
Im Studio mit...
John McEntire
23.10.2006, 06:00, Text:
Felix Scharlau,
Thomas Venker, Foto: Felix Scharlau, Thomas Venker
Die kurzlebigen Hypes englischer Schule haben uns verdorben. Nein, sie haben nicht uns verdorben, das wäre zu viel gesagt, sie haben lediglich unseren Blick getrübt, unsere Sinne entschärft. Entschärft für diese andere Form von Hype, jene, die ebenso plötzlich kommt, aber wenn sie mal in und um sich zirkuliert, dann in einer Wucht, die weit über eine Jahreszeit hinausreicht.
Tortoise haben vor mehr als einer Dekade einen solchen Hype ausgelöst. Und auf Dauer genährt. Mindestens drei Alben (“Tortoise”, “Rhythms, Resolutions & Clusters” und “Millions Now Living Will Never Die”) lang war dieses von der Presse “Postrock” getaufte Genre in der von ihnen ausdefinierten Form das beste, tollste und überhaupt around. Dann langsam bröckelte der Noveltyfaktor ab oder – positiv ausgedrückt – hatte die Band ihre endgültige Form gefunden.
So ähnlich drückt es John McEntire an einem regnerischen Septembertag in seinem Chicagoer Soma-Studio aus. Nein, uns sitzt niemand gegenüber, der mit der Zeit hadert, höchstens derart, dass sie ihm mehr Ruhepausen abfordert, weshalb er am Wochenende, frisch von einer Reise zurückgekehrt, nicht an den Touch And Go-Feierlichkeiten teilnehmen konnte. McEntire wirkt sehr unaufgeregt. Man könnte es abgeklärt nennen – eben einer, der den Medienbetrieb und seine Vertreter kennt –, man kann es aber auch desinteressiert und irgendwie espritlos nennen. Erst als wir später aufbrechen wollen, kommt für einige Minuten der McEntire heraus, wie man ihn Anfang der 90er kennen lernen konnte: jener charismatische Ex-Hardcore-Junge, der gerade zum Kick-Start ansetzte, um die feste Hierarchie von Indie-Amerika aufzurütteln – er wird fragen, was in Köln so geht. Jetzt sitzt er erst mal ermattet vor seinem Mischpult und harrt der Fragen, die da kommen.
Der Begriff fiel schon: Postrock. Sicherlich, er sagt nicht mehr, als dass die Zeit des Rockens vorbei ist und etwas Neues, nicht näher Skizziertes, losgeht. Bei den meisten Bands, die später hier einsortiert wurden, stimmte das nicht wirklich: zu ruppig ihre Arrangements, zu kantig, zu ungelenk – was eine Band wie Tortoise auszeichnete, war ihre galante Art, den Rock mal wirklich Rock sein zu lassen, ihn zu dekonstruieren und dabei aber im besten Sinne des Wortes nicht zu vergessen, was er sie in Form von Hardcore und Indie alles gelehrt hatte: Aus diesen Momenten etwas Neues zu erbauen, dabei Jazz, Dub, Elektronik zu integrieren, sich diese aber bereits im Moment ihres Auftretens anzueignen, so frech und selbstbewusst zu sein, auch hier zu dekonstruieren. Dass das Ergebnis in keinem Moment gekünstelt wirkt, auch dann nicht, wenn in einem Stück wie “Djet” alles in sich zusammenfällt – der galante Fluss der Melodie, die Melancholie des Themas –, das ist die große Leistung dieser Band gewesen.
Nun, 13 Jahre nach dem ersten Single-Release, blicken Tortoise mit der “A Lazarus Taxon”-Box zurück. Der Band angemessen in Cinemascope auf vier CDs und einer DVD, bieten sie Einblick in das mittlerweile umfangreiche Werk, zeigen noch mal Brillantes aus anderem Winkel, setzen Rares daneben und offenbaren viel mehr: Felix Klopotek wies in seiner Besprechung in der Kölner Stadtrevue darauf hin, dass Tortoise immer eine Band war, die auch die Autorenschaft im Kollektiv aufgingen ließ. Man wurde nie faktisch darüber informiert, wer was komponiert hatte. Das ist nun auf der Box anders. Für McEntire allerdings kein großer Schritt: Sie hätten das ja nie geheim gehalten, es nur nicht explizit daraufgeschrieben, dass aber jeder, der ihre sonstigen Projekte kenne, heraushören könne, wer was beigesteuert habe.
Zurück ins Jetzt: Schließlich befinden wir uns ja in John McEntires Soma-Studio. Auf die Frage, mit wem er denn hier zuletzt aufgenommen habe, legt er die Stirn in Falten, um dann, nach der Einsicht, dass das Gedächtnis nichts freigibt, mit dem Stuhl zum Laptop zu rollen und im Kalender nachzuschauen und einige Namen zu nennen: “Manchmal nehme ich vier Projekte pro Monat auf, manchmal nur eins, wenn es das Budget des Künstlers zulässt – was leider immer seltener der Fall ist. Zuletzt waren April March, Ray Anderson, Arboureturm und Red Krayola da.”
Wo der Name The Red Krayola schon gefallen ist: Die Band um Mayo Thompson, bei der McEntire zuletzt stetig mitspielte, so auch auf dem bei ihm aufgenommenen “Red Gold”-Album, das dieser Tage auf Drag City erscheint, könnte man als Einfluss von Tortoise sehen. McEntire stutzt. Das habe er so noch nie gesehen und auch nie bewusst so empfunden, aber er sehe die Verbindung, haben sich doch Tortoise wie Red Krayola von jeher dem Geist der Freiheit gewidmet, die enge Form, das endgültig Fixierte, Definierte in Frage gestellt. Dieser Prozess ging bei beiden Gruppen zu Anfang einher mit personell offenen, variableren Strukturen und wurde erst mit der Zeit gefestigter – bei den einen mehr als bei den anderen.
Genug des Blicks in die Vergangenheit. Es ist an der Zeit, sich die Räumlichkeiten zeigen zu lassen. Das Studio ist nicht so groß, wie man vermuten könnte. Wandert man bei Steve Albini anmutig durch Hallen, so sind es hier Räume. Und noch ein Unterschied fällt sofort auf: McEntire hat zwar noch eine alte 2-Zoll-Bandmaschine, diese verstaubt jedoch in der Ecke, da sie seit mehr als einem Jahr nicht mehr benutzt wurde. Seine Welt ist schon länger digital – und er will es auch nicht mehr missen: “Men, als ich sie das letzte Mal angeschlossen habe, wurde ich fast wahnsinnig, wie lange das Spulen so dauerte. Das haben wir immer so gemacht? Nee, nee, das ist so schon viel sinnvoller, auch weil die Künstler heutzutage zunehmend mit vorproduzierten Bits und Peaces ins Studio kommen.” Und während man selbst, ganz Amateur, was das Lesen von Studios angeht, angesichts der im Vergleich kleineren Verhältnisse fast schon Mitleid zeigen will, stellt McEntire plötzlich die Frage in den Raum, ob es bei Steve “Vollanalog” Albini denn gut liefe, er stelle sich das ja schwer vor, da die Kunden doch sicherlich peu à peu immer mehr auch das Digitale einklagen würden. Wir können ihn beruhigen: Es läuft.
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