Gitarren-Verzerrer

Der Ex-Sound der Subversion

27.03.2006, 12:12, Text: Felix Scharlau, Felix Scharlau

Verzerrung ist der Jahrzehnte alte Kartentrick der Rockmusik. Aber wir sehen ihn immer noch gerne. Songs werden durch Verzerrung veredelt, dramaturgisiert und emotional aufgeladen. Eine Distortion-Gitarre im Refrain war vor circa 40 Jahren symbolisch der Ort, an dem die Anstößigkeit einer ganzen Jugendbewegung reüssierte. An dem Rockmusikgegner die Rebellionsabsichten der Musiker vermeintlich bestätigt sahen. Ganz schön viel Verdienst für ein Effektgerät, das lediglich ein Eingangssignal übersteuert, bis es zerrt. Was oft verkannt wird: Diese Sound-Erfolgsgeschichte wurde zum Glück ständig von technischen Innovationen befeuert. Denn obwohl eine verzerrte Gitarre in moderner Rockmusik inhaltlich nur noch selten für etwas einsteht - als Konsequenz aus rein nostalgischen Gründen dem zum Teil miesen Verzerrer-Sound von The Who hinterherzuweinen ist absurd.

Dagegen bietet beispielsweise ein aktuelles Modell wie der Röhrenverzerrer \"Hot British\" (von Tonebone; ca.

EUR 220) Einstell- und Klangmöglichkeiten ähnlich einem Studio-Effektrack. Die 12AX7-Röhre sorgt für eine natürlich klingende Verzerrung, die Regler \"High\", \"Low\", \"Contour\" und \"Drive\" ermöglichen in Kombination mit den drei Kippschaltern (u. a. für Mitten-Boost) unzählige garagige Sounds, die man von The Stooges bis Maximo Park zu kennen glaubt. Dass weniger auch viel sein kann, zeigt ein weiterer aktuell erschienener Verzerrer namens \"Speed II\" (von GP Lightstone; ca. EUR 275). Ebenfalls ein unglaublich klingender Vollröhren-Verzerrer, der nur auf Bestellung in Handarbeit gebaut wird. Wie bei vielen klassischen Verzerrern gibt es hier nur drei Regler (\"Gain\", \"Tone\", \"Master\"). Der Clou: \"Speed II\" ist zweikanalig, und als Gimmick leuchtet für jeden Kanal ein andersfarbiges Licht hinter dem dreieckigen Fensterchen. Aber auch Klassiker haben heute noch ihre Berechtigung: Pro Co brachte vor knapp zwei Jahren mit \"You Dirty Rat\" (ca. EUR 90) ein neues Produkt der legendären \"Rat\"-Reihe auf den Markt, ohne die Power-Indie-Rock in den 90ern nicht vorstellbar gewesen wäre. Die neue \"Ratte\" fügt dem Fuzztone eine 3-dB-Kompression hinzu; die Folge ist tatsächlich, wie vom Hersteller versprochen, \"more fuzz than a police convention\". Übrigens: Wer spüren will, wie die Zeit verflog, sollte mal den \"Boss HM-2\" oder \"Ibanez Metal Charger\" aus dem Schrank holen. Die klingen aus heutiger Sicht nur noch wie eine Mel-Brooks-Persiflage von Heavy Metal.



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aus Intro #137 (April 2006)
 
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