Web 2.0 und so...

Der lange Rattenschwanz

17.03.2007, 16:00, Text: Moritz Sauer

Bonjour Folksonomy, welcome Mister Long Tail! Mit immer mehr Daten, die mittels Social Services von Benutzern gesammelt werden, entsteht eine wachsende Weisheit der Massen. Die treibt uns hinab in die Untiefen des kulturellen Rattenschwanzes und lässt uns Neues entdecken. Das geht zu Lasten unser ehemals Hit-gläubigen Kultur. Find ich gut.

In seinem bahnbrechenden Buch 'The Long Tail' beschreibt Chris Anderson, wie sich die Ökonomie von Marktwirtschaft und Kultur durch die Möglichkeiten des Internets rasant ändert. Das Buch sei jedem herzlichst empfohlen und gehört zu einem der besten, aufregendsten und intelligentesten Analysen einer neuen Form von Wirtschaft und Kultur. \\\\\"Schuld\\\\\" trägt das Internet. Dass Marktwirtschaft und Kultur sich gegenseitig beeinflussen, ist nicht unbedingt neu. Neu ist aber die Tatsache, dass sich die Mechanismen derzeit rapide ändern. Ein paar Fakten: Wir bewegen uns weg von einer Hit-getriebenen Kultur zu einer breiteren und spannenderen Kultur, in welcher der einzelne Benutzer unmerklich ähnlich gesinnte Fans, Liebhaber und Interessierte beeinflusst. Gleichzeitig entdeckt er Neues, was er nie im Laden gefunden hätte. Schließlich kennt ihn dort niemand so gut und Freunde findet man bei auf Provisionen schielenden Mitarbeitern sowieso nicht.


Neues entdecken wir über das Netz durch Empfehlungen. Und anstelle, dass wir auf das immer gleichsortierte Regal mit lediglich 100 Chart-Alben schauen, spüren wir neben innig umarmten Musikern ähnliche Bands und Produzenten auf. Die waren uns zuvor schlicht und einfach unbekannt. Schließlich lagen die auch nicht im Regal neben den anderen 99. Entdeckt haben wir sie erst, seit wir netzbasierte Radiosender hören und ein immer größer werdendes Angebot im World Wide Web entdecken.

Denn das Internet ermöglicht eine billigere und breitere Distribution. Im Vergleich zum Regalpreis bei Saturn & Co. kostet die digitale Ablage von kulturellen Gütern auf Servern so gut wie nix. Das treibt gleichzeitig das Angebot bzw. die Vielfalt in die Höhe und wir entdecken, dass es da noch etwas anderes gibt als Top-10-Hollywood-Gedöns und Mainstream-Gedudel.

Ein Beispiel wie musikalische Inhalte sortiert und kontextbezogen neu verknüpft werden, ist www.last.fm. Last.fm funktioniert als personalisiertes Radio, das konstant den eigenen Musikgeschmack „mitschneidet“. Richtig klasse funktioniert das, wenn man in seinen Software-MP3-Player – z.B. WinAmp – das Audioscrobbler-Plugin schraubt. Diese Schnüffel-Software berichtet Last.fm, welche MP3s Ihr hört, wie lange und wie oft. Ruft Ihr in einem nächsten Schritt das personalisierte Radio von Last.fm auf, vergleicht die Software Eure Hörgewohnheiten mit den Lieblingsmusikstücken anderer Nutzer und spielt Euch diese vor.

Dadurch entdeckt man mit Last.fm neue Musik durch den Vergleich von Musikgeschmäckern. Eigentlich der gleiche Mechanismus wie das Wenn-Du-das-magst-dann-gefällt-Dir-auch-das-Prinzip. Und je mehr Fakten in die Datenbanken geschaufelt werden, desto bessere Resultate erzielen Social-Services, die Daten Ihrer Nutzer zusammenkratzen. Das Verkaufsangebot ist dann nur noch einen Klick entfernt – so sieht wenigstens das Geschäftsmodell aus. Indirekt mutiert man selbst dadurch zum Propaganda-Minister für seine Lieblingsmusiker und hilft Gleichgesinnten neue Musik zu entdecken. Und das wiederum treibt diese Neugierigen den so genannten \\\\\"Long Tail\\\\\" hinab, in tiefere und unbekanntere Gefilde. Schöne neue Welt, oder?


Moritz \\\\\"mo.\\\\\" Sauer ist Musikliebhaber und Internet-Addict mit Herz und Seele. Als freier Journalist und Buchautor betreut der Kölner sein eigenes Netzkultur-MP3-Magazin Phlow. Für Intro berichtet mo. regelmäßig über neue Web-Trends.



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