Goldfrapp live

Party brachial

10.03.2003, 17:20, Text: Robert Rotifer, Robert Rotifer

University of London Union, 6.3.03. Kein Zufall, dass die University of London Union den Mief eines Hochschulfestsaals verströmt. Ist ja auch einer. Die Cinemascope-Sounds des ersten Goldfrapp-Albums \\"Felt Mountain\\" verlangten nach unterschwellig repressivem Berchtesgadener Bergidyll, während die entfetteten Popsongs des kommenden Zweitwerks \\"Black Cherry\\" eine neon-beleuchtete New Wave-Disco suggerieren. Stattdessen gibt’s hier aber bloß verstaubte Mehrzweckästhetik und überteuertes Bier (immerhin ausgeschenkt von überforderten, Thekendienst versehenden Studenten, die irrtümlich zuviel Wechselgeld herausgeben).
Als Goldfrapp auf die Bühne kommen, sorgt eine ganz schön teuer aussehende Lichtshow dann doch für ein wenig Glamour.

Kernmitglied und Chef-Arrangeur Will Gregory glänzt dagegen einzig durch Abwesenheit: Er bleibt das ganze Konzert über hinterm Haupt-Mischpult versteckt und manipuliert von dort aus die vorgefertigten Backing Tracks und den unter solchen Umständen zwangsläufig disziplinierten Output seiner vier Live-Musiker. Die gesamte Dynamik der Performance lastet also auf Alison Goldfrapp selbst, und ihre immer wieder zu kosmischen Exkursionen in ferne Oktaven ausholende Stimme ist auch beeindruckend genug, um die Spannung zu halten.
Goldfrapps dauergewelltes Haar und die langen, künstlichen Wimpern erinnern frappant an das singende Telegramm aus Terry Gilliams \\"Brazil\\": Eine passende Assoziation zu den in ihren Texten mitschwingenden Bezügen auf Orwellsche Utopien, vielleicht aber auch nur Zufall - ganz im Gegensatz zum militärischen Mützchen auf dem Kopf, konterkariert von einem zur Lage der Zeit passenden, schwarzen T-Shirt mit weißem Friedenssymbol in der unverwechselbaren \\"Frankie Says\\"-Ästhetik der mittleren Achtziger. Die Kostümierung entspricht der stilistischen Zwitterhaftigkeit einer Set-Liste, in der sich großzügig orchestriertes altes Material wie das herausragende \\"Utopia\\" zwangsläufig an den harschen, trockenen Eighties-Beats der Songs von \\"Black Cherry\\" reibt. Eine neue Nummer wie \\"Twist\\" platzt mit seinen simplen Hooks rüde in den Abend, so als hätte ein wohl meinender Gast den CD-Player an sich gerissen, um mit der Brechstange ein wenig Stimmung in die Party zu bringen. Der A Capella-Schluss in purer Top Of The Pops-Manier hat in diesem Kontext durchaus was Verblüffendes, genauso wie \\"Strict Machine\\", eine eigenartige Kreuzung aus Donna Summer, Depeche Mode und Norman Greenbaum – artifiziell und voller Referenzen, wie es sich für guten Pop gehört. Wenn auch ein gutes Stück zu gewollt.



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