"Acid" von "Sonic Foundry"

Echt ätzend

26.08.1998, 03:18, Text: Autor unbekannt

Wer häufiger das Vergnügen hat, aus gesampleten Materialien so etwas wie einen Song zu basteln, dürfte dem Jüngsten Tag mit mehr als nur Furcht entgegensehen: Wenn es stimmt, was Mutter erzählt hat, daß nämlich kleine Jungs mit großen Flüchen direktemang ins Höllenfeuer wandern, täte man gut daran, seinen Emu-Sampler sofort zu verkaufen und in zeitlos schöne Asbestanzüge zu investieren. Auf diesem Hintergrund mutet das neue Produkt aus der "Sonic Foundry"-Softwareschmiede wie ein Gottesgeschenk an: "Acid" macht aus der Friemelei ein Kinderspiel - kostet aber knappe achthundert Schleifen. Also doch kein reines Gottesgeschenk. Aber den Mann mit dem Bart gibt es wahrscheinlich ohnehin nicht.
Wunder gibt es hingegen immer wieder: "Acid" stellt man sich am anschaulichsten als eine Art digitalen Multitracker vor - aber einen bemerkenswert benutzerfreundlichen.

"Acid" macht im Prinzip nichts anderes, als verschiedene Samples auf einer Zeitachse anzuordnen. Für jedes Sample gibt es eine eigene solche Achse, so daß für jeden Klang eine eigene, nun ja, "Spur" angelegt werden muß. Das ist aber nicht weiter schlimm, hängt doch die Anzahl der möglichen "Spuren" einzig und allein vom verfügbaren RAM ab. Davon hätte "Acid" in der Version 1.0 dann auch gern 32 MB, mehr kann allerdings nicht schaden.
Gibt man dem Programm die gewünschte Systemumgebung, so entpuppt sich das optisch etwas sehr bunt und unseriös anmutende tool als durchaus amtliches Werkzeug: Audiomaterial loopen, abspielen und übereinanderlegen können zwar viele Programme. "Acid" unterscheidet sich aber von einschlägigen Sequenzern dadurch, daß es einzig und allein darauf spezialisiert ist. Und so gibt es durchaus den einen oder anderen Clou: Vor allem beeindruckt die Nonchalance, mit der hier die anderenorts problematischen time-stretching- und pitch-shifting-Operationen ausgeführt werden. Audiodateien (*.wav, *.aif) werden automatisch an die vorgegebene Songgeschwindigkeit oder die gewünschte Tonhöhe angepaßt. Man muß nichts weiter tun, als das Programm über die Tonhöhe und Länge (in Viertelnoten) des (sauber geschnittenen) Ausgangssamples zu informieren, und die Sache läuft (und zwar in real time).
Auch die Auswahl des Klangmaterials gestaltet sich denkbar einfach: Unterhalb des üblichen Arrangementfensters läßt sich mit einem Klick auf den "Explorer"-Reiter tatsächlich eine Art "Windows-Explorer" einblenden, mit dem Unterschied, daß in den Verzeichnisbäumen nur kompatible Audiodateien angezeigt werden. Ein Mausklick auf eine solche genügt, um das Sample vorzuhören, vorzugsweise schon lecker als loop. So entfällt der lästige Blindflug durch das bekannte Chaos aus kryptischen Dateinamen, einfach vorhören, ob's paßt, und hernach ins Arrangement hineingezogen - fertig ist die Laube. Dabei ist die Idee mit der Vorhörfunktion ungefähr so spektakulär wie die Erfindung der Katzenklappe: So simpel und doch so praktisch, daß man sich fragt, warum vorher noch niemand drauf gekommen ist.
Und so weiter: Schon in dieser ersten Version kommt "Acid" relativ durchdacht daher. In der Tat funktionieren sämtliche Funktionen (Lautstärke, Panorama, EFX-Send-Hüllkurven and stuff) so easy, daß auch meine Oma am Rechner DJen könnte. "Acid" erlaubt die Einbindung von DirectX-Plugins, so daß dem finalen Mix mit Effekten nichts mehr im Wege steht. Abspeichern lassen sich die "Acid"-Projekte obendrein als Stereofile, was die Zusammenarbeit mit der hauseigenen CD-Brenner-Software ermöglicht. "Acid" versteht Midi Time Code und die gängigen SMPTE-Formate, die Synchronisation mit benachbarter (Midi-) Software macht bei ausreichend schneller Hardware in der Praxis keine Schwierigkeiten. Ansonsten sind es die kleinen Detaillösungen, die zu überzeugen wissen und "Acid" zu einem professionellen Arbeitsgerät machen: Die Volume-Regler rasten auf Doppelklick in der Nullstellung ein, so daß man das Sample in Originallautstärke hört. Mit "Fit to time" läßt sich das Tempo nach genauen Längenvorgaben errechnen, was seinen Nutzen sicher für Jingle- oder Werbeproduktionen hat. Und derlei Dinge mehr.
So weit, so supi. Gewöhnungsbedürftig ist allerdings, daß für jedes Sample eine eigene graphische Leiste angelegt wird, es also nicht möglich ist, auf einer "Spur" unterschiedliche Samples zu verschiedenen Zeiten abzuspielen. Das erleichtert zwar zunächst den Überblick, weil man immer weiß, welches Sample was ist, bei kleinen Monitoren und der Verwendung von vielen Klängen wandelt sich dieser Vorteil jedoch bald ins Gegenteil. Da gefällt mir das herkömmliche Mehrspur-Konzept doch besser. Und auch die Undo-Funktionen dürften ruhig noch erweitert werden: Zwar gibt es ein "Undo All", Zwischenstufen in der Undo-History sind jedoch nicht einzusehen und anzufahren. Und schließlich: Über den Preis möchte ich mich nicht äußern - über Geld spricht man nicht, hat Mutti gesagt.
Hersteller: Sonic Foundry
Produkt: "Acid" - Audio-Production-Tool
Vertrieb: M3C Systemtechnik
Systemanforderungen: Pentium 133 oder Alpha Mikroprozessor, 32 MB RAM, Windows 95, NT 4.0, Soundkarte, CD-Rom

Preis: DM 799,-



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aus Intro #56 (Juli / August 1998)
 
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