
Das Touchscreen-Revival
Just a little of that human Touch
23.04.2007, 06:00, Text:
Gregor Wildermann
Große Ereignisse werfen ihre Schatten bekanntlich voraus. Der gemeine Europäer wird erst im Winter Apples iPhone in den Händen halten dürfen, und noch ist völlig unklar, welcher Provider überhaupt den handlichen Multitasker mit Touchscreen führen wird. Doch eben seine Hauptschnittstelle, deren Technologie aus den Siebzigerjahren stammt, erlebt schon jetzt in einer ganzen Reihe von unterschiedlichen Geräten ihren zweiten Frühling.
Den ersten berührungssensitiven Bildschirm entwickelte 1971 Doktor Sam Hurst, damals bei der University of Kentucky beschäftigt. Er nannte es zuerst noch Elograf und patentierte sechs Jahre später die Technik, auf der heute nahezu alle entwickelten Screens basieren. Das erste kommerzielle Produkt mit leichter Ähnlichkeit zu einem Tricorder von Kirk & Co. war der Newton-PDA von Apple, der 1993 mit neuartiger Schrifterkennung auf den Markt kam und zuerst noch den wahrlich futuristischen Namen “Brain Amplifier” tragen sollte. Newton und iPhone hatten damals wie heute das gleiche Problem: Viele Funktionen sollten möglichst über eine Bedienoberfläche anwählbar sein. Wie sollte man sonst in einem kompakten Gerät iPod, Webbrowser und Telefon vereinen, ohne jeder Einzelfunktion separate Bedienelemente zuzuordnen? Zwar haben sich in der Vergangenheit PDAs von Palm oder Treo sowie diverse Tablett-PCs an der Grundidee des Newton bedient, wirklich futuristisch oder wenigstens elegant wirkte dies jedoch kaum. Die gestiegenen technischen Anforderungen bei zeitgleichem Bedienkomfort erklären schon zum guten Teil die Renaissance des Touchscreen, der heute eben weitaus mehr kann als beim Fahrkartenschalter im Parkhaus oder bei der Bahn. Im iPhone ähnelt die Bedienung eher einem gelungenen Zaubertrick, wenn man mit einer Fingerbewegung mittels “Cover-Flow” fließend durch den Musikkatalog streift oder ein Foto mit zwei Fingern vergrößert oder verkleinert.
Gerade der hart umkämpfte Handy-Markt konnte den Innovationsansatz via Touchscreen dringend gebrauchen. Selbst Hersteller, die man früher nur von Kühlschränken oder Fernsehern kannte, besetzen so eine Markt- und Designlücke. Nach dem ersten Erfolg mit dem Chocolate-Modell baut zum Beispiel die koreanische Firma LG jetzt noch konsequenter auf die Touchscreen-Technologie und hat dafür einen hochwertigen Imagepartner gefunden. Die Nobelmodemarke PRADA stand beim Design des KE850 Pate, und die Ähnlichkeit zum iPhone zeigt gleichzeitig auch, wie wenig Spielraum die Ideenlösung eines großen Touchscreen lässt. Dafür steht das PRADA-Phone in Europa schon seit März für rund 600 Euro im Laden. Auch Motorola, die sich dank ihres RAZR-Modells wieder ganz in die Oberliga der Handyhersteller spielen konnte, steigt mit dem kleinen MOTOMING A1200 in den Touchscreen-Markt ein. Es bietet zum Preis von rund 350 Euro einen vollwertigen Quadband-PDA mit Linux-Betriebssystem und ein 2,4 Zoll großes Touchpad, das sich unter einer durchsichtigen Klapphülle schützt. Und auch bei Samsung will man den neuen Trend nicht verschlafen und zaubert mit dem SGH-F700 auch gleich einen guten Zuchthasen aus dem Hut, der in Europa ab dem Sommer erhältlich ist.
Bei der Entwicklung des Touchscreens wird es auch in Zukunft noch Innovationsmöglichkeiten geben, und vor allem im Management aller möglichen digitalen Quellen könnte der direkte Kontakt bei der Übersicht helfen. In diese Richtung dachte man auch bei HP und entwickelte als Alternative zu Tablett-PCs den “TouchSmart”, der als stationärer Multimediarechner von der Übersichtlichkeit bei Windows Vista profitieren will. Dabei zeigt es sich trotzdem als Herausforderung, wenn man mit einem Finger die kleinen roten Ecken eines Fensters treffen und schließen will. Überhaupt liegt der größte Schwachpunkt von Touchscreens immer noch im mangelhaften Feedback, das den Benutzer auch gerne mal ratlos zurücklässt. So geschehen beim flachen und fast zu leichten MP3-Player MAX-IVY von Maxfield, dessen berührungsempfindliche Oberfläche und unschönes Neondisplay mehr verwirren als weiterhelfen. So wurde die Lautstärkeregelung im Alltagstest zur echten Geduldsprobe, da selbst längeres oder unterschiedlich festes Tippen auf den Mittelstrich zu keinem Resultat führte. Handwerklich solide präsentiert sich dagegen die Universalfernbedienung von Logitech, deren neuestes Modell Harmony 1000 über den Touchscreen immerhin 15 verschiedene Geräte steuern kann. Bleibt noch ein Gerät, das dem Touchscreen ähnlich wie Apples iPhone neues Leben eingehaucht hat: Nintendos DS-Modell, das neuerdings mit eingestecktem MP3-Modul auch zum akustischen Begleiter werden kann. Ob Nintendo uns vielleicht auch noch ein Telefon schenkt?
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