Der Loudness War

Kollateralschäden ohne Kriegsopfer

28.05.2008, 12:11, Text: Boris Fust

Der Kampf um die Aufmerksamkeit der Musikhörer hat zu einer Art Dreißigjährigem Krieg geführt. Im sogenannten "Loudness War" sind die Fronten unklar. Niemand weiß, ob Arctic Monkeys, Red Hot Chili Peppers und Smashing Pumpkins Opfer oder Täter sind. Boris Fust hat sich den Schutzhelm aufgesetzt und klärt uns auf.



Der Kampf um die größtmögliche Lautstärke ist fast so alt wie die Geschichte der Tonaufzeichnung. Laut ist besser: Das war unumstößliches Credo bei Motown. Dessen Produktionen wurden auch deshalb so legendär, weil sie ordentlich ballerten. Mit dem Einzug digitaler Signalprozessoren in Aufnahme- und Masteringstudios ist das Hochjagen des Pegels zum Problem geworden: Dynamik, einst wichtiges musikalisches Gestaltungsmittel, ist einem modulierten weißen Rauschen gewichen. Eine große Zahl moderner Produktionen geht ins digitale Clipping. "Californication" von den Red Hot Chili Peppers ist so verzerrt, dass es klingt, als hätte man seine Boxenkalotten durchgeschossen.

Schuld sind ausnahmsweise einmal nicht MP3 und sinkende Budgets der Plattenfirmen (Mastering ist ein vergleichsweise billiger Produktionsschritt: Die big names kann man für 3.000 Dollar Tagessatz einkaufen), vielmehr handelt es sich um ein technologisches Problem: den Umgang mit modernen Klangkompressoren im Mastering, dem es um die Angleichung der Lautstärke der verschiedenen Stücke auf einem Album ebenso angelegen ist wie um das Verhältnis leiserer und lauterer Passagen innerhalb eines Stücks (etwa zwischen Strophe und Refrain): Laute Klangereignisse werden im Pegel zurückgenommen, leise hochgepegelt. Dieser Vorgang ist im Prinzip unverzichtbar (und wurde in Intro #140 schon näher beleuchtet) - hat aber in jüngster Zeit zu Exzessen geführt.

Dieser Meinung ist Bob Katz. Sein Buch "Mastering Audio: The Art And The Science" machte ihn zu einem der meistinterviewten Experten. Der audiophilen Klientel ist er durch zahlreiche Produktionen bekannt, darunter auch "New York Reunion" von McCoy Tyner, die als Referenzplatte gilt (deren Aufnahme Katz als Studiomischer betreute, aber nicht selbst masterte). Er erklärt das Problem: "In den Achtzigern, als die CD sich durchsetzte, hatten wir bis zum Lautstärkelimit der CD bei 0 dB noch einen Headroom von 6 bis 8 dB. Dem Originalmix während des Masterings Lautstärke hinzuzugeben war deshalb ungefährlich", sagt Katz. "Viele Künstler wollen ihre Produkte lauter haben als die der Konkurrenz, weil sie sich davon mehr Aufmerksamkeit versprechen."

Und so nahm der "Loudness War" graduell an Heftigkeit zu. "Die Lautstärke der CD hat 20 dB in 20 Jahren zugelegt. 1990 hatten wir bereits 6 bis 8 dB verloren. Es gab keinen Headroom mehr für die Peaks. Kompressoren gewannen an Bedeutung. Zwischen 1990 und 95 wurden digitale Peak Limiter erhältlich - sehr, sehr mächtige Geräte mit DSP-Technologie. Die Praxis des Brickwall Limitings setzte sich durch." Und wurde bald abgelöst durch noch aggressivere Maßnahmen: "Ab 2000 war es nicht mehr möglich, den Pegel weiter anzuheben: Clipping wurde bewusst herbeigeführt. Das sind ernsthafte Verzerrungen, die mitunter die Anlage beschädigen können."

Auch Charles Dye ist unzufrieden mit einer Welt, in der "Come With Me" von Norah Jones mehr als doppelt so laut ist wie Nirvanas "Nevermind". Er ist einer der Gründer der Initiative "Turn Me Up!", die für eine Art Gütesiegel für dynamikreiche Platten eintritt. Er arbeitete als Mischer für Aerosmith, Jon Bon Jovi, Shakira und andere. Dye ist keiner aus der Analog-ist-besser-Fraktion: Er mixte "Livin' La Vida Loca" für Ricky Martin, was als erste ausschließlich Pro-Tools-basierte Hit-Produktion gilt. "Livin' La Vida Loca" ist ein schwerer Sündenfall. "Ich war jung und naiv", sagt er. Und so belieferte er den Mastering Engineer Ted Jensen bei "Sterling Sound" mit Ballerware. "Ted wurde oft kritisiert, dass er es so laut gemacht hat. Dabei war das meine Schuld. Ich hatte die Lautstärke bereits ans Limit getrieben."

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aus Intro #158 (März 2008)
 
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