Beth Gibbons & Rustin Man live

Fast unbezahlbar

24.02.2003, 12:30, Text: André Feldhaus, André Feldhaus
[10 Kommentare]

Hamburg, Delphi Schowpalast, 20.Februar 2003. Der Mann an der Theke macht heute einen ordentlichen Umsatz, die zwei Jungs am Merchandise-Stand eher weniger. Ersteres hängt eindeutig mit der knisternden Spannung zusammen, die den im sternenhimmel-dekorierten Saal wartenden Zuschauern länger als gewünscht erhalten bleibt, weil immer noch Leute draußen anstehen und reingelassen werden müssen. Und der schleppende Verkauf beim Merchandise ist wohl auf die angebotene Ware zurückzuführen: Portishead live in NYC? Portishead haben wir komplett, ist ja nicht schwer. Die neue Beth Gibbons mit Rustin Man? Hat der Freund gekauft, gute Platte, und deswegen ist man tendenziell doch hier.

Und daneben ein anderes, etwas älteres Meisterwerk, das heißt \\\\"Spirit Of Eden\\\\": So manchem Endzwanziger zaubert es ein wissendes Lächeln auf die Lippen, wenn er am Stand vorbei zum Klo geht, wo die Saubermachfrau Gummibärchen verschenkt. Als aber wenig später Paul Webb die Bühne betreten hat, bemerkt es fast keiner. Erst als er sich ein Akkordeon umhängt, gibt es freundlichen Applaus, vielleicht auch aus Dankbarkeit für das großartige Album mit Frau Gibbons und die damit verknüpfte Leistung, diese durch eine gewisse Scheuheit mythisierte Musikerin jetzt gleich auf dieser Bühne erscheinen zu lassen. Und dann geht alles ganz schnell. Plötzlich ist sie da, mit dem Rücken zum Publikum. \\\\"Mysteries\\\\" beginnt wie auf der Platte, nur etwas reduzierter. Danach entlädt sich die angestaute Spannung, erlöster Beifall. Sofort im Anschluss \\\\"Romance\\\\", dann fast das gesamte Album in locker veränderter Reihenfolge. Die Band spielt superb, mit bewundernswerter Bescheidenheit werden die essentiellen Details der Stücke zitiert, angespielt, so dass nichts fehlt, jeder Song vertraut ist. Die sieben Musiker schaffen es, \\\\"Out Of Season\\\\" auf der Bühne gleichzeitig dicht, schwer und transparent klingen zu lassen, genau wie auf der Platte also. Gibbons schluchzt, leidet, ist die Holiday und überzeugt damit, wenn sie auch selten, sehr selten allerdings, dramaturgisch damit etwas ins Leere läuft. Musik und Texte, das wusste man vorher, sind irgendwie über jeden Zweifel erhaben und daher in diesem relativ kuscheligen Etablissement für diverse Gänsehäute gut. Der gelegentlich durchsickernde Achtziger-Hall auf Drums und Background-Vocals passt zwar nicht ganz zum geschmackvollen Ganzen des an sich stilsicheren Licht- und Tonensembles, wird aber von der Präsenz jener immer mehr ins Zentrum gelangenden Stimme in der Mitte der Bühne überstrahlt. Zwischen den Songs bedankt sie sich und wirkt dabei verlegen oder nimmt einen Schluck aus den mitten auf der Bühne platzierten Gläsern mit durchsichtiger Flüssigkeit (etwa Wasser?). Nach einem zur beindruckenden Feedback-Orgie geratenden \\\\"Funny Time Of Year\\\\" und zeitlos vergangenen vierzig Minuten ist die Platte dann zu Ende. Für eine etwas verlegen wirkende Zugabe, Gibbons und Webb haben sich für Velvet Undergrounds \\\\"Candy Says\\\\" entschieden, kommt die Band noch einmal hervor und verabschiedet sich dann nachdrücklich mit \\\\"Show“ dessen erste Zeile (\\\\"Let the show begin...\\\\") die durchdachte, wenn auch unaufdringlich inszenierte Schönheit dieses Abends bewusst macht. Die Gibbons wirkt jetzt sogar fast gelöst, schüttelt ein paar Hände und entschuldigt sich noch gleich für das letzte Hamburg-Konzert, an das sie in alkoholtechnischer Hinsicht keine guten Erinnerungen hat. Dann ist sie weg (Der \\\\"Rustin Man“ muss auch irgendwann gegangen sein, hat ihn jemand gesehen?), und es herrscht der etwas paradoxe Eindruck, selten für so viel Geld so wenig Musik und doch so viel bekommen zu haben: zeitlos schöne Gänsehaut-Songperlen mit einer gelöst leidenden Gibbons, alles zusammen im Grunde fast unbezahlbar.



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  • User: dax
  • dax 24.02.2003 | 13:53:27
    Everybody´s Darling
    "...und es herrscht der etwas paradoxe Eindruck, selten für so viel Geld so wenig Musik und doch so viel bekommen zu haben: zeitlos schöne Gänsehaut-Songperlen mit einer gelöst leidenden Gibbons, alles zusammen im Grunde fast unbezahlbar."
    Das trifft es wohl sehr passend.
    Gibts denn irgendwo Bildmaterial vom Hamburg-gig?

  • User: jebu
  • jebu 24.02.2003 | 14:01:38

    In meinem Kopf.

    Das jemand fotographiert hätte, hab ich nicht gesehen. Auf jeden Fall keiner der üblichen Nerver auf Hamburgs Konzertbühnen.

  • User: dax
  • dax 24.02.2003 | 14:11:27
    Everybody´s Darling
    Ehrlich gesagt, hab ich auch während des Konzerts nur ein Blitzlicht aufblitzen sehen. Aber naja, ich hätt trotzdem gern welches ;-)
    Naja, dafür schneidet mir ja eine ganz liebe Person das radiokonzert heute abend mit *hüpf und freu*

  • User: jebu
  • jebu 24.02.2003 | 14:19:17

    Dann weiss ich ja, an wen ich mich wenden kann;-)

  • kookaburra 24.02.2003 | 18:01:46

    Natürlich waren die (beiden) üblichen Hamburger Nervensägen auch bei diesem Konzert zugange. An den leisesten Stellen haben sie ganze Fotoserien geschossen, sich vor der Bühne hin- und herbewegt und totale Unruhe in den vorderen Teil des Publikums gebracht. Dies hat bei diesem doch sehr sinnlichen Konzert ziemlich genervt.

  • User: jebu
  • jebu 24.02.2003 | 21:04:58

    Huch, gar nicht gesehen. Manchmal hat es doch Vorteile, etwas weiter hinten zu stehen. Die hätten mir das ganze Konzert verdorben.

  • User: gonzodieratte
  • gonzodieratte 25.02.2003 | 00:04:25

    gibbons tritt auch bei hurricane/southside auf, ihr gänsehautfanatiker !

  • User: kOpFcHaOt
  • kOpFcHaOt 25.02.2003 | 02:13:44

    ich in Du[e]sseldorf bin, denk ich 1live wie besch***en ist doch Radio ... und dann juhu ... die haben nen live stream, [der alle 20 Minuten unterbrochen wird ... ist bei nem 42min-Konzert schon ätzend] ... und das was da gestern abend im Radio lief .... oh bin ich froh in HH gewesen zu sein ...

    ... und das Bildmaterial aus HH würd mich auch interessieren ...

    gibbons tritt auch bei hurricane/southside auf, ihr gänsehautfanatiker ! ... steht wohl schon wieder in den Sternen ...

    UND: ... besser nicht son komisches Festival, aber dafür die neue Portisheadplatte ... wer von den versoffenen Gören beim Hurrican würde diese Musik verstehen?

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