Ausrufezeichen.
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