World Exclusive o.s.ä. Teil 3

Turner: Ein feuchter Herbstwald

22.07.2005, 14:51, Text: Thomas Venker, Thomas Venker
[4 Kommentare]

Manchmal fühlen wir uns dann doch privilegiert, hier beim Intro. Beispielsweise heute als mal eben der Turner vorbeischaute, um uns bei einigen Tassen Kaffee sein neues Album „Slow Abuse“ vorzuspielen. Was haben wir uns gefreut. Schließlich war der Vorgänger „A pack of lies“ uns ja vor drei Jahren einen dreiseitigen Artikel wert mit seiner poetischen Verdichtung von Elektro-Pop-Entwürfen.

Seitdem hat sich viel getan da draußen: Elektro-Pop (nicht dass das wirklich je in dieser Klarheit des Begriffs Turners Baustelle gewesen wäre...) wurde mit deutschsprachigen Slogans überfrachtet und hat dabei viel von seinem Esprit eingebüßt, Rock ist parallel dazu zurückgekehrt, hat trotz seiner omnipräsenten konservativen Züge die Elektronik im Ganzen in eine kleine Sinnkrise gestürzt, aber auch als positiven Nebeneffekt in seinem Windschatten dem an sich sperrigen Lofi-Folk (von Characters wie Coco Rosie und Devendra Banhart) eine Nischenexistenz geschenkt, die sich mehr und mehr als eigentliches Ereignis dieser Epoche herauskristallisiert.

All das hat sich - neben den eigenen künstlerischen Entwicklung - auch auf Turner ausgewirkt. Herausgekommen ist in seinem Hamburger Studio (gelegen im gleichen Hauskomplex wie der Click-Club) als Destillat „Slow Abuse“, das am 19. September via Ladomat 2000 / Mute erscheinen wird. Mute-Godfather Daniel Miller hat es auch schon gehört und war wohl so angetan, dass es diesmal auch international klappen könnte – Miller gilt ja auch als bekennender Fan von Turner-Buddy und Produktionsberater Lawrence, dessen aktuelle Arbeiten sich zwar klanglich in eine ganz andere Richtung bewegen als jene von Turner, mit diesem aber eine Vorliebe für melancholische Zustände und die unglaublich dichte, intensive Stimmung der Produktionen teilen.

Slow Abuse“ ist deutlich ruhiger, weniger offensichtlich als der Vorgänger ausgefallen. Als Referenzgrößen können Talk-Talk-Mastermind Mark Hollis mit seinen Soloproduktionen oder auch Robert Wyatt genannt werden: Verfrickelte Folk-Electronica, die durch die Vielfalt der benutzten Instrumente (Akustikgitarre, Piano, Gitarre, Bass...) und die das Analoge betonende Abmischung deutlich in Richtung Band zeigt – live vorgestellt werden soll das Material auch mit einer solchen. Turners Gesang ist diesmal weniger akzentuiert als noch auf „A pack of lies“, wo es noch deutlich mehr um das Hervorheben einzelner Momente ging, das Setzen von Aufmerksamkeitsreizen. „Slow Abuse“ ist geprägt von einem in sich ruhenden, aufgewühlten und dennoch gefassten Sänger. Einem Sänger, der sein Timbre gefunden zu haben scheint. (Einigen der Stücke merkt man dennoch ihr Alter an – vor allem der Gesang erinnert bei ihnen noch an die „A pack of lies“-Phase, jedoch wurden sie solange immer wieder bearbeitet, dass sie sich nun bestens in das sehr homogene Album einpassen).

Es ist ein sehr eindringliches Album geworden, dass seine Stärke aus seiner Tiefenschärfe gewinnt. War der Vorgänger noch zweidimensional, so ist Turner diesmal ein tiefer dreidimensionaler Raum gelungen. Und um bei dem Bild zu bleiben: Das Album klingt wie der Blick aus einem kahlen Raum (mit einigen Metern Abstand zum großen, den Raum in ein fahles Licht legendes Fenster) hinaus auf einen feucht-herbstlichen Wald. Es ist still wie nach einem Schuss, der andere Mensch, der gerade noch da war, ist nur noch als Schwingung anwesend – und doch ist die Stimmung nicht resignierend, sondern ganz im Gegenteil lebensbejahend. Oder anders gesagt: Man spürt, dass das Schicksal heute positiv gewendet wird.



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  • User: meteo
  • meteo 22.07.2005 | 16:14:58
    nacknacknack of the free world
    schön schön schön, zu wissen und auch ausnahmsweise mal wieder zu lesen. und dann kann ja hier auch gleich angemerkt werden, dass ich die reduzierte sichtweise bei intro intims auf köln und berlin nicht gutheißen kann. was ist mit den turners heimat!? - oder auch münchen.

  • kiki77 29.07.2005 | 12:37:53

    Ich dachte er wohnt jetzt in
    Berlin? Menno, toll priviligiert,
    spielt Turner nicht auch bald
    live? Noch vor der Platte??

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