Gefangen im Loop der Glückseligkeit
Steve Reich gastiert gleich doppelt in Köln
29.01.2009, 12:57,
Auch wenn heute, zumindest was Techno betrifft, Minimal als Zeitgeistphänomen vor allem mit Richie Hawtin und seinem Minus-Imprint wahrgenommen wird steht außer Frage, dass der große Siegeszug, den diese Technospielart in diesem Jahrhundert angetreten hat, ohne die Kölner Protagonisten (allen voran Wolfgang Voigt), die schon in den frühen 90ern die ersten Akzente dieses Subgenres, wie sie in Detroit von Leuten wie Robert Hood gesetzt wurden, zu deuten und weiterführen wussten, nicht möglich gewesen wäre. Insofern schade, dass aus dem Umfeld des Museum Ludwigs / der Kölner Philharmonie niemand den Weitblick gehabt hat, Voigt in diesen Abend, an dem es sonst absolut nicht auszusetzen gab, nein, gerade im Gegenteil, den man mit einem weiteren absolut abfeiern muss, zu integrieren, zumal er ja nur wenige Tage zuvor einen bejubelten Auftritt mit seinem Gas-Projekt in der Berliner Volksbühne absolviert hat. Aber genug von Gas und Voigt, es soll um einen der Wegbereiter des heutigen Technominimalismus gehen, um Steve Reich.
Reich gilt gemeinsam mit La Monte Young und Terry Riley als Erfinder der Minimal Music, einer sehr entschlackten, repetitiven, auf einigen wenigen Pattern aufgebauten Musikkomposition. Mehr dazu im so viel wissenden Internet, sprechen wir lieber von Reichs Gastspiel in Köln.
Angeregt durch die momentan laufende Ausstellung Abstrakter Gemälde von Gerhard Richter, den Reich sehr schätzt, kam es zur wunderbaren Idee, vor dem eigentlichen Orchesterkonzert in der Philharmonie noch ein kurzes Drumset, performt von vier Musikern, einer davon Reich selbst, im Museum selbst zu spielen. Dieses polyrhythmische Bonbon war in seiner trocken groovenden Form ein idealer Einstieg, gerade da es sehr schön die Einflusslinie hin zum Minimal Sound Kölner Prägung fühlbar machte.
Das Konzert selbst spielte dann noch mal in einer anderen Liga, allein schon durch die Vielköpfigkeit des Orchesters. Das berauschende an auf so klaren Pattern beschränkten Aufführung ist ja die zigfache Referenzialität dieser Beschränkung. Der individuelle Musiker, der soviel mehr zu geben hätte, gibt sich dem Korsett der Komposition hin, um über seinen Part hinaus ein Werk zu schaffen, das soviel größer ist als die Summe der einzelnen Minimalismen. Natürlich birgt eine solche Disziplinierung auch immer eine andere Lesart in sich, aber vergessen wir diese mal schnell und konzentrieren wir uns auf jene der sozialen Utopie, dass im Zusammenspiel, im Kollektiv soviel möglich ist; auch tagesaktuell eine schöne Idee.
Mit kaum nachvollziehbarer körperlicher Beherrschung setzte der Pianist dabei die Rhythmusbasis, auf der u.a. Streicher und Xylophon sowie die auf wenige Laute beschränkten Sängerinnen langsam eine faszinierenden Soundfläche aus Grooves und Kontenplation schufen. Am Ende war man sprachlos und glücklich – in der Tat wurde beim anschließenden Barbesuch zwar viel gesprochen, aber kein Wort zum Konzert. Das war nicht nötig. Und was will man mehr von Musik erhoffen, als dass sie den Nährboden für anderweitigen Diskurs generiert.
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