Das Wohnzimmer der Zukunft

Viiv, Plasma, HDTV & Co.

30.03.2006, 11:33, Text: Bodo Scheup, Bodo Scheup

Die Zukunft naht mit Riesenschritten - und sie heißt WM 2006. Für die großen IT-Konzerne und ihre Marketingabteilungen ist das wieder mal genau der richtige Anlass, um die Vision von der computergesteuerten Entertainmentzentrale im Wohnzimmer von Max Mustermann erneut auf Hochglanz zu polieren und vielleicht auch endlich mal Wirklichkeit werden zu lassen. Irgendwie ist es ja auch schwer zu verstehen, warum zwischen Informationstechnologie und Unterhaltungselektronik immer noch so oft ein \"vs.\" gesetzt wird. Aktuell sorgt vor allem die zunehmende Verbreitung von WLAN für eine aufgeladene Datenwetterlage, in der sich die Synergieblitze zwischen Intels Viiv-Technologie, HDTV und dem ganzen Rest entladen könnten.

Radio und Fernsehen, DVD, Games, Musik, Fotos, E-Mail, Telefon ...

Der Computer kann längst alles, und deshalb wird es auch Zeit, dass er endlich mal alles macht und die Ansammlung der alten Gerätschaften in ihrem jeweiligen Spezialistentum ablöst: ein Wohnzimmer, ein Rechner. Ganz neu ist diese Idee natürlich nicht. An ihrer Umsetzung und Bewerbung wird von Konzernen wie Microsoft und Intel schon seit längerer Zeit gearbeitet, und wer seine auf dem PC im Arbeitszimmer gelagerten MP3s unbedingt über den Fernseher abspielen möchte (und basteln zu seinen Hobbys zählt), für den gibt es bereits praktikable Lösungen. Auf lange Sicht wird sich die Idee einer Zentralstelle, die im Prinzip alles erledigen kann, aber wohl irgendwann durchsetzen.

Eine Gewissheit bleibt auf jeden Fall. Als die Flimmerkiste Ende der 50er-Jahre unsere Haushalte eroberte, diktierte sie ein unumstößliches Gesetz: Ich komme, um zu bleiben. Im Zentrum eines jeden Wohnzimmers steht seither der Fernseher, ganz egal, welche Technik im Hintergrund auch für die Bilder verantwortlich sein mag. In die Röhre gucken war gestern, heute heißt das Schlagwort Home Cinema. Größer, schärfer, heller, flacher ist die Devise. LCD- und Plasmabildschirme sowie HDTV im Verein mit immer komplexeren Dolby-Surround-Systemen haben in den letzten Jahren komplett neue Standards für das Fernseherlebnis gesetzt. Der schick an die Wand gehängte ultraflache 42-Zoll-Bildschirm, an dem die Schwalbe des gegnerischen Stürmers noch vom Nebenzimmer aus genau zu erkennen ist, muss kein feuchter Techniktraum mehr bleiben - vorausgesetzt, man hat das nötige Kleingeld. Ab 1000 Euro aufwärts kann man in der Plasma-Liga mitspielen, wobei es kein Problem ist, für ein Gerät auch viermal so viel auszugeben. Ein schlagkräftiges Verkaufsargument lockt einem derzeit die Mäuse recht leicht aus der Tasche: In ihrer vollen Breite und Schärfe erlebt man die WM eben nur im Seitenverhältnis 16:9 auf einem HDTV-Bildschirm.

Große, weltweit übertragene Sportereignisse waren immer schon ein Anlass, technische Neuerungen umzusetzen, obwohl sich diese Spektakel dann meist vor sehr limitiertem Publikum abspielten, da kaum ein Haushalt mit den jeweils neuen Supersignalen etwas anfangen konnte. Die Olympischen Spiele in Barcelona 1992 wurden z. T. im halbdigitalen HD-MAC-Format übertragen und in dieser Form an hundert ausgewählten Standorten präsentiert. Pünktlich zur Fußball-WM starten nun mehrere europäische Pay-TVs ihr HDTV-Angebot, bedienen damit aber bereits eine stattliche Kundschaft direkt zu Hause. Nicht zuletzt forciert auch die aktuelle Generation der Spielekonsolen den Wechsel zu hochauflösendem Fernsehen. Der Ausstattung europäischer 08/15-Wohnzimmer sind sie schon längst voraus, die Xbox 360 und die hoffentlich bald kommende PS3 bieten eine grafische Brillanz, die ohne HDTV gar nicht richtig ausgekostet werden kann.

Aber für dieses Grafikerlebnis braucht es gar nicht immer die Riesenbilddiagonale. Kabellosigkeit ist auch ein trendiges Schlagwort, mit dem sich viele neue Gerätschaften schmücken, und für den komplett vernetzten Wohnzimmerspaß ist sie quasi Voraussetzung. Schließlich will man ja auf der Couch fläzen und nicht im Kabelsalat. Nur gut, dass jetzt auch Fernseher wireless gehen, so gesehen z. B. bei einem 15-Zoll-LCD-TV von LG Electronics. Außerdem können Menschen ohne Gigantofernseher - oder eventuell ohne Wohnzimmer in Strafraumgröße - natürlich auch immer noch ihren PC nach alter Schule TV-kompatibel machen. Eine Fernsehkarte wie Terratecs Cinergy XS macht das unglaublich einfach. Per USB einstöpseln, Antenne dran, und schon geht's ab in die digitalen TV-Weiten.

Trotzdem: Ein Fernseher ist ein Fernseher ist ein Fernseher und als solcher, trotz seiner besonderen Attraktivität, eben nur ein Teil des heimischen Vergnügungsparks. Die zentrale Schaltstelle der Zukunft soll auch hier der Computer werden. Der Chiphersteller Intel versucht sich mit seiner eben lancierten Plattform namens Viiv am entscheidenden Quantensprung aus der IT-Ecke mitten hinein in die Consumer Electronics. Das Wort Viiv steht dabei für keine Abkürzung, sondern soll bloß den Sound des Wohnzimmers der Zukunft anklingen lassen, mit Assoziationen von vivid über gewieft bis live. Das Viiv-Konzept kann man sich dabei im Grunde ganz ähnlich vorstellen wie die Intel Centrino Technologie für mobile Anwendungen, nämlich als eine integrierte Rechnerumgebung (Prozessor, Chipsatz, WLAN und weitere aufeinander abgestimmte Komponenten) mit speziellem Fokus auf Multimedia-Anwendungen für die Rundumversorgung mit Unterhaltung zu Hause. Die Idee klingt simpel und überzeugend: Ein dezentes Gehäuse unter dem Fernseher - könnte z. B. so aussehen wie die BoxOne von High-Def Technology oder ein Shuttle-PC (wie der Shuttle M2000): schmal, elegant und v. a. geräuscharm - steuert alle gewünschten Anwendungen von DVD über Musik bis Internet und beherbergt alle Daten, die im Haushalt so hin und her geschoben werden. Ein kleines WM-Szenario: Kalle programmiert die Aufnahme von Paraguay gegen Trinidad und Tobago (vielleicht schaut er sich das irgendwann doch noch an), während Susi ihre letzten Tipps bei der Internetwette abgibt, sich nebenbei neue Musik auf ihren MP3-Player zieht und Marco verflucht, der sich in der Küche zum tausendsten Mal die Grönemeyer-Hymne in voller Lautstärke reinpfeift. All das über die Viiv-Zentrale im Gemeinschaftsraum der WG.

Wichtig für solche und ähnliche heimgerechte Verwendungen von Viiv ist v. a. ein neues Detail namens Quick Resume Technology, das, vergleichbar mit einem Standby-Modus, alle Anwendungen in Sekundenschnelle parat hat. Schließlich will niemand den Anpfiff des Eröffnungsspiels verpassen, nur weil der neue Fernseher drei Minuten zum Booten braucht.

Wer weiß, vielleicht kann Klinsmanns Truppe doch den entscheidenden Kick geben, um aus dem Personal Computer in absehbarer Zeit eine gemeinschaftlich nutzbare Entertainmentzentrale zu machen. Die bisherigen Anläufe, IT-Produkte ganz selbstverständlich und ohne Umwege als Unterhaltungselektronik zu verkaufen, waren trotz guten Stellungsspiels und top Motivation bisher meist schon in der Vorrunde zu Ende. Wir KonsumentInnen sind eben Gewohnheitstiere und lernen langsam. Ist es unsere Bequemlichkeit, die uns doch oldschoolig bei einem Gerät pro Anwendung bleiben lässt? Liegt es an der Preisspanne zwischen einem beliebigen DVD-Player und dem gesamten Entertainment-PC-Paket? Keine Frage, wenn es irgendwann mal möglich sein wird, das Elfmeterschießen via Internet zu manipulieren oder die Bierchen direkt aus dem Netz zu saugen, dann ist es wirklich endlich da: das Wohnzimmer unserer Träume.

HDTV
High-Definition Television a.k.a. hochauflösendes Fernsehen ist ein Videostandard, der sich der Qualität von 35mm-Filmen annähert. Das standardmäßige Seitenverhältnis ist 16:9, die Zeilenauflösung ist in etwa fünfmal höher als beim bisherigen PAL-Format, die Bilder sind daher detailreicher und kontrastreicher, gängige Auflösungen sind 1920 × 1080 und 1280 × 720 Pixel. In Japan und den USA bereits Standard, geht die Umstellung auf HDTV bei europäischen Sendern etwas schleppend voran.

BoxOne
High-Defs BoxOne ist das Paradebeispiel eines Viiv-Computers und featuret unter anderem: DVD- und CD-Laufwerk mit Brenner, integriertem TV- und Radiotuner, WLAN, eine extra leise 250 GB Festplatte und eine Intel-CPU ohne Lüfter, damit Dauerbetrieb nicht auch Dauerbrummen heißt, und eine Fernbedienung, mit der sich, wenn's denn sein muss, auch E-Mails bearbeiten lassen.



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aus Intro #137 (April 2006)
 
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