Personal Publishing

Die Demokratie liegt in deinen Händen

27.03.2006, 11:58, Text: Moritz Sauer, Moritz Sauer

Mit dem Einzug moderner elektronischer Geräte bekommt jeder von uns ein Stück Freiheit in die Hand gedrückt. Denn mit Hilfe von hochgerüsteten Mobiltelefonen und Gadgets werden wir alle zum urbanen Reporter. Bilder und Videos lassen sich in Windeseile und überall aufnehmen, um anschließend weiterkopiert oder im Internet veröffentlicht zu werden. Was folgt, ist ein Ausblick - auf die Gegenwart.

Rückblick: Am 3. März 1991 wurde Rodney Glen King nach einer Verfolgungsjagd von vier weißen Polizisten gestoppt und anschließend brutal verprügelt. Zufällig und glücklicherweise filmte an diesem Tag ein Anwohner den gewalttätigen Übergriff und veröffentlichte sein Bildmaterial.

Trotzdem wurden am 29. April 1992 die Polizisten freigesprochen, was die gewalttätigen Unruhen in Los Angeles auslöste.

Im Gegensatz zu damals besitzen heute viele von uns eine Kamera und führen jene stets griffbereit in ihrer Tasche mit sich herum. Doch es braucht nicht einmal ein Mobiltelefon mit integrierter Kamera, um andere Menschen über Fakten zu unterrichten. Schon 160 Zeichen und ein Funkkontakt reichen aus. Ein Beispiel: Während die chinesische Regierung bei Ausbruch der Infektionskrankheit SARS die Provinz Guangdong abriegelte, informierten SMS von Menschen aus der Region den Rest der Welt trotz Informationssperre. Eine SMS gehört somit bereits zu den Waffen der Informationsverbreitung.

Mehr Potenzial besitzen natürlich Bilder, Tonaufnahmen und Videosequenzen. Und übers Internet verbreiten sich jene digitalen Daten mit brisantem Material in kürzester Zeit. Aber auch ohne Internet lassen sich Informationen schnell verteilen, wie Armin Medosch in \"Freie Netze - Geschichte, Politik Und Kultur Offener WLAN-Netze\" aufzeigt (Buch-Download unter ftp://ftp.heise.de/pub/tp/buch_11.pdf). Dabei benötigt der Bürger nicht einmal WLAN - schon Infrarot- oder Bluetooth-Schnittstellen ermöglichen den Informationsaustausch direkt von Mensch zu Mensch, nicht nur auf den Schulhöfen dieser Welt seit Jahren ein alltäglich zu beobachtendes Prinzip.

Trotz dieser 1:1-Kommunikation verfügt das Internet natürlich über das virulenteste Potenzial der Informationsverbreitung, da der Abruf von Informationen hier logischerweise schneller und von etlichen Usern gleichzeitig möglich ist. Zu den beliebtesten Personal-Publishing-Werkzeugen gehören vor allem die individuellen Weblogs. Und um die mit Texten, Bildern und Clips zu befeuern ist kein herkömmlicher Rechner oder Laptop notwendig. Die so genannten MoBlogs, also die mobilen Weblogs, lassen sich auch gerne über Handhelds oder Mobiltelefone füttern. API sei Dank!

Da moderne Internetsoftware heutzutage zwangsläufig über eine API verfügt, ermöglicht die Schnittstelle das Anbinden zahlreicher elektronischer Gadgets. Komfortabel sind hierbei natürlich Handhelds wie die Treo-Serie von Palm mit Maustastatur und zahlreichen Features, die das Surfen und E-Mailen zum Vergnügen machen. Generell reicht jedoch ein Mobiltelefon mit Internetzugang, und den haben mittlerweile die meisten.

Demokratie zu leben bedeutet glücklicherweise nicht zwangsläufig, ständig seine Meinung kundtun zu müssen. Gelebte Demokratie heißt auch, sich selbst zu informieren, Fakten zu verifizieren und eben nicht gleich jeden Humbug, den uns Politik und Industrie vor die Nase setzen, zu fressen. Da ist es schon erstaunlich, dass mittlerweile selbst vermeintliche Spielzeuge wie Sonys PSP über jeden WLAN-Spot ins Netz schlüpfen und Wikipedia und Konsorten für einen Wissenscheck konsultieren können. Noch großartiger ist die Tatsache, dass Hacker das schnieke Gerät geknackt haben und nun eigene Programme über den Memory-Stick auf die PSP hochgeladen werden können. Zum eigenen E-Mail-Programm sind es dann nur noch ein paar Schritte.

Welches Potenzial Personal Publishing im realen Leben jenseits von Utopien hat, führte der Amerikaner Jacob Appelbaum auf dem Chaos Computer Congress Ende 2005 vor. Als Hacktivist reiste er nach den Verwüstungen von Hurricane Katrina nach New Orleans. Jacob Appelbaum berichtete während seiner Reise konstant von seinen Erfahrungen in einem Weblog. Dort veröffentlichte er Tatsachenberichte, Fotos und beschrieb unter anderem auch die Schikanen, die die amerikanische Regierung ihrem eigenen Volk antat. Ob mit Texten oder der Veröffentlichung von Telefonaten, die er als MP3 ins Netz hochlud - der Aktivist übte konstant Druck auf die Verantwortlichen aus und half den gebeutelten Menschen in New Orleans, indem er ein mediales Interesse an seinen Berichten erzeugte, die auch in den \"Big Media\" einen Widerhall fanden. Sämtliche seiner Texte durften frei genutzt und verbreitet werden, da er sie zusätzlich unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlichte. Ein Dienst an der Gemeinschaft, der indirekt sogar Leben retten kann.

Weblogs
Der Begriff Weblog ist ein Kunstwort, das die beiden Wörter \"Web\" und \"Logbuch\" vereint. In seiner Kurzform wird ein Weblog meist auch als Blog bezeichnet. Ein Weblog ist in seiner simpelsten Form eine Website, die periodisch neue Einträge enthält. Neue Einträge werden dabei in der Regel an oberster Stelle veröffentlicht. Anschließend folgen ältere Beiträge in umgekehrter chronologischer Reihenfolge. Zu den Grundfunktionen eines Weblogs gehört vor allem eine Kommentarfunktion, die Beiträge zu Diskussionen anwachsen lässt. Weblogs werden in der Regel von Einzelpersonen geführt.

API
Eine API ist eine Schnittstelle für den Austausch von Informationen. API steht hierbei für \"application programming interface\" und ermöglicht die Kommunikation zwischen verschiedenen Betriebs- oder Softwaresystemen. So ist zum Beispiel eine API notwendig, um den Datenaustausch zwischen einem Mobiltelefon und einem Weblog zu ermöglichen. Dank eines festgelegten Protokolls verstehen sich die beiden Anwendungen, und der Benutzer kann sein Weblog per Funk aktualisieren.



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aus Intro #137 (April 2006)
 
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