Brothers' Keepers Projekt in Berlin vorgestellt

Word Up gegen Rechts

26.04.2001, 14:02, Text: Holger Münch, Holger Münch

Letztens noch mit Asterix gegen Cäsar, jetzt einer von vierzehn Brothers’ Keepers: Xavier Naidoo meets Torch, D-Flame, Afrob, Samy Deluxe, Adé (Bantu) und jede Menge andere HipHop/Soul/Reggae-People of color. Mit „Adriano (Letzte Warnung)“ wollen die afrodeutschen Künstler (deutscher Pass, dunkle Hautfarbe) ein deutliches Statement gegen den zunehmend blutigen Rassismus in Deutschland abgeben.

In Berlin haben die „Wächter ihrer Brüder“ gerade das Stück vorgestellt, das sie Alberto Adriano, dem dreifachen Familienvater, der vergangenen Sommer von Skinheads in Dessau wegen seiner Hautfarbe totgetreten wurde, widmen.

Alle Erlöse aus dem Projekt sollen an seine Familie und andere Opfer rechter Gewalt gehen.

Verstärkung bei der musikalischen Kampfansage an Rechte und notorische Weggucker gibt es demnächst auch vom anderen Geschlecht: Sisters’ Keepers gehen ebenfalls ins Studio. In Planung ist ein Brothers’-Keepers-Album, auf dem alle Künstler noch mal je einen eigenen Song zum Thema Rassismus in Deutschland einspielen werden. Das Video zur gemeinsamen Single produziert übrigens kein Geringerer als Spielfilmregisseur Dani Levy („Meschugge“, „Ohne Mich“).

Natürlich fragt man sich bei solchen Events, ob das nicht einfach eine weitere cheesy „We are the world“-Veranstaltung ist - und für die weniger bekannten Brothers nebenbei noch ein Stück Fame. Und irgendwann steigt der Bundeskanzler beim Open Air zum Händeschütteln auf die Bühne, und alle versichern sich gegenseitig, dass die Lage ja gar nicht so schlimm sein könne, solange es solch engagierte junge Leute gibt - blablabla. Doch Advanced-Chemistry-Torch steht auf jeden Fall für Credibility: ein ähnliches Statement wie „Adriano“ war ‘92 „Fremd Im Eigenen Land“.

Und so, wie vier Mitwirkende vom damaligen AC-Videodreh auch heute wieder beteiligt sind, taucht ebenfalls die alte AC-Message im Text der Brothers’-Keepers-Single wieder auf: „Als Kind schon erkannt. Fremd im eigenen Land.“ Das Wording ist insgesamt alles andere als cheesy: „Wir falln dort ein, wo ihr auffallt, gebieten eurer braunen Scheiße endlich Einhalt“, hat Xavier Naidoo (!) getextet.

Und sogar Selbstkritik gibt’s von der HipHop-Front zu hören an „all den Jahren, in denen wir Airplay verschwendet haben. Man könnte meinen, wir Rapper hätten nichts zu sagen.“ Die Pressemitteilung hat das natürlich angekündigt als „neue Tendenz zu Inhalten mit gesellschaftlicher Sprengkraft“, nach Jahren, in denen HipHop musikalisch immer perfekter und gleichzeitig immer inhaltsärmer wurde. Ob nun wirklich ein Ruck durchs Rapland geht? Die Künstler selbst sehen das nüchterner als die WEA-Promotion: „Wir wissen alle, dass wir, leider, in der Unterhaltungsbranche sind“, meinte D-Flame. Die große Abkehr vom Entertainment wird also wohl noch auf sich warten lassen, trotz des farbigen Lichtstreifs am Horizont.

Die mögliche Wirkung des Projekts betrachtet D-Flame dementsprechend auch mit gebremster Euphorie: „Wenn irgendwelche Glatzen den Song hören, drehen die eh nach zwei Takten aus. Die können wir eh nicht erreichen. Aber der Song kann denen mehr Kraft geben, die gegen Rassismus sind.“ Wenn „Adriano (Letzte Warnung)“ im Juni offiziell rauskommt, wird Deutschland also sicher nicht zum Multi-Kulti-Paradies und HipHop auch nicht neu erfunden, die kollektive Verdrängung aber fällt vielleicht ein wenig schwerer.



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